ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2000Rund ums Geld: Börsendepression

VARIA: Schlusspunkt

Rund ums Geld: Börsendepression

Dtsch Arztebl 2000; 97(50): [80]

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Jeden ersten Samstag im Monat steht Börsebius bekanntlich mit Rat und Tat zur Seite, wenn Leser in Gelddingen der Schuh drückt. Da aber, wie ich weiß, viele Anrufer trotz der vierstündigen Session am Telefon gar nicht durchkommen, möchte ich hier einen Überblick über die meistgestellten Fragen geben.
Zwei Drittel aller Anrufe hatten einen depressiven bis verzweifelten Grundton. Hier haben sich viele Anleger mit Aktien des Neuen Marktes völlig verhoben und sitzen jetzt auf Verlusten von 50 Prozent und mehr, teilweise auch noch kreditfinanziert. Die an mich gestellten Fragen bezogen sich auf die bange Erwartung, man müsse die Aktien (zum Beispiel EM.TV, Gigabell, Openshop und viele andere mehr) doch wohl einfach aussitzen, und der Markt werde es irgendwann einmal richten und sich wieder erholen.
Diese Annahme ist ganz und gar nicht gerechtfertigt. Erstens ist es einer Aktie völlig egal, zu welchem Kurs gerade Sie gekauft haben, und zweitens sind speziell am Neuen Markt Preise bezahlt worden, die samt und sonders astronomischen Charakter haben. Beispiel: Nehmen Sie doch bitte an, Ihre Praxis wäre eine Aktiengesellschaft und erzielte einen jährlichen Überschuss von 200 000 Mark.
Wenn Sie nun überlegen, wie hoch der Praxiswert ist, kommen Sie je nach Fachrichtung und Ausstattung auf eine Summe, die – sagen wir mal – sich irgendwo bei einer Million bewegen mag. Bei den gleichen Fakten, auf Aktien des Neuen Marktes bezogen, wurde noch zu Jahresbeginn ein Börsenkurs von dreißig bis vierzig Millionen Mark bezahlt. Mit anderen Worten: Selbst die jetzige Kurshalbierung induziert immer noch eine krasse Überbewertung!
Diese Rechnung zielt sehr direkt auf eine andere Frage nach dem „fairen“ Aktienkurs beispielsweise bei SAP und T-Online, die ein Anleger stellte. Das ist natürlich nicht so einfach zu beantworten, da selbst der faire rechnerische Aktienkurs oft genug von der echten Börsennotiz erheblich differiert. Auf der anderen Seite lassen sich schon so genannte Ranges abbilden, innerhalb deren Spannen ein Kurs als gerechtfertigt oder eben nicht angesehen werden kann.
Als T-Online im Frühjahr an die Börse kam, habe ich an dieser Stelle eine Kolumne mit dem Titel „Frech und dreist“ geschrieben, weil mir der Emissionspreis von 27 Euro viel zu hoch erschien. Zwar stieg die Aktie in der ersten Euphorie fast auf 50 Euro, um dann aber doch in meine prognostizierten Gefilde abzusacken. Der aktuelle Kurs von rund 15 Euro kann aber immer noch um dreißig Prozent verlieren. So ist das halt. Wer sich am Neuen Markt tummelt, muss wissen, dass er sich in einer Zockerbude aufhält. Viel gewinnen, alles verlieren, das Letztere ist am Ende meist die traurige Realität.
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