ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2000Selektive Inhibitoren der Zyklooxygenase 2 - Evolution oder Revolution? Ungerechtfertigt hohe Dosierungen

MEDIZIN: Diskussion

Selektive Inhibitoren der Zyklooxygenase 2 - Evolution oder Revolution? Ungerechtfertigt hohe Dosierungen

Dtsch Arztebl 2000; 97(50): A-3443 / B-2899 / C-2695

Meyer, Frank P.

zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Dr. h. c.Kay Brune, Prof. Dr. med. Dr. h. c.Joachim Kalden, Priv.-Doz. Dr. med. Josef Zacher, Priv.-Doz. Dr. med.Hanns Ulrich Zeilhoferin in Heft 26/2000
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LNSLNS Dem Satz in der Zusammenfassung „Eine euphorische Überverwendung ist daher zu vermeiden“ – gemeint sind die selektiven COX-2-Inhibitoren Celecoxib und Rofecoxib – kann man nur zustimmen. Aus diesem Grund muss aber auf eine fehlerhafte Darstellung und Interpretation in Grafik 6 in der Arbeit verwiesen werden. Mit Bezug auf eine Publikation von Simon et al. (4) wird die Inzidenz gastrointestinaler Ulzera nach der Gabe von Celecoxib (100, 200, 400 mg/d) und Naproxen (500 mg/d) im Vergleich zur Placebogabe dargestellt. Naproxen schneidet nach zwölf Wochen mit 26 Prozent sehr schlecht ab. Wenn man sich die Originalarbeit ansieht, dann haben die Patienten allerdings doppelt so hohe Tagesdosen erhalten, was von Brune et al. übersehen wurde. Das betrifft nicht nur Celecoxib, sondern auch Naproxen. Eine Hochdosis von 1 000 mg Naproxen/d über zwölf Wochen ist allerdings kaum akzeptabel. Syntex/Roche empfiehlt für Proxen zur Erhaltungstherapie bei rheumatischen Schmerzen nur 500 mg/d (Rote Liste 2000, Präparat 05 318)! Es fehlt auch der Hinweis darauf, dass die Inzidenz aller unerwünschten Ereignisse in der Studie von Simon et al. nahezu identisch war: Placebo, 55 Prozent; Celecoxib 200 mg/d, 68 Prozent; 400 mg/d, 63 Prozent; 800 mg/d, 62 Prozent; Naproxen 1 000 mg/d, 65 Prozent. In der Legende zur Grafik 6 steht: „Die längerfristige Anwendung von Celecoxib und Rofecoxib führt zu keiner Steigerung der Inzidenz von intestinalen (endoskopisch gesicherten) Erosionen im Vergleich zur Placebobehandlung.“ Mit „längerfristiger Anwendung“ sind hier mehr als zwölf Wochen gemeint. Für Celecoxib ist diese Aussage nicht möglich, da die Studie nur über zwölf Wochen lief (4). Aus der Arbeit von Laine et al. (2) geht dagegen eindeutig hervor, dass die kumulative Inzidenz gastrointestinaler Ulzera (sowohl > 3 mm als auch > 5 mm) nach 24 Wochen Rofecoxib (25 mg/d, 50 mg/d) oder Ibuprofen (2 400 mg/d) deutlich höher ist als nach zwölf Wochen. Alles andere wäre auch merkwürdig. Ich halte das Vorgehen beider Autoren, mit ungerechtfertigt hohen Dosen von Naproxen (4) oder Ibuprofen (2) über zwölf beziehungsweise 24 Wochen gastrointestinale Schäden geradezu zu provozieren, nicht für besonders ethisch. In der letzten Zeit wurden übrigens auch schon schwerere Nebenwirkungen beschrieben, zum Beispiel Magenperforation nach Celecoxib (3), akute Pankreatitis nach Celecoxib (1).
Eine „Rheumatherapie ohne Reue“ ist vermutlich nicht zu haben.

Literatur
1. Baciewicz AM, Sokos DR, King TJ: Acute pancreatitis
associated with celecoxib. Ann Intern Med 2000; 132: 680.
2. Laine L, Harper S, Simon T et al.: for the Rofecoxib Osteoarthritis Endoscopy Study Group: A randomized trial comparing the effect of rofecoxib, a cyclooxygenase 2-specific inhibitor, with that of ibuprofen on the gastroduodenal mucosa of patients with osteoarthritis. Gastroenterology 1999; 117: 776–783.
3. Reuben SS, Steinberg R: Gastric perforation associated with the use of celecoxib. Anesthesiology 1999; 91: 1548–1549.
4. Simon LS, Weaver AL, Graham DY et al.: Anti-inflammatory and upper gastrointestinal effects of celecoxib in rheumatoid arthritis: a randomized controlled trial. J Am Med Ass 1999; 282: 1921–1928.

Prof. Dr. med. Frank P. Meyer
Institut für Klinische Pharmakologie
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Leipziger Straße 44, 39120 Magdeburg
E-Mail: frank-peter.meyer@medizin.uni-magdeburg.de

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