ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2000amnesty international: Oberste Priorität für Menschenrechte

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amnesty international: Oberste Priorität für Menschenrechte

Korzilius, Heike

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LNSLNS Seit 25 Jahren gibt es das Health Professional Network von ai, seit 20 Jahren deren „Aktionsnetz der Heilberufe“ in Deutschland – ein zwiespältiges Jubiläum.


Wir haben die Hoffnung, dass unsere Arbeit eines Tages durch den kategorischen Imperativ ,Menschenrechte haben oberste Priorität‘ abgelöst wird“, sagte Dr. med. Johannes Bastian anlässlich der Tagung zum 20-jährigen Bestehen des Aktionsnetzes der Heilberufe von amnesty international (ai) im November in Bonn. Das Aktionsnetz beschäftigt sich mit der besonderen Rolle, die Angehörige der Heilberufe im Rahmen von Menschenrechtsverletzungen spielen. Sie kommen oft unmittelbar in Berührung mit Menschenrechtsverletzungen und werden auch selbst zu Opfern, weil sie Verletzungen dokumentieren oder sich weigern, an Menschenrechtsverletzungen mitzuwirken. Andererseits sind sie nicht selten maßgeblich an der Entwicklung verfeinerter Folter- und Repressionsmethoden beteiligt. Von daher sähe es Bastian gerne, wenn sich die ärztlichen Standesorganisationen auf diesem Gebiet stärker engagierten. Auch in Deutschland gebe es ungelöste Probleme, beispielsweise die ärztliche Beteiligung bei der Abschiebung traumatisierter Flüchtlinge.
Die Ursprünge des internationalen Aktionsnetzes der Heilberufe erklärte Jim Welsh, Leiter des Medical Office von ai in London, bei der Bonner Tagung am 11. November anhand der politischen Situation der 60er- und 70er-Jahre. In damals totalitären Staaten wie Griechenland oder Argentinien habe man Ärzte systematisch in die Folter von Regime-Gegnern eingebunden. In der Sowjetunion seien politische Gefangene in psychiatrischen Kliniken untergebracht worden. „Überall wurden Ärzte als Werkzeuge des Staates eingesetzt“, so Welsh. Vor diesem Hintergrund sei das wichtigste ärztliche Bekenntnis gegen die Beteiligung an Folterungen die „Deklaration von Tokio“ des Weltärztebundes von 1975 gewesen. Dennoch, diese Ansicht teilt er mit Bastian, müssten sich die ärztlichen Standesorganisationen generell stärker engagieren: „Sie verfügen über den gesellschaftlichen Einfluss, um sich effektiv für die Menschenrechte einsetzen zu können.“
„Wir brauchen die Unterstützung ausländischer Organisationen“, betonte Dr. Veli Lök, Vorsitzender der Kommission für medizinische Begutachtung von Folter der Ärztekammer Izmir und Mitbegründer der Türkischen Menschenrechtsstiftung. „In der Türkei unterstützt uns niemand. Die Menschen wollen nichts über Folter hören, ansonsten begeben sie sich in Gefahr wie wir.“ Zunehmend unter Druck geraten dort vor allem die Ärzte und Psychologen, die in fünf Behandlungszentren der Türkischen Menschenrechtsstiftung Fälle von Folter dokumentieren und die Opfer behandeln. Nach Angaben von Lök sind seit 1980 rund eine Million Menschen in der Haft gefoltert worden. In 80 Prozent der Fälle stellten Ärzte den Opfern falsche Gutachten aus, die Folter verneinten. Die Gründe: Repressionen der Sicherheitskräfte und das Unwissen der Ärzte über Methoden, verdeckte Folterspuren festzustellen. Dass der Einsatz für die Menschenrechte nicht ungefährlich ist, belegt Löks eigener Fall. Er hatte öffentlich die Verhaftung des Arztes Alp Ayan kritisiert, weil dieser an der Beerdigung von im Gefängnis getöteten Häftlingen teilgenommen hatte. Lök wurde der Prozess gemacht, an dessen Ende es ihm gerichtlich untersagt wurde, sich innerhalb der nächsten fünf Jahre öffentlich zu Menschenrechtsfragen zu äußern.
„Die türkische Regierung hat mit Lök einen der angesehensten Ärzte des Landes attackiert, um allen anderen zu signalisieren: ,Niemand ist sicher‘“, folgerte Inge Genefke vom International Rehabilitation Council for Torture Victims (IRCT) in Kopenhagen. Genefke gilt als eine der Wegbereiterinnen für die Behandlung und Rehabilitation von Folteropfern. Das IRCT hat in den vergangenen 25 Jahren ein internationales Netzwerk von 200 Behandlungszentren etabliert und Rehabilitationsprogramme für die Opfer aufgelegt. Es widmet sich darüber hinaus der Forschung, Dokumentation und, das ist Genefke besonders wichtig, der Prävention mithilfe von Fortbildungsprogrammen für Polizei und Gefängnispersonal.
Andere Menschenrechtler setzten ihre Hoffnung auf die UNO. Um in betroffenen Staaten anhand definierter Standards Vorwürfe von Folter überprüfen zu können, hat eine internationale Gruppe von Ärzten und Psychologen Richtlinien zur Untersuchung und Dokumentation von Folter erarbeitet. Über das „Istanbul Protokoll“ soll die UN-Vollversammlung demnächst abstimmen. Heike Korzilius


Weitere Informationen im Internet unter www.amnesty.de und www.irct.org


Selbstbildnis einer Patientin des Psychosozialen Zentrums für ausländische Flüchtlinge in Köln. Die 28-Jährige stammt aus Sri Lanka.
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