ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/1996Börsebius über neuronale Netze: Nur schöner Schein?

VARIA: Schlusspunkt

Börsebius über neuronale Netze: Nur schöner Schein?

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Wenn das mal gutgeht. Stolz präsentiert die Metzler Invest, ein Ableger des feinen Privatbankhauses Metzler, ihr neuestes Fondsprodukt: den Direktfonds Neuronal DM Renten MI. Wer den Fonds haben will, muß die üblichen zwei Prozent Ausgabeaufschlag sowie eine jährliche Managementgebühr von 0,6 Prozent bezahlen und darf sich in dem Wissen sonnen, daß seine Gelder mit Hilfe eines "neuronalen Netzes" optimal angelegt werden. Soweit die Theorie.
Ein neuronales Netz ist, einfach gesprochen, ein Computer, der sich das meiste selbst beibringt, indem er aus gemachten Fehlern lernt und sie dann abstellt. Da sowas faszinierend klingt, haben neuronale Prognosemodelle nach diesem Strickmuster logischerweise auch Eingang in die Finanzmärkte gefunden. Die Rechenknechte sollen dann zuverlässig aussagen, wie sich Währungen, Rentenwerte und Aktienkurse entwickeln.
Der Nachweis des (langfristigen) Erfolges in der Praxis steht aber noch aus. In den letzten zwei Jahren habe ich immer wieder Jubelmeldungen mancher Häuser mitbekommen, man würde jetzt neuronale Prognosemodelle einsetzen, und dann ginge alles wie von selbst. Genauso oft habe ich aber auch betretenes Schweigen gehört, als ich nach geraumer Zeit nachgefragt habe, wie es denn um die Verwirklichung realer Erfolge stünde. Vereinzelt erzählen mir auch Börsenexperten aus den Bankzentralen, man habe den Wert neuronaler Netze total überschätzt.
Warum aber erzähle ich Ihnen diese Geschichte? Nun, man darf getrost auf noch mehr Fondsgesellschaften warten, die ebenfalls einen neuronal gesteuerten Fonds auflegen werden, mit dem entsprechenden Marketingtrara, wie sich leicht denken läßt.
Es bleibt aber dabei, daß neuronale Netze bei weitem nicht die in sie gesetzten, zu hohen Erwartungen erfüllen. Ein befreundeter Banker nennt das immer eine moderne Form elektronischer Kaffeesatzleserei. So weit will ich allerdings nicht gehen. Neuronale Netze sind eben nur eine Form von Prognosemodellen – wichtig vermutlich schon, aber sie ersetzen halt nicht mühsame eigenhirnige Denkarbeit. Und schon gar nicht das Fingerspitzengefühl. Börsebius
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