ArchivDeutsches Ärzteblatt36/1996Immun gegen HIV: Gendefekt schützt vor der Infektion

SPEKTRUM: Akut

Immun gegen HIV: Gendefekt schützt vor der Infektion

Koch, Klaus

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LNSLNS Einer von hundert Europäern und europastämmigen Amerikanern besitzt eine angeborene Resistenz gegen eine Infektion mit HIV. Auf diese natürliche Immunität waren amerikanische Forscher durch Personen aufmerksam geworden, die sich trotz häufigen ungeschützten Sexualverkehrs mit HIV-Infizierten nicht ansteckten. Im Experiment zeigten sich deren Blutzellen tatsächlich als resistent gegen die häufigste Virusvariante, die vor allem Makrophagen befällt (M-tropic-HIV). Wie die Forscher jetzt im Magazin "Cell" (Vol 86, S. 367) beschreiben, beruht diese Resistenz auf einer Mutation im Gen für den Chemokin-Rezeptor "CCR-5". Der Rezeptor, dessen eigentliche Aufgabe die Kommunikation der Zellen bei Entzündungsreaktionen ist, wurde erst vor einigen Monaten als der wichtigste "Co-Rezeptor" identifiziert, den das Virus neben CD4 für den Eintritt in eine Wirtszelle benötigt.

Im Erbgut zweier Amerikaner entdeckte man in beiden Exemplaren des CCR-5-Gens einen Defekt, der zum völligen Fehlen des Rezeptors auf der Oberfläche der Zellen führte. Nach der Analyse einer belgischen Forschergruppe tragen offenbar 18 Prozent der Europäer zumindest ein mutiertes Exemplar des CCR-5-Gens im Erbgut (Nature, Vol 382, 722–725). In einer Gruppe von 723 HIV-Infizierten war das "Schutzallel" jedoch wesentlich seltener zu finden. Nach ihren Berechnungen reduziert schon der Besitz eines Exemplars das Risiko einer HIV-Infektion um etwa ein Drittel. Bemerkenswerterweise fanden die Forscher nicht einen Patienten, den das Virus trotz zweier Defektallele hatte infizieren können. Unverstanden ist bislang allerdings, warum der bei Europäern so häufige Gendefekt in anderen Bevölkerungsgruppen – wie Japanern, West- und Zentralafrikanern – bislang nicht gefunden werden konnte.
Vermutlich wird es recht schnell einen kommerziellen Gentest geben, mit dem jeder seine Genkonstellation abklären kann. Doch selbst für die schätzungsweise 800 000 Deutschen mit der angeborenen Resistenz sehen die Experten keinen Anlaß, auf Kondome zu verzichten. Zwar ist "M-tropic-HIV" für die meisten Neuinfektionen verantwortlich und überwiegt während der asymptomatischen Phase der HIV-Infektion. Im Verlauf der Immunschwäche gewinnt bei vielen Betroffenen aber eine Virusvariante die Oberhand, die vor allem T-Zellen infiziert: "T-tropic-HIV" nutzt jedoch nicht mehr CCR-5 zum Eintritt in die Zellen, sondern einen anderen Rezeptor. Gegen diese Variante des Virus, die vor allem durch kontaminierte Nadeln und Blutprodukte übertragen wird, bietet der CCR-5-Gendefekt nach jetzigem Wissen keinen Schutz. Klaus Koch

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