ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2000Klinische Prüfungen in Europa: Verfahren werden harmonisiert

POLITIK

Klinische Prüfungen in Europa: Verfahren werden harmonisiert

Dtsch Arztebl 2000; 97(49): A-3304 / B-2778 / C-2466

Liese, Peter

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LNSLNS Unterschiedliche Fristen und Verfahren haben bislang die Durchführung multizentrischer klinischer Studien in der Europäischen Union (EU) behindert.

Klinische Prüfungen von Arzneimitteln am Menschen sind eine wichtige Voraussetzung für den therapeutischen Fortschritt. Daher ist die bisherige Situation in der EU unbefriedigend. Die administrativen Vorgaben, Fristen und Verfahren sind in den Mitgliedstaaten sehr unterschiedlich. Das behindert vor allem die Durchführung von multizentrischen Prüfungen in verschiedenen EU-Staaten. Dies führt zu einer erheblichen Mehrbelastung für die Industrie und zu unverantwortlichen Verzögerungen bei der Prüfung und Zulassung neuer Präparate, die die Patienten dringend benötigen.
Diese unbefriedigende Situation veranlasste die EU-Kommission, einen Vorschlag zur Harmonisierung der Verfahren bei der klinischen Prüfung vorzulegen, über den in der nächsten Woche im Europäischen Parlament abgestimmt wird. Gegenüber dem ursprünglichen Vorschlag, der lediglich eine Harmonisierung der Fristen und Verfahren vorsah, haben sich der Ministerrat und das Parlament auf eine Reihe von weiteren Änderungen verständigt.
Vorgesehen ist, dass es für multizentrische klinische Prüfungen je Mitgliedstaat nur eine abschließende Stellungnahme einer Ethikkommission geben wird. Damit sollen Verzögerungen bei unklarer Kompetenzverteilung vermieden werden. Die Mitgliedstaaten können jedoch ein Verfahren einrichten, wonach die verantwortliche Ethikkommission die Voten von anderen Ethikkommissionen an den medizinischen Fakultäten und bei den Ärztekammern einbeziehen muss. Auf diese Möglichkeit hat vor allem der Arbeitskreis
Medizinische Ethikkommissionen in Deutschland großen Wert gelegt.
Für die Genehmigung einer klinischen Prüfung gilt künftig europaweit eine zeitliche Obergrenze von 60 Tagen. Bei besonders riskanten Therapien wie Gen- oder Zelltherapie sind längere Fristen vorgesehen. Der Vorschlag des Europa-Parlaments, den Ethikkommissionen längere Fristen einzuräumen als den staatlichen Behörden, stieß jedoch auf den Widerstand des Ministerrates.
Im Genehmigungsverfahren wird die Stellung der Ethikkommission gegenüber den staatlichen Behörden gestärkt. In der Regel kann mit einer klinischen Prüfung begonnen werden, wenn die zuständige Ethikkommission positiv votiert hat und die Genehmigungsbehörde bis zum Verstreichen der 60-Tage-Frist keine schriftlichen Einwände erhebt. Das heißt, dass eine schriftliche Genehmigung durch die Behörde nach einem positiven Votum der Ethikkommission nicht notwendig ist. Dies ist in Deutschland übliche Praxis, wurde jedoch in einigen Mitgliedstaaten anders gehandhabt. Eine schriftliche Genehmigung sieht die EU-Richtlinie nur in Ausnahmefällen vor.
Der Leiter einer klinischen Prüfung sollte in der Regel Arzt sein, muss aber zumindest akademisch ausgebildet und in der Arbeit mit Patienten erfahren sein. Anders als in Deutschland ist es in anderen EU-Staaten üblich, dass Krankenschwestern, Biologen, Pharmazeuten und andere Berufsgruppen klinische Prüfungen leiten. Die Forderung der Bundesregierung und des Europa-Parlaments, als Leiter nur Ärzte zu akzeptieren, scheiterte am Widerstand der Mitgliedstaaten. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass sich die Ausbildung von Krankenschwestern, die in anderen EU-Staaten klinische Prüfungen leiten, von der in Deutschland unterscheidet. Dennoch darf Deutschland die bisherige Praxis beibehalten, nach der in jedem Fall ein Arzt verantwortlich sein muss.
Für Debatten im Europa-Parlament sorgte die Frage, wie man das Thema klinische Prüfungen an nichteinwilligungsfähigen Patienten behandeln sollte. Kinder, Menschen mit geistiger Behinderung oder Altersdemenz können nicht rechtskräftig in die Teilnahme an einer klinischen Prüfung einwilligen. In den Mitgliedstaaten gelten höchst unterschiedliche Regelungen, auch in Deutschland wird über eine Novellierung des Arzneimittelgesetzes diskutiert. Ministerrat und Kommission wollten sich ursprünglich mit einem vagen Verweis auf die Bioethikkonvention des Europarates begnügen und die Regelung den Mitgliedstaaten überlassen. Für das Europäische Parlament war dies nicht akzeptabel. Es fürchtete, dass Länder, die diese Patienten mit strengen Vorgaben schützen, Wettbewerbsnachteile erleiden könnten, und forderte deshalb strenge Regeln zum Schutz von nichteinwilligungsfähigen Personen.
Eine Debatte gab es um die Frage der Ausgestaltung dieser Regeln. In der ersten Lesung wurde ein Antrag von Grünen und Sozialdemokraten angenommen, der verlangt, dass klinische Prüfungen an Nichteinwilligungsfähigen nur durchgeführt werden können, wenn diese einen direkten Nutzen davon haben. Diese Formulierung stieß zu Recht auf Kritik. Die Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde wies darauf hin, dass klinische Prüfungen gerade an Kindern notwendig sind, um deren Behandlung zu verbessern.
Nach intensiven Diskussionen mit allen Fraktionen, Mitgliedstaaten und Experten beschloss der zuständige Ausschuss des Europäischen Parlaments einstimmig einen Kompromiss, der beinhaltet, dass klinische Prüfungen an Kindern ausdrücklich erwünscht sind, aber unter angemessenen Schutzvorschriften stattfinden müssen. Diese Anforderungen gehen weit über die der Bioethikkonvention des Europarates hinaus. Es wird nicht nur verlangt, dass die nach Aufklärung erteilte Einwilligung des gesetzlichen Vertreters vorliegt. Diese Einwilligung muss den mutmaßlichen Willen des Kindes berücksichtigen und kann jederzeit rückgängig gemacht werden. Das Kind muss von im Umgang mit Kindern erfahrenem Personal entwicklungsgemäß aufgeklärt werden. Zudem haben Kinder, die von ihrem Entwicklungsstand dazu in der Lage sind, das Recht, die Teilnahme an der klinischen Prüfung zu verweigern oder zu beenden. Es darf keine finanziellen Anreize mit Ausnahme von Entschädigungen geben. Die klinische Prüfung muss für die Patientengruppe mit einem direkten Nutzen verbunden sein. Außerdem muss nachgewiesen werden, dass entsprechende Erkenntnisse nicht durch Forschung an Einwilligungsfähigen erzielt werden können. Risikoquelle und die Belastung durch die klinische Prüfung müssen definiert und ständig überprüft werden.
Für andere nichteinwilligungsfähige Personen gelten noch strengere Anforderungen. Hier kann eine klinische Prüfung nur stattfinden, wenn die Gabe des Medikamentes mit einem direkten Nutzen für den Patienten verbunden ist. Die unterschiedliche Behandlung von Kindern und anderen Nichteinwilligungsfähigen ist dadurch begründet, dass bei Kindern grundlegende Unterschiede im Stoffwechsel vorliegen und man Ergebnisse der klinischen Prüfung an Erwachsenen oft nicht übertragen kann. Der Stoffwechsel von altersdementen oder geistig behinderten Patienten ist dagegen im wesentlichen identisch mit dem gesunder Erwachsener, sodass Dosisfindungsstudien und Phase-1-Prüfungen in diesem Fall an Einwilligungsfähigen stattfinden müssen. Urinproben, Blutentnahmen, körperliche Untersuchungen und andere Eingriffe können aber im Rahmen einer klinischen Prüfung auch an diesen Patienten vorgenommen werden.
Diese Einigung im Europa-Parlament gibt zumindest eine Richtschnur vor, die strenger ist als die Konvention des Europarates und trotzdem die Forschung im Interesse dieser Patientengruppen fördert. Das Parlament wird am 12. Dezember über den Richtlinienvorschlag abstimmen, zwei Tage später werden die Ge­sund­heits­mi­nis­ter eine Entscheidung treffen.
Dr. med. Peter Liese, Berichterstatter des
zuständigen Ausschusses im Europäischen Parlament


Am 12. Dezember stimmt das Europa-Parlament über den Richtlinienvorschlag zur klinischen Prüfung ab.
Foto: Europäische Kommission
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