ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2000Ernährungsmedizin: Steigender Bedarf an qualifizierten Ärzten

THEMEN DER ZEIT

Ernährungsmedizin: Steigender Bedarf an qualifizierten Ärzten

Dtsch Arztebl 2000; 97(49): A-3325 / B-2805 / C-2605

Eckel, Heyo; Beleites, Eggert; Auerswald, Ursula; Kolkmann, Friedrich-Wilhelm; Wolter, Udo; Schauder, Peter; Brandstädter, Walter; Crusius, Andreas; Everz, Dieter; Friebel, Henning; Schulze, Jan

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LNSLNS Wie Bundes­ärzte­kammer und Lan­des­ärz­te­kam­mern die Voraussetzungen schaffen, um europäische Richtlinien im Bereich Ernährungsmedizin für deutsche Ärzte umzusetzen.


Jeder Patient hat ein Anrecht auf ernährungsmedizinische Versorgung nach dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaft. Dies wird Inhalt des Abschlussberichts der Kommission sein, die derzeit im Auftrag des Europarats Richtlinien für die ernährungsmedizinische Versorgung im Krankenhaus erarbeitet. Damit entsteht ein Bedarf an ernährungsmedizinisch qualifizierten Ärztinnen und Ärzten, die in der Lage sind, diese Richtlinien umzusetzen (1). Zusammen mit der Bundes­ärzte­kammer haben Lan­des­ärz­te­kam­mern gute Voraussetzungen für die ernährungsmedizinische Weiter- und Fortbildung geschaffen. Hinsichtlich der Inhalte ist inzwischen ein weitgehender Konsens erreicht, hinsichtlich der Zertifizierung noch nicht.

Curriculum: Über lange Zeit fehlte ein allgemein akzeptiertes Konzept, welche Kenntnisse vermittelt werden sollten, um die ernährungsmedizinische Patientenversorgung in Klinik und Praxis sicherzustellen. Dies änderte sich erst 1998 mit der Herausgabe des „Curriculum Ernährungsmedizin“ durch die Bundes­ärzte­kammer (2). Das Curriculum richtet sich an Ärztinnen und Ärzte nahezu aller Teildisziplinen in der Medizin. Es hat die Bewahrung, Verbesserung und Wiederherstellung von Gesundheit durch Nahrungsmittel und Nährstoffe zum Inhalt. Im Mittelpunkt stehen Prävention und Therapie der zahlreichen ernährungsabhängigen Krankheiten sowie der krankheitsbedingten Mangelernährung. Die im Curriculum detailliert aufgeführten Themen sind derzeit bundesweit die Basis für eine nach einheitlichen Qualitätskriterien durchgeführte ernährungsmedizinische Qualifizierung.

Zertifizierung: Für die Sicherstellung der ernährungsmedizinischen Versorgung in Klinik und Praxis müssen weitere Anreize geschaffen werden, damit die neu geschaffene Qualifizierungsmöglichkeit von ausreichend vielen Ärztinnen und Ärzten wahrgenommen wird. Die Ärztekammern haben dies durch Zertifizierung der Teilnahme am Curriculum Ernährungsmedizin getan.
Die Überlegungen zur angemessenen Zertifizierung finden in einem schwierigen Umfeld statt, das heißt, zu einer Zeit, in der um die beste Strategie für eine generelle Neuordnung der ärztlichen Weiter- und Fortbildung noch gerungen wird. Da ist es nicht verwunderlich, wenn die Ärztekammern noch kein einheitliches Konzept erarbeitet haben, um ein bisheriges Randgebiet der Medizin angemessen in die ärztliche Weiter­bildungs­ordnung und Fortbildungsordnung zu integrieren.
Derzeit besteht die verwirrende Situation, dass die Teilnahme am Curriculum Ernährungsmedizin unterschiedlich zertifiziert wird. Die Ärztekammern erteilen dafür entweder Weiterbildungs- oder Fortbildungszertifikate. Daneben werden von sonstigen Organisationen, die Veranstaltungen auf der Basis des Curriculum Ernährungsmedizin anbieten, Zertifikate („Qualifikationen“) vergeben, die nicht in der ärztlichen Weiterbildungs- und Fortbildungsordnung verankert sind.
Der Stellenwert dieser drei Kategorien von Zertifikaten ist aus berufsrechtlicher Sicht jeweils unterschiedlich. Es liegt im Interesse der Ärztinnen und Ärzte, die sich ernährungsmedizinisch qualifizieren wollen, diese Unterschiede zu kennen (3).

Weiterbildung: Derzeit ist die Ernährungsmedizin nur in der Weiter­bildungs­ordnung der Ärztekammer Niedersachsen verankert. Im Herbst 1998 hat die Kammerversammlung die Kammersatzung geändert und eine Fachkunde Ernährungsmedizin eingeführt (4). Zwar soll im Zuge der Weiterentwicklung der geltenden (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung von 1992 der Begriff „Fachkunde“ entfallen, dies wird aber nichts daran ändern, dass die Ernährungsmedizin in der Weiter­bildungs­ordnung verankert bleibt. Die Möglichkeit einer gebietsbezogenen, nicht obligatorischen Qualifikation soll beispielsweise nicht angetastet werden (5). Da mit Ergebnissen vermutlich nicht vor 2003 zu rechnen ist, verbleibt reichlich Zeit, darüber nachzudenken, was die „Fachkunde Ernährungsmedizin“ in einer novellierten (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung ablösen könnte, beziehungsweise wie die Ernährungsmedizin weiter aufgewertet werden muss, damit die erwähnten gesundheitspolitischen Forderungen umgesetzt werden können.

Fortbildung: Im Gegensatz zur Weiterbildung ist Fortbildung für jeden praktizierenden Arzt Pflicht. Die ärztliche Berufsordnung verpflichtet jeden praktizierenden Arzt dazu, sich in einer für die Ausübung seines Berufes angemessenen Form fortzubilden und dies gegenüber der Ärztekammer nachweisen zu können. Nach Vorstellung des 97. Deutschen Ärztetages sind geeignete Fortbildungsveranstaltungen unter anderem Kongresse sowie Fortbildungsveranstaltungen der Ärztekammern, Berufsverbände, wissenschaftlichen Fachgesellschaften und Ärztevereine (3).
Da die Verankerung der Ernährungsmedizin in die (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung noch die Ausnahme ist, und die Teilnahme am Curriculum Ernährungsmedizin in der Regel als Fortbildung gilt, vergeben die Ärztekammern dafür ein Fortbildungszertifikat. Es belegt, dass der ärztlichen Berufsordnung Genüge geleistet wurde. Den Ärztekammern wurde empfohlen, es gegenseitig anzuerkennen (2). Die Nomenklatur dieser Zertifikate kann von Ärztekammer zu Ärztekammer unterschiedlich sein. So vergibt die Ärztekammer Hamburg beispielsweise ein „Zertifikat Ernährungsmedizin“.

Andere Angebote: Ärztekammern besitzen kein Monopol für die Durchführung von Veranstaltungen auf der Basis des Curriculum Ernährungsmedizin. Ärztinnen und Ärzte können inzwischen aus einem wachsenden Angebot sonstiger Anbieter auswählen, die Zertifikate außerhalb der ärztlichen Weiterbildungs- und Fortbildungsordnung vergeben. Aus berufsrechtlicher Sicht sind solche Zertifikate bedeutungslos.
Beispiele für derartige Qualifikationen sind der „ernährungsbeauftragte Arzt“ oder die „Zusatzqualifikation Ernährungsmedizin“ der Deutschen Akademie für Ernährungsmedizin (6). Im Interesse der Ärztinnen und Ärzte, denen solche Angebote unterbreitet werden, sollte über diesen Punkt Klarheit herrschen, zumal wenn die Angebote von irreführenden Aussagen begleitet sind, wie „Die Regelung gilt vorübergehend, bis die Lan­des­ärz­te­kam­mern eine entsprechende Qualifikation zertifizieren“ (6).
Warum sollten sie? Ärztekammern zertifizieren die Teilnahme am Curriculum doch bereits, entweder im Rahmen der Weiter­bildungs­ordnung oder der ärztlichen Berufsordnung (Fortbildungsordnung). Darin ist eine „Zusatzqualifikation Ernährungsmedizin“ nicht vorgesehen. Es ist auch irreführend, wenn rein kommerzielle Anbieter des Curriculums den Eindruck erwecken, als sei die Teilnahme an ihrer Veranstaltung eine Garantie für die Verleihung der Fachkunde Ernährungsmedizin durch eine Ärztekammer.

Ausblick: Zur Umsetzung der Europarat-Initiative bedarf es außer ernährungsmedizinischer Weiter- und Fortbildung konzeptioneller und struktureller Verbesserungen. Wir werden in Kürze entsprechende Vorschläge unterbreiten. Ein wichtiger Aspekt wurde bereits vom Deutschen Ärztetag 2000 angesprochen. Er forderte die für die ambulante und stationäre Behandlung verantwortlichen Vertragspartner und Gesundheitspolitiker auf, „die Voraussetzungen zu schaffen, dass ernährungsmedizinischer Sachverstand effizient eingesetzt und adäquat vergütet wird“ (7).

zZitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2000; 97: A 3325–3326 [Heft 49]

Literatur
1. Schauder P, Auerswald U, Brandstädter W, Crusius A, Eckel H, Friebel H, Kolkmann FW, Schulze J, Wolters U: Europarat-Initiative. Mangelernährung – ein zunehmendes Problem. Dt Ärztebl 2000; 97: A-354 [Heft 7].
2. Curriculum Ernährungsmedizin: Texte und Materialien der Bundes­ärzte­kammer zur Fortbildung und Weiterbildung. Band 19. Bundes­ärzte­kammer (Hrsg.), 1. Auflage 1998.
3. Bundes­ärzte­kammer, Geschäftsführung: Nomenklatur in der ärztlichen Weiterbildung und Fortbildung. An die wissenschaftlich-medizinischen Fachgesellschaften und Berufsverbände. Az.: 650, 11. 11. 1994.
4. Mitteilungen der Ärztekammer Niedersachsen. Änderung der Kammersatzung. Niedersächsisches Ärzteblatt 1999; 72: 46–47.
5. Korzilius H: Weiterbildung à la carte. Dt Ärztebl 2000; 97: A-1189–1190 [Heft 18].
6. Zusatzqualifikation „Ernährungsmedizin“ geschaffen. Dt Ärztebl 1999; 96: A-2868 [Heft 45].
7. Ernährungsberatung – eine ärztliche Aufgabe: Beschluss des 103. Deutschen Ärztetags 2000 in Köln. Dt Ärztebl 2000; 97: A-1392 [Heft 20].

Anschrift für die Verfasser:
Prof. Dr. med. Peter Schauder
Akademie für Ernährungsmedizin Hannover
Berliner Allee 20
30175 Hannover


„Weniger ist mehr“ von Dr. Rita Böing, Korschenbroich, Aeskulap-malt-Ausstellung, Mai 2000
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