ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2000Internethandel mit Arzneimitteln: „Wer sich nicht bewegt, wird bewegt“

POLITIK

Internethandel mit Arzneimitteln: „Wer sich nicht bewegt, wird bewegt“

Dtsch Arztebl 2000; 97(51-52): A-3465 / B-2921 / C-2717

Korzilius, Heike

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LNSLNS In der Frage des Versandhandels mit Arzneimitteln stehen die Zeichen auf Liberalisierung. Darauf ließ eine Fachtagung schließen, wenn auch die Apotheker es anders sehen.


Die Kassen sind Befürworter, Verbraucherorganisationen und Ärzte Sympathisanten, die Apotheker bekennende Verhinderer.“ Wolfgang Kaesbach vom Bundesverband der Betriebskrankenkassen brachte die Diskussion um den Online-Versandhandel mit Arzneimitteln auf den Punkt. Das Bundesministerium für Gesundheit und die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände hatten am 13. Dezember in Bonn eigens eine Fachtagung zu diesem zwar umstrittenen, aber offenbar unumgänglichen Thema einberufen. „Die Regierung wird sich auf Dauer der weltweiten Entwicklung im elektronischen Handel mit Arzneimitteln nicht verschließen“, zeigte sich Kaesbach überzeugt. Attraktiv ist der alternative Vertriebsweg für die gesetzlichen Krankenkassen vor allem deshalb, weil sie sich Einsparungen erhoffen. Die Blockadehaltung der Apotheker dient nach Ansicht von Kaesbach einzig der Sicherung ihres Monopols. Sie hatten erst kürzlich erfolgreich gegen die niederländische Internet-Apotheke DocMorris geklagt und sich dabei auf das im deutschen Arzneimittelgesetz verankerte Versandverbot berufen. „Wir begrüßen den Streit um DocMorris“, betonte Kaesbach. „Das Thema steht jetzt auf der Tagesordnung.“
Obwohl die Kassen es gerne sähen, wenn das deutsche Versandverbot fiele und sie Verträge mit zugelassenen Versandapotheken abschließen könnten, verkennen sie nicht die Risiken des Arzneimittelkaufs über das Internet. Kaesbach forderte deshalb eine Zertifizierung seriöser Internet-Apotheken und deren behördliche Kontrolle. Die Arzneimittelsicherheit stehe nicht zur Disposition. Aber: „Es bringt nichts, darauf zu warten, dass der Europäische Gerichtshof die Mauern einreißt.“ Es gelte, verbraucherschützende Regelungen zu entwickeln, denn „wer sich nicht bewegt, wird bewegt“. Mit Blick auf die Apotheker fügte Kaesbach hinzu, es gehe um ein wettbewerbliches Nebeneinander von Versandanbietern und „klassischen“ Apotheken. Ein Vertriebsweg solle nicht den anderen ersetzen.
Folgt man allerdings der Argumentation der Apotheker, reduziert sich die Frage auf „sein oder nicht sein“. ABDA-Präsident Friese mahnte: „Wir dürfen uns nicht von populistischen Strömungen leiten lassen, die dann bewährte Strukturen zerstören.“ Arzneimittel seien Waren besonderer Art, sie seien beratungsintensiv und erklärungsbedürftig. Daher sei das Versandverbot, das im Übrigen die Mehrheit der EU-Länder für sich reklamiere, unverzichtbar für den Verbraucherschutz. „Die ABDA lehnt das Internet nicht ab. Wir wollen es sinnvoll nutzen, und das hat gar nichts mit Versand zu tun“, betonte Friese. Die Apotheker planen ein Gesundheitsportal, wo sich Verbraucher über Arzneimittel informieren und diese auch vorbestellen können. Die Kunden müssen die Medikamente jedoch in der Apotheke abholen, nur so, sagte Friese, könne die persönliche Beratung gewährleistet werden.
Gerade die häufig als Argument gegen den Versand angeführte Beratungsleistung der Apotheker lässt jedoch zu wünschen übrig. Das behauptete zumindest Thomas Isenberg von der Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände. Er plädierte dafür, den Versandhandel mit Arzneimitteln in Deutschland zu erlauben. Sowohl Patienten als auch gesetzliche und private Versicherer könnten auf diese Weise Geld sparen. Als Bedingung für den Versandhandel forderte Isenberg jedoch, Qualitätskriterien zu entwickeln und Gütesiegel zu vergeben, um für die Verbraucher nachvollziehbar „die Spreu vom Weizen zu trennen“. Dazu gehöre eine verstärkte nationale und europäische Aufsicht über die Versandanbieter. „Der Medikamentenkauf per Mausklick bietet auch Verbrauchern in Deutschland die Chance, die Vorteile des europäischen Binnenmarktes zu nutzen“, lautete Isenbergs Fazit.
Gerade der europäische Binnenmarkt macht allerdings den Arzneimittelherstellern zu schaffen. Noch ist die Arzneimittelpreisbildung in den Mitgliedstaaten gesetzlich unterschiedlich geregelt. Das führt vielfach zu einem deutlichen Preisgefälle zwischen den Staaten, wovon Anbieter wie DocMorris – und mittelbar die Verbraucher in so genannten Hochpreisländern – profitieren. An diesem Punkt setzte die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller, Cornelia Yzer, ein. „Man kann sich neuen technologischen Entwicklungen nicht entziehen.“ Aber: „Wenn man ,ja‘ sagt zum internationalen Versand, brauchen wir eine Marktpreisbildung in Europa. Ansonsten potenzieren sich die Probleme der Parallelimporte.“
Kritik an der Preispolitik der Industrie und der mangelnden Gegensteuerung durch die Politik äußerte Dr. med. Jürgen Bausch, im Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) zuständig für Arzneimittel. Er hatte dabei vor allem das knappe Arzneimittelbudget der Ärzte im Blick. „Unter dem Aspekt der Budgetierung hat Kaesbach Recht, dass er bei uns eher Sympathisanten vermutet“, sagte der KBV-Vertreter. Dennoch ist seine Haltung zum Medikamenten-Versand eher pragmatisch: „Wenn der elektronische Handel dazu führt, dass die Patienten gut und sicher versorgt werden und die guten Bezugswege erhalten bleiben, wird er sich durchsetzen, ob die Ärzte dazu ja sagen oder nicht.“
Ein unverkrampftes Verhältnis zum elektronischen Handel bescheinigte Dr. Reinhard Büscher auch der EU-Kommission. Er ist dort unter anderem für den elektronischen Geschäftsverkehr zuständig. Büscher rechnet damit, dass bis zum Jahr 2006 zwischen einem und fünf Prozent aller Arzneimittel über das Internet vertrieben werden. Zur Zukunft des Versandverbotes äußerte er sich eher skeptisch: Zwar hätten die EU-Staaten das Recht, den Medikamenten-Versand national zu regeln, ein Verbot müsse jedoch begründet werden. „Das wird wahrscheinlich eine Frage für den Europäischen Gerichtshof werden“, meint Büscher. Nach dem jüngsten Urteil zu DocMorris sei das letzte Wort noch nicht gesprochen. Das hatten die Richter auch in ihrer Urteilsbegründung betont.
Aufseiten der Politik scheinen die Zeichen ebenfalls auf Liberalisierung zu stehen. „Wir müssen die Herausforderung aktiv annehmen“, sagte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Andrea Fischer. Unbestritten sei der Vertrieb von Medikamenten über das Internet mit Risiken verbunden. Ziel müsse es jedoch sein, hohe Sicherheitsstandards zu gewährleisten. Fischer forderte die Apotheker auf, mit besseren Angeboten dubiosen Anbietern den Boden zu entziehen, und knüpfte damit an ihre Rede vor dem Apothekertag im Oktober in Köln an. Heike Korzilius


Der Kriterienkatalog zur Bestimmung seriöser Medikamentenversandhändler ist auf der Homepage der Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände unter www.agv.de abrufbar.
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