ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2000Evidenzbasierte Medizin: Vier Gebote

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Evidenzbasierte Medizin: Vier Gebote

Jonitz, Günther

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LNSLNS Ärztinnen und Ärzte werden durch eine evidenzbasierte Medizin (EbM) in die Lage versetzt, sich selbst die wissenschaftlichen Informationen zu besorgen, zu bewerten und relevante Erkenntnisse in die Behandlung der Patienten einzubringen. Gegebenenfalls kann der Arzt begründen, warum er etwas nicht tut. Sie werden aufgefordert, ihr eigenes Handeln, ihre Ergebnisse kritisch zu hinterfragen und gleichzeitig Wege zu finden, kontinuierlich auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Ziel der evidenzbasierten Medizin ist die optimale Diagnostik und Therapie auf dem Boden weitgehend gesicherter Erkenntnisse oder – wo keine brauchbaren Studien vorliegen – das Erkennen der Relativität des ärztlichen Handelns.
Mithilfe der EbM kann der Arzt die Qualität von Fortbildungsveranstaltungen und von wissenschaftlichen Originalarbeiten erkennen und bewerten. Folge: Keine Resignationen mehr angesichts der Flut an wissenschaftlichen Informationen. Er kann mit Kollegen erfolgreich diskutieren, ob eine bestimmte Therapie oder diagnostische Maßnahme für die Patienten relevant ist. Die ärztliche Freiheit wird durch gesichertes Wissen gestärkt. Ihr ärztliches Können bleibt dauerhaft gut.
Als Mitverantwortlicher für die Organisation im Gesundheitswesen profitiert der Arzt durch die bessere Erkenntnis darüber, welche medizinischen Maßnahmen sinnvoll, angemessen und notwendig und damit bezahlbar sind. Gibt es zu bestimmten Fragen keine gesicherten Erkenntnisse, wird offenkundig, wo gezielte klinische Forschung fehlt. Wo es keine objektive Wahrheit gibt, wird zumindest die Grauzone der Entscheidung offenbar; die Wahrhaftigkeit nimmt zu.
Evidenzbasierte Medizin stellt die Abkehr von der bisherigen autoritär gesteuerten Medizin dar. Durch den konsequenten Bezug auf wissenschaftliche Erkenntnisse sind Fehlsteuerungen durch einzelne Personen erschwert. Durch den klaren Bezug auf patientenbezogene Ergebnisse werden die Humanität und Ethik im Gesundheitswesen gestärkt und die Glaubwürdigkeit von Arzt und Wissenschaft erhöht. Evidenzbasierte Medizin führt zu einer Neuorientierung, und zwar in Richtung eines lernenden Systems, das sich daran misst, wovon der Patient einen konkreten Nutzen hat.
Der EbM-praktizierende Arzt sollte nach David Sackett vier Grundanforderungen erfüllen: erstens die Beherrschung der primären ärztlichen Tugend, Anamnese und klinischen Status zu erheben. Ohne diese wird der Arzt nicht wissen, was für die Patienten und für den Arzt im Vordergrund steht und wo am besten mit der Behandlung begonnen wird. Auch das Wissen ersetzt nicht das ärztliche Können.
Zweitens: die Bereitschaft, ein Berufsleben lang selbstständig zu lernen und sich fortzubilden – wenn nicht, wird das Wissen schnell veraltet sein.
Drittens: die Bewahrung der ärztlichen Demut, sonst fällt der Arzt vermeintlichen Höhenflügen oder Fortschritten in der Medizin zum Opfer.
Der Arzt sollte vor allem mit Begeisterung, aber auch mit Respektlosigkeit an die Sache herangehen, denn ohne diese würde ihm der Spaß entgehen, der mit den Inhalten und Geisteshaltung der evidenzbasierten Medizin verbunden ist.

Dr. med. Günther Jonitz
Präsident der Ärztekammer Berlin
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