ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2000WHO-Aktion gegen Tabak: Mit Tricks zum Ziel oder - Wie man Zustimmung organisiert

POLITIK

WHO-Aktion gegen Tabak: Mit Tricks zum Ziel oder - Wie man Zustimmung organisiert

Dtsch Arztebl 2000; 97(49): A-3312 / B-2792 / C-2592

Maes, Hans-Joachim

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LNSLNS Wir hatten eine gute Resonanz erwartet“, formulierte Derek Yach, Exekutiv-Direktor der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO), „und nun sind wir sehr ermutigt durch die überwältigende Resonanz.“
Die Begeisterung des Exekutiv-Direktor stand in der WHO-Pressemitteilung 54 vom 1. September 2000. Sie galt einer Etappe im bislang ehrgeizigsten Projekt der WHO, der Einführung einer „Framework Convention on Tobacco Control“ (FCTC). In dieser Konvention sollen Werbeverbote und ähnliche Instrumente der Tabakkontrolle verbindlich für alle 191 Mitgliedstaaten der WHO festgeschrieben werden.
Überwältigt war Yach vom Echo auf einen Aufruf der WHO vom 18. Mai 2000. Darin hatte die WHO alle FCTC-Interessenten eingeladen, ihre Auffassungen in öffentlichen Hearings darzulegen. Die fanden, begleitet von großem Medienecho, am 12. und 13. Oktober in Genf statt, mit 144 Rednern. Wichtiger noch als diese Veranstaltung waren für die WHO die Stellungnahmen („Submissions“), die „von allen interessierten Institutionen in jeder der sechs offiziellen Sprachen der Vereinten Nationen“ abgegeben werden durften.
Strenge Regeln waren gesetzt: Organisationen und Institutionen durften nur eine Submission abgeben. Sie mussten sich eindeutig identifizieren, darlegen, mit welchem Mandat sie agierten, welches Interesse sie an der FCTC hätten, wie sie sich finanzierten und so weiter. „Unter gar keinen Umständen“ werde die Abgabefrist – „Geschäftsschluss in Genf am 31. 8. 2000“ – verlängert, hieß es. Schon am Tag danach verkündete die WHO, über 500 schriftliche Submissionen seien eingegangen.
Tatsächlich aber hatte der Aufruf der WHO offenbar nur geringe Resonanz. Nicht einmal alle Mitglieder der
„Framework Convention Alliance“ rangen sich zu Submissionen durch; keine Stellungnahmen kamen von tatsächlich relevanten Institutionen wie der „American Public Health Association“, der „British Medical Association“, der „Canadian Medical Association“. Die WHO-Vorfeldorganisation INGCAT (International Non-Governmental Coalition Against Tobacco, Zitat: „Wir können härter auftreten als die WHO“), die hinter den Kulissen die „Nicht-Regierungs-Organisationen“ auf Trab bringen sollte, schaffte es lediglich, die Hälfte ihrer Mitgliedsorganisationen zu aktivieren. Die Zahl von mehr als 500 wurde nur mit Tricks erreicht. Unter den 507 Submissionen auf der WHO-Internetseite finden sich zum Beispiel 79 Doubletten. Die sind nicht etwa von bösmeinenden Absendern der WHO untergeschoben, sondern von der WHO selbst produziert worden, etwa so:
Aus 1 mach 2 
Ein Text der „Belgischen Nationalen Koalition
gegen Tabak“ wird zweimal eingestellt:
einmal unter „Belgisch“, dann unter „National“.
So wurde mehrfach verfahren, selbst das
Tabakunternehmen Zino Davidoff wurde dupliziert
(Submission 1: „Davidoff“, Submission 2: „Zino“).
In einem Fall wurde ein Absender „National Committee on Smoking Control“ genannt – den es geben mag, nicht aber dessen angebliche Submission. Die WHO verdoppelte kurzerhand die Submission eines koreanischen Tabak- und Ginsengunternehmens und schob sie dem „National Committee“ unter.
Aus 1 mach 3
Eine Textvorlage aus Ahmedabad wird, krumm und schief, auf drei Briefköpfe von drei Firmen montiert.
Aus 1 mach 6
Ein Text einer Herzstiftung in Venezuela wird als Submission von dort sowie als eine solche aus Argentinien, Brasilien, Guatemala, Mexiko und Panama ausgegeben.
Nicht nur, dass es weit weniger Submissionen gab als von der WHO aufgeführt (Gesamtliste der WHO ist die Datei „fctc“.cfm, Pfad war: www-nt.who/
int/whosis/statistics/fctc/fctc.cfm): Viele Submissionen sind nicht im entferntesten das, als was die WHO sie ausgibt.
Die WHO hat als Submission eingestellt:
- Schreiben, die nur wenige Sätze umfassen, etwa von einer Theatertruppe, einer Radiostation, einem Möbelhändler, einem Softwarehändler, einem Textil-Exporteur. Jedes dieser Schreiben hat die WHO als eigenständige Submission aufgeführt.
- Als Submissionen wurden in etwa 15 Fällen Texte eingestellt, in denen FCTC gar nicht thematisiert war.
- Unter den vermeintlich aktuellen Submissionen finden sich eine Rede vom März 2000, eine Betriebsvereinbarung zum Rauchen aus dem Jahre 1998, zwei Artikel aus Vorjahren. Ein Unternehmen wirbt für seinen transgenen Tabak, ein anderes erheischt Hilfe beim Hanfanbau, weitere loben die eigenen Produkte der „Nikotin-Ersatztherapie“. Andere haben die Selbstdarstellung ihrer Organisation geschickt, ohne ein Wort über WHO oder FCTC zu verlieren.
Nicht nur die inhaltlichen Vorgaben hat die WHO missachtet. Die Not nach Vorzeigbarem war wohl so groß, dass auf einmal auch die „deadline“, die „unter gar keinen Umständen“ verlängert werden sollte, zumindest für die WHO nicht mehr galt.
Kurzum – von 507 Submissionen auf der WHO-Webseite sind 67 nicht analysierbar. Von den analysierbaren 440 Submissionen sind 111 bei der WHO bearbeitet worden. Als „Autor“ ist in 98 Fällen „Helen Green“ angegeben. Eine Frau Helen Green wurde von der WHO als Assistentin von Exekutiv-Direktor Derek Yach benannt.
Dies heißt nicht, dass Frau Green alle oder viele Submissionen selbst verfasst haben muss. Es bedeutet aber, dass die Submissionen auf ihrem Computer bearbeitet wurden. Nur fünf der 98 Submissionen enthalten kritische Anmerkungen zur FCTC, alle anderen sind zum Teil enthusiastische Befürwortungen der WHO-Politik.
Mit dem Nachweis der Bearbeitung am Computer von Helen Green verbindet sich die Feststellung, dass die Person, die diesen Computer benutzt hat, zur Kenntnis genommen hat, dass Texte als Submissionen der Weltöffentlichkeit präsentiert wurden, die keine Submissionen waren.
Quellennachweise beim Autor
Hans-Joachim Maes
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