ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2000Atosiban zur Wehenhemmung : Erfahrungen mit dem Oxytocin-Rezeptorantagonisten

MEDIZIN: Editorial

Atosiban zur Wehenhemmung : Erfahrungen mit dem Oxytocin-Rezeptorantagonisten

Dtsch Arztebl 2000; 97(50): A-3426 / B-2877 / C-2556

Friese, Klaus

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LNSLNS Etwa zwei Drittel aller Frühgeburten sind auf vorzeitige Wehen, vorzeitigen Blasensprung und eine Zervixinsuffizienz zurückzuführen. Obwohl die tatsächlichen Ursachen für eine vorzeitige Wehentätigkeit und den vorzeitigen Blasensprung im Einzelfall schwer zu eruieren sind, weisen viele Untersuchungen der letzten Zeit auf eine lokale und systemische Infektion als auslösenden Faktor hin (5, 6, 8). Die Frühgeburtenrate selbst ist in allen industrialisierten Ländern seit 20 Jahren relativ konstant bei sechs Prozent geblieben. Nach Auflistung des Statistischen Bundesamts sind die Frühgeburtsziffern unter Berücksichtigung der Geburtsgewichte seit 1980 in Deutschland praktisch unverändert (10). Bei Betrachtung dieser enttäuschenden Zahlen muss jedoch beachtet werden, dass durch Maßnahmen der Reproduktionsmedizin bei Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch zwangsläufig Mehrlinge entstehen, die per se ein deutlich höheres Frühgeburtenrisiko haben und die in ihrer Häufigkeit in den letzten 20 Jahren zugenommen haben. Trotz intensiver Bemühungen, vorzeitige Geburten auch in Deutschland zu verhindern, sind die Erfolge in der Senkung der perinatalen Mortalität in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten vor allem auf die großen Fortschritte in der neonatalen Intensivüberwachung und auf Konzentration der Behandlung von Patientinnen mit drohender Frühgeburt in Perinatalzentren zurückzuführen (1, 7).
Seit vielen Jahren wird die Tokolyse, die Wehenhemmung, mit Beta-2-Sympathikomimetika als Therapieverfahren der ersten Wahl angewandt. Zusätzlich erfolgt heute fast ausschließlich die kombinierte Behandlung mit Magnesium-Präparaten. Magnesium hat einen eigenen direkten wehenhemmenden Effekt, der jedoch erst bei relativ hohem Plasmaspiegel wirksam wird (3). Das in Deutschland zumeist verwendete Beta-2-Sympathikomimetikum Fenoterol weist gravierende Nebenwirkungen auf. Alternativen zum Fenoterol sind Ritodrin, Terbutalin und Clenbuterol. Die unerwünschten Arzneimittelwirkungen der Tokolytika sind durch ihren pharmakologischen Ansatz bedingt. Vor allem Tachykardie, Steigerung des Herzzeitvolumens, vermehrte Wasserretention mit Lungenödemgefährdung spielen eine große Rolle. Jedoch kann durch die Gabe eines Beta-1-Blockers, wie zum Beispiel Metoprolol, das Nebenwirkungsprofil verbessert werden (9).
Zurückhaltende Indikation für Beta-2-Sympathikomimetika
Nach zahlreichen Studien wird die Wirksamkeit der Beta-2-Sympathikomimetika zur Tokolyse gegenwärtig sehr zurückhaltend gesehen. Jedoch haben die Ergebnisse eindeutig gezeigt, dass zumindest kurzfristig eine Wehenhemmung nach intravenöser Applikation erreicht und die Geburt häufig mindestens um zwei Tage verzögert werden kann. Dieses Zeitintervall kann im einzelnen Fall sehr nützlich sein, da eine Induktion der fetalen Lungenreife mit Glucocorticoiden, insbesondere Betamethason, und ein Transport in ein Perinatalzentrum möglich wird (2, 3). Dem gegenüber wird bezweifelt – was klinisch jedoch relevant ist – , dass eine Langzeittokolyse wirklich zu einer klinisch bedeutsamen Schwangerschaftsverlängerung führt.
Der Ansatz zur Verbesserung der Tokolyse war aufgrund dieser Daten und angesichts der zum Teil massiven Nebenwirkungen sehr wünschenswert. Deshalb stellt die von Winkler und Mitarbeitern vorgestellte Substanz Atosiban, ein Oxytocin-Antagonist, eine Alternative zur bisherigen Therapie dar. Atosiban ist ein kompetitives Oxytocin-Vasopressin-Analogon und bindet am myometranen Zellrezeptor. Gleichzeitig werden die Vasopressin-Rezeptoren antagonistisch blockiert, sodass die typischen Nebenwirkungen herkömmlicher Tokolytika unter Atosiban-Therapie vermindert auftreten (4).
Jedoch war das neue Pharmakon, auf das die Geburtshilfe große Hoffnungen gesetzt hatte, nicht wirksamer als Fenoterol, aber deutlich effektiver als Ritodrin, wie die Geburtshelfer der Charité zeigen konnten. Somit stellt der Oxytocin-Antagonist Atosiban einen interessanten neuen Therapieansatz aufgrund des deutlich günstigeren Nebenwirkungsprofils gegenüber Fenoterol dar. Die Kehrseite der Medaille beim Atosiban ist jedoch, dass die Behandlung gegenüber Fenoterol um ein Vielfaches teurer ist. Während die Substanz in Europa jetzt bereits ihre praktische Anwendung findet, hat Atosiban von der FDA die Zulassung bisher nicht erhalten. Es besteht jedoch die berechtigte Hoffnung, dass weitere innovative Therapieansätze den Weg in die Praxis finden und dass auch von Seiten der Geburtshelfer über eine zurückgehende Zahl der Frühgeburten berichtet werden kann.
zZitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2000; 97: A 3426–3427 [Heft 50]

Literatur
 1. Briese V: Aktuelle Aspekte zur Frühgeburt. Zentralbl Gynäkol 1995; 117: 393–401.
 2. Dudenhausen JW, Büscher U: Zuverlässigkeit der Abschätzung des Frühgeburtsrisikos. Gynäkologe 1996; 29: 585–589.
 3. Egarter C: Medikamentöse Therapie vorzeitiger Wehen und des vorzeitigen Blasensprungs. Gynäkologe 1998; 31: 962–969.
 4. Goodwin TM, Valenzuela GJ, Creasy G: Dose ranging study of the oxytocin antagonist atosiban in the
treatment of preterm labor. Obstet Gynecol 1996; 88: 331–336.
 5. Hampel M, Friese K, Pracht I et al.: Bestimmung der Zytokine und Zytokinrezeptoren bei Frühgeburtlichkeit. Geburtsh Frauenheilk 1995; 55: 483–489.
 6. Hillier SL, Nugent RP, Eschenbach DA et al.: For the vaginal infections and prematority study group. Association between bacterial vaginosis and preterm delivery of low-birth-weight infants. N Engl J Med 1995; 333: 1737–1742.
 7. Kari MA, Hallmann M, Eronen M et al.: Prenatal dexamethasone treatment in conjunction with rescue therapy of human surfactant: a randomized placebo-controlled multicenter study. Pediatrics 1994; 93: 730–736.
 8. Reimer T, Friese K: Aktuelle Erkenntnisse zur Bedeutung der Zytokine bei der Wehenentstehung. Geburtsh Frauenheilk 2000; 60: 182–186.
 9. Reimer T, Friese K: Therapie der drohenden Frühgeburt. In: Friese K, Plath C, Briese V, eds.: Frühgeburt und Frühgeborenes. Berlin, Heidelberg: Springer 2000; 198–205.
10. Rettwitz-Volk W: Epidemiologische Aspekte der Frühgeburtlichkeit. Perinat Med 1996; 8: 15–18.

Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. med. Klaus Friese
Frauenklinik und Poliklinik
Medizinische Fakultät der Universität Rostock
Doberaner Straße 142, 18057 Rostock


Frauen- und Poliklinik (Direktor: Prof. Dr. med. Klaus
Friese) der Universität Rostock

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