ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2000„Graue“ Literatur in Metaanalysen

MEDIZIN: Referiert

„Graue“ Literatur in Metaanalysen

bt

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LNSLNS In Metaanalysen ist häufig nicht nur bereits publizierte Literatur zu dem behandelten Thema zusammengefasst und ausgewertet, sondern häufig werden auch Studien berücksichtigt, die nicht oder noch nicht publiziert worden sind. Ob solche „graue Literatur“ das Ergebnis von zusammenfassenden Sammeluntersuchungen beeinflusst, wollten die Autoren herausfinden. Sie fanden in 33 Publikationen über klinische Effektivitätsstudien, dass Ergebnisse nicht publizierter Arbeiten mit benutzt worden waren – 61 Prozent davon waren Abstracts, andere waren interne Dokumente, beispielsweise der amerikanischen Food and Drug Administration (FDA), der Weltgesundheitsorganisation oder von Pharmafirmen. Das Nachrechnen ergab, dass mit einer Ausnahme die Metaanalysen korrekt kalkuliert waren. Nahm man jedoch die Teilergebnisse der nicht publizierten Primärstudien heraus, entstanden oft abweichende Gesamtergebnisse. Zwei Beispiele: Eine Metaanalyse über die Effektivität einer medikamentösen Behandlung von Beinveneninsuffizienz ergab eine Schmerzlinderung in 42 Prozent der Fälle; rechnete man die Ergebnisse ohne die „grauen“ Studien aus, kam man sogar auf 61 Prozent. In einem anderen Fall ergab eine Studie über nächtliche Wadenkrämpfe aus offiziell publizierten Arbeiten eine um fünfzig Prozent höhere Effektivität der untersuchte Methode als die Analyse dreier unpublizierter Studien bei der FDA. Insgesamt boten die Metaanalysen im Schnitt bei Ausschluss der „grauen“ Literatur ein um 15 Prozent besseres Ergebnis. Der Schluss daraus: Wenn man sich auf die Analyse publizierter Daten beschränkt, können die Ergebnisse zu „optimistisch“ sein. Man sollte sich also bei der Anfertigung von Metaanalysen bemühen, auch (noch) nicht publiziertes Material zu verwenden, was allerdings 1993 bei einer Umfrage im JAMA von dreißig Prozent der befragten Redakteure abgelehnt worden war. Es gibt jedoch andererseits bisher keinen Beweis dafür, dass „graue“ Literatur von schlechterer Qualität wäre. – Am Rande: Zwei Prozent der insgesamt 487 berücksichtigten Primärstudien waren in deutscher Sprache, davon aber keine „grau“. bt

McAuley L, Pham B, Tugwell P, Moher D: Does the inclusion of grey literature influence estimates of intervention effectiveness in meta-analyses? Lancet 2000; 356: 1228–1231.
David Moher MSC, Thomas C: Chalmers Center for Systematic Reviews, Children’s Hospital of Eastern Ontario Research Institute, Room R 226, 401 Smyth Road, Ottawa, Ontario R1H BL 1, Kanada, dmoher@uottawa.ca

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