ArchivDeutsches Ärzteblatt36/1996Kindesmißbrauch: Gleich nebenan

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Kindesmißbrauch: Gleich nebenan

Jachertz, Norbert

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LNSLNS Zufällig wurden die Untaten des Marc Dutroux aus Junet bei Charleroi etwa zur gleichen Zeit weltweit publik, als in Stockholm ein Weltkongreß gegen den sexuellen Mißbrauch von Kindern zusammentrat. Kindesmißbrauch blieb somit nicht bloße Statistik, die Wiedergabe ungeheurer, wenn auch weitgehend ungesicherter Zahlen geriet nicht zu einem entrückten Ereignis auf Weltebene – nein, jedermann wurde mit der beunruhigenden Tatsache konfrontiert, daß sexueller Mißbrauch von Kindern, die kommerzielle Ausbeutung von kleineren und größeren Kindern gleich nebenan passieren kann und nicht allein von abartigen Touristen in Thailand praktiziert wird.
Nicht immer handelt es sich um solche schwerkriminellen, mörderischen Vergehen wie jene, die Dutroux angelastet werden. Viel häufiger dürfte Kindesmißbrauch im Rahmen privater, bekanntschaftlicher und verwandtschaftlicher Netzwerke vorkommen. Beteiligte sind dann vermeintlich höchst ehrsame Bürger, die man kennt. Und genau dieser Umstand dürfte wesentlich dazu beitragen, daß andere ehrsame Bürger so gerne Verdachtsmomente unterdrücken oder Bekanntgewordenes vertuschen. Einige wenige Prozesse der letzten Jahre, die es auch hierzulande gegeben hat, legen diesen Schluß nahe.
Unsicher ist allzu häufig die Beweislage, eben wegen des verbreiteten Vertuschens. Ärzten kann hier möglicherweise eine besondere Verantwortung für den Schutz mißbrauchter oder gefährdeter Kinder zukommen. Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Dr. Karsten Vilmar, nimmt in einer von der Pressestelle der deutschen Ärzteschaft verbreiteten Erklärung Stellung: "Kindesmißhandlungen gehören zu den schrecklichsten Verbrechen gegen die Menschheit. Denn es wird nicht nur der Körper des Kindes geschändet, sondern auch seine Seele grausamst verletzt. Eine der schlimmsten Varianten der Kindesmißhandlungen ist die Kinderpornographie, die strengste strafrechtliche Konsequenzen nicht nur für die Produzenten, sondern auch für die Konsumenten nach sich ziehen muß. Da diese Mißhandlung nicht immer an körperlichen Merkmalen festzumachen ist, sind auch Ärzte aufgerufen, bei Verdachtsfällen noch intensiver als gewöhnlich auch die soziale Lage zu berücksichtigen und in begründeten Zweifelsfällen sofort die entsprechenden Institutionen einzuschalten." NJ
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