ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2000Ostafrika: Expeditionen mit Badewannen und Champagner

VARIA: Geschichte der Medizin

Ostafrika: Expeditionen mit Badewannen und Champagner

Reitenbach, Sigrid

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LNSLNS Wer im 19. Jahrhundert eine Expedition durch Teile Schwarzafrikas leiten und lebend zurückkommen wollte, um von den Abenteuern und Gefahren, aber auch potenziellen wirtschaftlichen und politischen Möglichkeiten zu berichten, ging ein hohes Risiko ein. Die Sterblichkeitsrate unter den Europäern lag bei Expeditionen an der Westküste oft bei 80 Prozent, und die Reisenden litten an Fieber, Diarrhöen, Bronchitiden, Wurm- und Hautkrankheiten, um nur einige Widrigkeiten zu nennen.
Auf der Suche nach Schneebergen
Zur Vorgeschichte: Zur Zeit der europäischen Depression (1876 bis 1896) versuchte jeder Industriestaat Kolonien zu gewinnen, die als Rohstofflieferant, Kapitalanlage und Absatzmarkt sowie der expandierenden Bevölkerung als Siedlungs- und Auswanderungsgebiet dienen konnten. Gleichzeitig suchten Vertreter aller sozialen Schichten ideelle Werte in unterentwickelten Ländern und verherrlichten das einfache Leben, das allerdings nicht zu viele Entbehrungen haben sollte.
Nach der Rückkehr wurden Briefe und Tagebücher oder auch Reiseberichte veröffentlicht. Diese stellten originelle Ereignisse und interessante Begebenheiten dar und wurden individuell sowie epochenspezifisch ausgestaltet. Die teils auch scheinbare Objektivität untermauerten Karten, Zahlen und Tabellen. Dabei faszinierten überwiegend geographische Entdeckungen; medizinische und hygienische Informationen finden sich nur am Rande.
Obwohl sich seit 1507 Europäer an den Küsten ärztlich betätigten, war ihr Wissen über Tropenkrankheiten gering, denn sie bauten ihre Erfahrungen kaum aus und gaben sie selten an andere weiter. Viele Kranke bevorzugten deshalb die einheimischen Ärzte. Die hohen Verlustraten auf den Expeditionen entstanden überwiegend durch Fehler bei der Diagnosenstellung oder Therapie. Denn der Hauptgegner war nicht das Klima, wie so lange geglaubt, sondern die unzureichend erkannten und erforschten Krankheiten.
Schnelle, komfortable und kostengünstige Transporte förderten die Reisebereitschaft, verbesserte Verkehrs- und Nachrichtentechnik sowie die fortgeschrittene Waffentechnik mit Hinter- und Mehrladern verminderten das Risiko, während der Überfahrt und der Expedition umzukommen. Die Pionierarbeit begann entlang der großen Ströme und konzentrierte sich zuerst auf Westafrika, da dort Gerüchte über das Handelszentrum Timbuktu existierten. Seit den 50er-Jahren starteten Expeditionen von der Ostküste aus, nachdem Missionare die These verbreitet hatten, dass sich im Inneren nicht die erwartete Wüste, sondern Schneeberge und Seen befänden. Rekrutiert wurden überwiegend Offiziere, Ärzte oder Landwirte, die sich wegen fehlender Landes- und Sprachkenntnisse oft Missionaren und Händlern anschlossen. Bis 1877 schufen sie geographische Grundlagen, danach Zufluchts- und Ausgangspunkte für speziellere naturwissenschaftliche Aufgaben.
Hohes Anforderungsprofil
Ob das Unternehmen allerdings erfolgreich war, hing von dem Organisationstalent sowie den Führungsqualitäten des Expeditionsleiters ab. Der deutsche Baron von der Decken beschreibt 1869 die Anforderungen an einen wissenschaftlich Reisenden wie folgt: „ . . . Er soll bei tropischer Sonnenhitze täglich 10 bis 15 Seemeilen und mehr machen, sich mit Führern über Wegrichtungen, mit den Trägern ob deren Faulheit zanken, soll auf dem Marsche rege sammeln oder einer Messung halber kleine Abstecher machen und Berge besteigen, soll des Abends, wenn er ermüdet ankommt, sein Tagebuch schreiben, nachts astronomische Beobachtungen anstellen oder solche berechnen und den zurückgelegten Weg aufschreiben, außerdem soll er an Ruheplätzen Nahrungsmittel einkaufen, das heißt den in widerwärtigster Weise feilschenden Leuten ihre Waren zu möglichst hohen Preisen abdingen, soll das Völkerleben beobachten, statistische Notizen sammeln und Wörterbücher unbekannter Sprachen aufzeichnen.“
Bei diesem Anforderungsprofil war eine strenge Bewerberauswahl notwendig. Gesucht wurden körperlich und geistig gesunde, psychisch stabile und belastbare Männer zwischen 21 und 35 Jahren – Livingstone fiel dabei mit seinen 53 Jahren aus dem Rahmen. Die wenigsten Reisenden konnten eine moderne Ausrüstung, den Transport und die Expedition vor Ort selbst finanzieren. Meist unterstützten die Höfe und später auch bürgerliche Institutionen sowie geographische Gesellschaften den Reisenden.
Konserven aus Europa
In Afrika angekommen, wurden Träger, Führer, Verpflegung und Tauschwaren erstanden, wobei Versorgungsengpässe durch parallel startende Konkurrenten besonders Ende des 19. Jahrhunderts auftraten. Da die Routen durch Tsetsegebiete führten und Lasttiere mit Trypanosomen infiziert wurden, waren menschliche Träger notwendig. Wenn ein Reisender krank wurde, wurde er auf Schultern, Eseln, Gestellen, Hängematten, Betten oder, wie bei Cameron, in einem Lehnstuhl befördert. Bei schlechtem Gesundheitszustand ließ man ihn einfach zurück.
Die Probleme und Möglichkeiten einer angewandten Expeditionshygiene waren vielfältig. Obst und Gemüse wurden geschält, eine Fleischbeschau und die Wasserprobe für Eier vorgenommen, andere Waren auf Beimischungen durch Wasser und Steine zur Volumensteigerung kontrolliert. Dabei wurde der Speiseplan durch Konserven aus Europa ergänzt, da die Reisenden nicht sicher waren, ob sie afrikanische Landesprodukte essen könnten, ohne Schaden zu erleiden.
Schlechte Wasserqualität
Zahlreiche Krankheiten verursachte die oft schlechte Wasserqualität. Deshalb wurde das Wasser teilweise gefiltert oder abgekocht. Die Destillation war aufgrund der sperrigen Geräte auf Reisen nicht praktikabel. Als kuriose Alternative ist bekannt, dass der englische Konsul Fische in seine Zisterne setzte, um das Trinkwasser rein zu halten. Bei Wassermangel wurde auch schon einmal ein Stein gelutscht, um zumindest die Speichelproduktion anzuregen. Hungersituationen entstanden unter anderem durch Angebotsknappheit und geringe Besiedelungsstruktur.
Die Hygiene der Lager war durch den Aufenthalt an einem mehr oder weniger zufällig erreichten Ort für nur kurze Zeit in der Regel schwierig. Obwohl Zelte und Moskitonetze mitgeführt wurden, zogen die Idealisten und Romantiker den freien Himmel als Dach vor. Eingeborenenhütten sollten wegen des Ungeziefers vermieden werden. Da aber auch den Begleitern Ungeziefer angelastet wurde, lagerten einige Reisende mit Abstand zur Gruppe. In den Empfehlungsrichtlinien finden sich Distanzen bis zu einem Kilometer – umgesetzt hat dies niemand. In gefährlichen Regionen schützten zusätzlich Wachen und Dornenhecken die Gesellschaft.
Tropenhelme sollten getragen, helle oder khakifarbige Stoffe täglich gewechselt werden. Gamaschen schützten die Unterschenkel. Dem Europäer wurde dringend angeraten, durchnässte Sachen durch trockene zu ersetzen – was allerdings schwierig umzusetzen war, da die Kleiderkisten in der Regel mit Verspätung ankamen. Livingstone reiste mit vier Anzügen, die fünf Jahre lang hielten; Thomson benötigte 15 Kisten persönlicher Ausstattung für ein Jahr. Die Kleiderpflege gewährte von der Decken ein Halbaffe, der die Schaben aus seiner Kleiderkiste auffraß. Ob aus hygienischen Gründen oder um einen kleinen Luxus zu genießen – zumindest wurden einige Badewannen durch Afrika getragen. Weitere Kuriositäten des „ideellen einfachen Lebens“ waren Champagner und Zigarren sowie ein Schachspiel bei von der Decken. David Livingstone transportierte Portwein und Branntwein, setzte sie aber eher als Medizin denn als Genussmittel ein.
Die europäischen Erkenntnisse über die Malaria und die 1880 entdeckten Plasmodien im Blut Erkrankter führten nicht zwangsläufig zu besseren Schutzmaßnahmen. In Deutschland entstand ein Gelehrtenstreit unter Anhängern der Miasmentheorie und den Verfechtern der neuen bakteriellen Ära. Chinin, Chininwein, Chinin in Sherry oder Brandy wurde neben den altbewährten Methoden des Schröpfens, der Laxantien und Brechmittel eingesetzt.
Livingstone entwickelte die „Livingstone-Rousers“ – das Resultat seiner seit 1850 mit Chinin vorgenommenen Experimente. Viele Hinweise über die Natur der Malaria ergeben sich aus den Dokumentationen der Reisenden. Cameron schimpfte über Moskitobisse am Tanganikasee, während er an Fieber litt, und beschrieb die unterschiedliche Anfälligkeit der Europäer im Vergleich zu den Einheimischen, wobei der Schutzfaktor der Sichelzellanämie erst deutlich später nachgewiesen wurde.
Schutzmaßnahmen gegen Malaria
Schutzmaßnahmen gegen die Malaria blieben über die Jahre konstant: Nachtluft, Nebel, Verkühlung und Sümpfe meiden, geistig und körperlich
rege sein, sich dabei aber nicht überanstrengen, kräftig ernähren bei mäßigem Alkoholgenuß, in höheren Gegenden wohnen, Moskitonetze nutzen . . . Die lebenspraktische Umsetzung hygienischer Maßnahmen scheiterte an Nachlässigkeit, Unwissenheit und tatsächlich fehlenden Möglichkeiten.
Die Reisenden erwarben sich nicht nur Ruhm und Ehre, sondern sie stießen auch auf Kritik. Schon im 19. Jahrhundert warf man ihnen vor, die Kolonialisierung des Schwarzen Kontinents gefördert und den Sklavenhandel teilweise unterstützt zu haben. Tatsächlich schlossen sich einige Expeditionsleiter mit Sklavenkarawanen zusammen, um Träger oder Schutz zu erhalten. Von der Decken beschäftigte auf seiner zweiten Reise Sklaven, während sich in Europa seit 1804 eine Antisklavenbewegung etablierte.
Neben dem Einblick in die Erforschung Ostafrikas dokumentieren die Reiseberichte also auch medizinische Entwicklungen einer bedeutenden Phase in der Geschichte. Dr. med. Sigrid Reitenbach M.A.


Die Abbildung zeigt Livingstone, der während einer seiner Fieberattacken getragen wird.

Wenn ein Reisender krank wurde, wurde er auf Schultern, Eseln, Gestellen, Hängematten oder Betten befördert. Bei schlechtem Gesundheitszustand ließ man ihn einfach zurück.

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