ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2000Aktionsforum Telematik im Gesundheitswesen: Harte Arbeit am Konsens

THEMEN DER ZEIT

Aktionsforum Telematik im Gesundheitswesen: Harte Arbeit am Konsens

Dtsch Arztebl 2000; 97(51-52): A-3476 / B-2921 / C-2599

Krüger-Brand, Heike E.

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LNSLNS Auf der zweiten Plenumsveranstaltung hat das Aktionsforum
Telematik im Gesundheitswesen (ATG) Ergebnisse aus den Arbeitsgruppen vorgestellt. Um den Telematikeinsatz voranzutreiben, ist eine Erweiterung der Kompetenzen des Forums notwendig.


Der Druck auf das Gesundheitssystem, Telematik einzusetzen, wird stärker“, betont Dr. jur. Manfred Zipperer, Vorsitzender des ATG. Gründe hierfür sind unter anderem der durch das Internet informierte mündige Patient, das Thema integrierte Versorgung und die bevorstehende Einführung neuer Vergütungssysteme im Krankenhaus (Stichwort: DRG). Dabei gehe es nicht nur um Telemedizin als Teilbereich von Gesundheitstelematik und um EDV-gestütztes Rechnungswesen, sondern um eine komplexe Managementaufgabe, die die Zukunft der Gesundheitsversorgung betrifft.
Auf dem Programm steht „die Einbeziehung des Gesundheitswesens in die Entwicklung der Informationsgesellschaft“, so Dr. med. Hermann Schulte-Sasse vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG), Bonn. Der Weg zu einer qualitativ besseren und wirtschaftlicheren Versorgung sei ohne den Einsatz neuer Technologien nicht denkbar. Beispiele für Schlüsselentwicklungen sind das elektronische Rezept, die elektronische Patientenakte und Patienteninformationssysteme. Schulte-Sasse verwies auch auf den geplanten elektronischen Arztausweis, für den die Bundesregierung durch das Signaturgesetz den Weg geebnet habe. Jetzt müssten sich die Lan­des­ärz­te­kam­mern über die Ausgabe der Arztausweise verständigen. Regionen, in denen bereits sektorenübergreifende Ärzte-Netze vorhanden sind, böten sich für Probeläufe an. Ein ähnliches Vorgehen mit Modellversuchen sei auch für das elektronische Rezept sinnvoll. Zur Überwindung proprietärer Lösungen und zur Entwicklung von Standards und sektorenübergreifenden Lösungen seien neue Absprachen zwischen den Spitzenverbänden erforderlich.
Gerade am Beispiel des elektronischen Rezepts lassen sich die Schwierigkeiten einer übergreifenden Lösung verdeutlichen: Die flächendeckende Einführung könnte Einsparungen von einer halben Milliarde DM bringen. Der gesamte Prozess der Verordnung müsste dafür jedoch neu organisiert werden. Die Rationalisierung des administrativen
Ablaufs geht über viele Instanzen und Kostenstellen, da drei Datenkreisläufe integriert werden müssen: der Verordnungskreislauf zwischen Arzt und Apotheker, der Abrechnungsdatenkreislauf zwischen Apotheke und Kostenträger und der Statistikkreislauf für die Datenaufbereitung. Der Abstimmungsbedarf ist somit groß. Dennoch stehe – so das für dieses Thema zuständige Arbeitsteam – der Grundkonsens für einen Systemumstieg unmittelbar bevor. Für die schrittweise Implementierung neuer Verfahren werden rund drei Jahre veranschlagt. Zipperer hält erste regionale Modellprojekte im nächsten Jahr für möglich.
Die ökonomischen Vorteile von Telematikanwendungen sind bislang kaum untersucht worden, auch wenn manchmal unterstellt wird, dass durch Telematik aufwendige Dokumentations- und Kommunikationsverfahren ersetzt werden können, hohe Behandlungskosten vermeidbar und eine bessere Auslastung der Einrichtungen möglich sind. Eine von Prof. Dr. med. Dr. sc. Karl Lauterbach, Institut für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie der Universität zu Köln, durchgeführte Studie hat sich mit der „Kosten-Nutzen-Relation von Telemedizin im Vergleich zur Robotik“ beschäftigt. Die Untersuchung ergab, dass bei den meisten der in die Studie einbezogenen telemedizinischen Applikationen (116 von 158 Studien) eine Kostensenkung festgestellt werden kann – bei einem geringen Zusatznutzen der Telematikanwendungen im Vergleich zu Standardverfahren. In der Robotik hingegen wird zwar ein größerer Zusatznutzen erzielt, verbunden jedoch mit einem deutlichen Potenzial zur Kostensteigerung.
Bei der Bewertung von Telematikprojekten besteht nach Dr. rer. publ. Gottfried W. Dietzel, Telematikbeauftragter des BMG, Handlungsbedarf. Es gebe kaum brauchbare Studien, allenfalls grobe Kostenschätzungen und keine Bestandsaufnahme der klinischen Ergebnisse. Einer der künftigen Arbeitsschwerpunkte des ATG sollte daher die Evaluation von Telematikprojekten betreffen. Neben einer anwendungsbezogenen Bestandsaufnahme müssen Qualität, Kosten/ Nutzen, Akzeptanz, Infrastruktur und Kompatibilität untersucht und ein Kriterienkatalog zur Bewertung von Telematikanwendungen entwickelt werden. Die inhaltliche Verknüpfung und die Zusammenarbeit mit europäischen Initiativen, wie beispielsweise EHTEL (European Health Telematics Association, www.ehtel.org), dem „europäischen Pendant“ zum ATG, seien hierfür wesentlich.
Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch die im Auftrag der GVG vom ATG gemeinsam mit dem Zentrum für Telematik im Gesundheitswesen, Krefeld, erstellte Studie „Europäische und internationale Perspektiven von Telematik im Gesundheitswesen“. Betont wird darin die Notwendigkeit, grenzüberschreitend Projekte zu bündeln, um Lerneffekte und länderübergreifende Synergien herzustellen. Nur auf der Grundlage eigener Erfahrungen könne an der Entwicklung praktikabler Standards mitgearbeitet werden. Bestes Beispiel hierfür ist die deutsche HPC-(Health Professional Card-)Spezifikation, an der seit 1996 gearbeitet wird: Die Spezifikation wurde auch international beachtet und bei der Entwicklung entsprechender europäischer Normen berücksichtigt. Die vollständige Implementation dieser Spezifikation hat sich in Deutschland allerdings verzögert und beginnt erst jetzt.
Dabei drängt die Zeit, wenn Deutschland den Anschluss an fortschrittliche Kommunikationstechnik im Gesundheitswesen nicht verlieren will: Der im Juni 2000 beschlossene europäische Aktionsplan „eEurope 2002“ sieht beispielsweise vor, dass bis Ende 2002 eine flächendeckende Infrastruktur für Gesundheitstelematikanwendungen in den Mitgliedstaaten verwirklicht werden soll. Die ATG-Studie hält vor diesem Hintergrund eine von der Bundesregierung und der Selbstverwaltung gemeinsam getragene „umfassende Strategie zur Förderung der Gesundheitstelematik“ für erforderlich und stellt fest: Die Finanzierung einer „Infrastruktur für alle“ müsse auch von allen finanziert werden.
Erweiterung der Kompetenzen
Offen ist bislang die Frage, wer Telematik als „gemeinschaftliche Herausforderung für alle Entscheidungsträger im Gesundheitswesen“ organisieren soll. Dr. rer. pol. Gerhard Brenner, Geschäftsführer des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung, Köln, wies darauf hin, dass Informationstechnologie (IT) für sektorspezifische Problemlösungen schon lange implementiert und finanziert wird. Anders bei sektorübergreifenden IT-Lösungen: Hier bestehe nur eine geringe Investitionsneigung, zumal der betriebswirtschaftliche Vorteil häufig nicht für den einzelnen Leistungssektor sichtbar werde, sondern sich erst aus der gesamtwirtschaftlichen Dimension ergebe. Eine zentrale normungsbefugte Einrichtung, die die notwendigen Normen und Standards – beispielsweise Datensatzformate und Schnittstellen, eine einheitliche Sicherheitsinfrastruktur, Zertifizierungsinstanzen – sektorübergreifend „verordnen“ könne, gebe es aufgrund der dezentralen Strukturen des deutschen Gesundheitswesens nicht.
Hier liegt auch die Schwachstelle des ATG: Das Forum hat zurzeit lediglich eine Moderatorenfunktion und keine Entscheidungsbefugnis für die Selbstverwaltung. Diese kann die Empfehlungen des GVG-Ausschusses ablehnen oder nicht umsetzen. Erforderlich sei daher, die Kompetenzen des Forums zu erweitern, betonte Brenner. Marktmechanismen und staatliche Lösungen allein führten nicht zum Durchbruch von Telematiklösungen. Ergänzend zum ATG sollte sich die Selbstverwaltung daher eine operative Einrichtung für technisches Systemmanagement schaffen, die nach Abschluss der Entscheidungsprozesse im ATG für die Implementation in allen Leistungssektoren sorgt. Diese operative Einrichtung müsse mit der notwendigen Finanz- und Durchsetzungskompetenz gegenüber sämtlichen Leistungsbereichen ausgestattet werden, damit sie verbindliche Verfahren und Anwendungen auch gegenüber ihrer Trägerorganisation erlassen könne.
Zugleich könnte diese Einrichtung auch als verantwortlicher Ansprechpartner für die erforderliche internationale Abstimmung fungieren.
Künftige Aufgaben
Das ATG soll für die nächsten Jahre Strategien für den Einsatz von Telematik im Gesundheitswesen festlegen, Aktivitäten koordinieren und eine Service- und Monitoringfunktion gegenüber regionalen Initiativen und Referenzprojekten ausüben. Als Zertifizierungsinstanz für bestimmte Standards und Verfahren regte Zipperer an, ein „Bundesinstitut für Telematik“ zu gründen. Auch sei ein neuer Finanzierungsansatz für das ATG erforderlich, der über das Anfangsbudget (rund 300 000 DM, davon circa 80 Prozent aus GVG-Mitgliedsbeiträgen und 20 Prozent aus der Industrie) hinausgehen müsse. Denkbar wäre eine finanzielle Ausstattung durch die Trägerorganisationen, die öffentliche Hand (BMG, Forschungsministerium), regionale Projektträger, EU-Mittel und Industrie. Heike E. Krüger-Brand


Nach Ansicht von Dr. Manfred Zipperer, Vorsitzender des ATG, sollte eine Zertifizierungsinstanz für Standards und Verfahren in der Art eines „Bundesinstituts für Telematik“ eingerichtet werden.
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