ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2000Jüdische Ärzte: Intoleranz macht betroffen

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Jüdische Ärzte: Intoleranz macht betroffen

Bühring, Petra

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LNSLNS Jüdische Ärzte in Deutschland wollen sich zusammenschließen. Ein Ziel ist die Diskussion gemeinsamer Themen: Der Umgang der Kinder mit dem Holocaust-Trauma der Eltern.


Der Andrang war groß. Jüdische Ärzte trafen sich Ende November in Düsseldorf, um sich auszutauschen und den Vortrag des Psychiaters Peter Liebermann zu hören: Der Umgang der Kinder der Holocaust-Überlebenden mit dem Trauma der Eltern. Es war die achte Veranstaltung in diesem Jahr, zu der der Verband jüdischer Ärzte in Nordrhein-Westfalen eingeladen hatte. Inzwischen ist die Zahl der Mitglieder auf rund 100 gewachsen. „Es besteht ein immer größeres Interesse an unserer Organisation“, sagt der Präsident Dr. Simon Reich, Facharzt für Allgemeinmedizin in Köln. Reich will die Gemeinschaft jüdischer Ärzte in Deutschland stärken. Ein Dachverband, der die Aktivitäten in den Ländern vorantreibt, soll gegründet werden. Neben Nordrhein-Westfalen gibt es seit 15 Jahren eine Organisation jüdischer Ärzte in Berlin; weitere Gruppen existieren in München und Frankfurt.
Angst, sich zu outen
Wegen der aktuellen rechtsradikalen Ausschreitungen will der Dachverband gegen Fremdenfeindlichkeit aktiv werden und in ärztlichen Gremien beratend mitwirken. „Die zunehmende Ausländerfeindlichkeit in Deutschland macht mich betroffen“, sagte Reich. „Es geht weniger um Antisemitismus als um Intoleranz gegen alles Fremde.“ Einige Mitglieder ließen sich Post, aus der ihre Zugehörigkeit zum Verein hervorgeht, nur an ihre Privatadresse senden, berichtet Reich. „Manche haben Angst, sich als jüdischer Arzt zu outen.“
Ziele des Dachverbandes sind der fachliche Austausch über Krankheiten, die in der jüdischen Bevölkerung vergleichsweise häufig vorkommen. Aschkenasische Juden aus Osteuropa beispielsweise stellen eine besondere Risikogruppe für die genetisch bedingten Stoffwechselstörungen Morbus Goucher und die Tay-Sachs-Krankheit dar. Der Dachverband will ethische Grundsätze in der Gentechnologie mitbestimmen: Ein Symposium zum Thema
„Judentum und Genetik“ fand im September in Antwerpen statt.
Etwa 2 500 jüdische Ärzte leben zurzeit in Deutschland, schätzt Reich. Für die in den letzten Jahren aus Russland immigrierten Ärzte sollten die Ärztekammern mehr Integrationshilfen anbieten, zum Beispiel Ausbildungsplätze in Praxen und Ambulanzen, fordert Dr. med. Peter Summa-Lehmann, Rheinische Landeskliniken Düren.
Der Vortrag des auf Traumabehandlung spezialisierten Psychiaters Peter Liebermann, Stiftung Tannenhof, Remscheid, verdeutlichte, wie schwierig es ist, die konkreten Auswirkungen der Holocaust-traumatisierten Eltern auf die Kinder zu fassen. Die psychischen Folgen der Opfer wurden in der Literatur häufig beschrieben: Zerstörung des Grundvertrauens, Überlebensschuld, Erschöpfungszustände, psychosomatische Beschwerden, Schlafstörungen und Depressionen. Für die Kinder blieben viele Reaktionen der Eltern unverständlich und fremd, erklärt Liebermann, der sich mit dem Thema auch aus eigener Betroffenheit beschäftigt. „Das Trauma der Eltern wird unweigerlich von einem oder beiden Elternteilen übertragen.“ Die zweite Generation, und zum Teil auch die dritte, habe oft mit psychischen Problemen zu kämpfen: Aggressionen können nicht situationsadäquat geäußert werden; die gefühlsmäßige Autonomie von den Eltern wird selten erreicht. Die Identitätsbildung gelinge nur schwer: Kann man sich mit dem Land, in dem man lebt, identifizieren, oder sollte Israel als Heimat gewählt werden?
Eine Studie aus New York (Rachel Yehuda et al. 1998 und 2000) ergab, dass die Kinder der Überlebenden eine Hochrisikogruppe für Posttraumatische Belastungsstörungen darstellen. Ebenso fand sich ein größeres Ausmaß an Angst und affektiven Störungen als in der Kontrollgruppe. Eine israelische Studie (Lea Baider et al. 2000), die Frauen mit Brustkrebs untersuchte, stellte bei Töchtern von Überlebenden ein deutliches Risiko für Angststörungen, Depressionen und psychosomatische Symptome fest.
Liebermann betont, dass „das Trauma die Nachgeborenen beeinflusst, doch sind die Auswirkungen nicht vorhersehbar“. Der historische Kontext müsse in der Behandlung berücksichtigt werden, doch dürfe man die
zweite Generation nicht in jedem Fall wegen des elterlichen Traumas pathologisieren. Petra Bühring


Das Staatsmuseum Auschwitz-Birkenau in Polen dient als Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus.
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