ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/1996175. Geburtstag des „Freischütz“: Festliches „Open Air“-Konzert

VARIA: Feuilleton

175. Geburtstag des „Freischütz“: Festliches „Open Air“-Konzert

Juds, Bernd

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LNSLNS Für ein paar Stunden war in der Berliner Friedrichsstadt um den Gendarmenmarkt wieder alles wie zu Heines Zeiten. Er hatte 1821 notiert: "Wenn Sie vom Brandenburger Tor nach dem Königstor gehen, hören Sie . . . ewig dieselbe Melodie, das Lied aller Lieder, den ,Jungfernkranz'". In der U-Bahn und in der Friedrichstraße wurde gesummt, geträllert, gepfiffen: eben dieser "Jungfernkranz", der Jägerchor oder Maxens Arie. Webers "Freischütz", auf den Monat genau 175 Jahre nach seiner Welttaufe, ist brandaktuell – vor allem hier, am alten Schauspielhaus, dem Ort der Uraufführung.
Anno 1817 hatte der Komponist zur Volkssage vom "Wilden Jäger" die erste Arie notiert, im Mai 1821 in der benachbarten Berliner Behrensstraße die letzte hinzugefügt. Zum 18. Juni 1821 wurden die Theaterzettel gedruckt. Im Schauspielhaus fand um 18 Uhr das nationalmusikalische Spektakel statt – sechs Jahre nach der antinapoleonischen Schlacht von Belle-Alliance. Weber stand selbst am Pult. Prominenz im Publikum: E. T. A. Hoffmann (43), Heine (24) und der blutjunge Mendelssohn (12). Der preußische Hof hatte Wochen zuvor den "Freischütz" zur Eröffnung des neuerbauten Schinkelschen Schauspielhauses abgelehnt und Goethes "Iphigenie" vorgezogen. Weber jedenfalls konnte dann "lärmenden Applaus" im Tagebuch notieren, das Publikum im Schauspielhaus habe "viele da capos" verlangt.
Just an diesem historischen Ort fand die Festauffüh-rung zum 175. Geburtstag von Webers Hit statt. Tausende Zuhörer, mit Regen-capes versorgt, füllen Tribünen und Parkett auf dem Gendarmenmarkt, in der ersten Reihe ein Nachfahr des Komponisten. Während auf spärlichst dekorierter Bühne vor dem Orchester (Leitung: Ralf Weikert) die Protagonisten Max und Agathe (Thomas Moser/Inga Nielsen) unter deutsch-romantischem Geweihdekor Liebe in der Erbförsterei vorführen, ballen sich brandenburgische Sommerwolken malerisch hoch über der "Wolfsschlucht".
Geschichte geht über den Gendarmenmarkt: hier hörte Mozart seine "Entführung". Hier spielte Iffland den Nathan. Hier wurden Paganini, Offenbach – und nazitreue Mimen nebst Görings Emmy gefeiert. Hier wurde Kultur geboren und zerstört: 1945 zündete die SS das halbzerstörte Haus an. Wiedereröffnet 1984 als Konzerthaus, steht es zwischen den beiden wiedererbauten Domen – und gläsernen Kapitalpalästen. Bernd Juds
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