ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2000Medizinstudium: Reformiertes Lehr-Lern-Prinzip unabdingbar

BRIEFE

Medizinstudium: Reformiertes Lehr-Lern-Prinzip unabdingbar

Dtsch Arztebl 2000; 97(51-52): A-3492 / B-2936 / C-2614

Kahlke, Winfried

Zu den Leserbriefen in Heft 40/2000, die sich auf den Beitrag „Problemorientiertes Lernen: Eine Chance für die Fakultäten“ von Prof. Dr. med. Winfried Kahlke et al. in Heft 35/2000 bezogen:
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die bei der Redaktion des DÄ und der Autorengruppe eingetroffenen zahlreichen Zuschriften bringen Wunsch und Notwendigkeit intensiver Diskussion des Medizinstudiums und seiner Reform zum Ausdruck. Einige offenbar nur von den grafischen Darstellungen abgeleiteten Kritikpunkte werden aber bereits durch den zugegebenermaßen recht komprimierten Text entkräftet. Der „paper-case“ – von angelsächsischen Reformuniversitäten übernommen – ist als klinisches Fallbeispiel gewissermaßen die Initialzündung für die Inhalte und den Prozess des Lernens in den anschließenden Lehrveranstaltungen der laufenden Woche – also keine „lächerliche terminologische Adaption“. Der Befürchtung einer Vernachlässigung des einen oder anderen Faches bei den für das sechssemestrige (!) Curriculum empfohlenen Fallbeispielen ist entgegenzuhalten, dass die Bearbeitung der genannten Fälle jeweils Querverbindungen zu Nachbarfächern herstellt, vor allem aber, dass drei Viertel des klinischen Studiums noch folgen. In diesem klinischen Teil – nach unserem Konzept dann wieder im Regelstudium – treten die Absolventen des POL-Curriculums mit Kenntnissen ein, die sie im Kontext der Fallbeispiele erworben und „systematisch“ zu einer breiten Wissensbasis zusammengetragen haben. So sind beispielsweise die Erkrankungen des atopischen Formenkreises und Allergien, wie schon vom Kollegen Kapp ausgeführt, ein typisches Beispiel für die nötige interdisziplinäre Zusammenarbeit, wie sie im POL bereits trainiert wird. Auch die unterstellte Vernachlässigung der Pädiatrie lässt das Gesagte außer Acht, und das Beispiel „Poliomyelitis“ ist nicht nur trotz, sondern eher wegen der von der WHO angestrebten Ausrottung in den kommenden Jahren geeignet, Impferfolge und Impfmüdigkeit zu thematisieren.
POL ist natürlich nicht nur eine Frage des „didaktischen Konzeptes“: der „explizite Wille, die akademische Aufgabe einer guten Lehre in ihrer Bedeutung ernst zu nehmen“ (Vermaasen) ist unverzichtbar. Zu unterscheiden ist zwischen einer zeitlich beschränkten Anwendung von POL auf einzelne Kurse – Münchener Modell mit seinen beneidenswerten Trainingskursen der Tutoren aus dem Lehrkörper! – und einem POL-Curriculum „von Anfang an“.
Das dargestellte Konzept ist kein bloßer Vorschlag „Praxis kontra Theorie“ (Dieter), sondern das Exzerpt eines in mehrjähriger kollektiver Arbeit mit allen Details entwickelten Antrags auf einen Modellversuch. Die gegenwärtige Unsicherheit einer Umsetzung am Ort seiner Entstehung war der Auslöser, unser komplettes Reformkonzept als „eine Chance für die Fakultäten“ zur Verfügung zu stellen – zu der vom Kollegen Schüffel für die Hamburger Medizinische Fakultät befürchteten Metamorphose zum „Tollhaus“ muss es dennoch nicht kommen!
Das „eingestaubte Medizinstudium“ kann sich doch in Deutschland deshalb so lange halten, weil der Medizinische Fakultätentag beharrlich die verkrusteten Strukturen verteidigt, mit erschütternd rückschrittlichen Empfehlungen den jüngsten Entwurf einer neuen Approbationsordnung verhindern wollte und schließlich auch noch die Einführung der „Modellklausel“ – Grundlage zum Beispiel für den Reformstudiengang Berlin – abgelehnt hat. Umso begrüßenswerter und hoffnungsvoller sind die zunehmenden Reformelemente in einzelnen Fächern und ihre interdisziplinäre Vernetzung. Dennoch bedarf das Medizinstudium eines von Grund auf reformierten Lehr-Lern-Prinzips. Die Vorstellung des Berliner Reformstudienganges an der Charité durch Studierende nach ihrem ersten Jahr auf der siebten Tagung „Qualität der Lehre in der Medizin“ (22. bis 24. September 2000) bestärken die Erwartung an eine andere (Aus-)Bildung und Förderung der angehenden Ärztinnen und Ärzte.
Prof. Dr. med. Winfried Kahlke, Universitätskrankenhaus Eppendorf, Martinistraße 52,
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema