ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2001Medizinische Ethik: Weiterhin Diskussionsbedarf

POLITIK

Medizinische Ethik: Weiterhin Diskussionsbedarf

Dtsch Arztebl 2001; 98(1-2): A-14 / B-10 / C-10

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS Die deutschen Ärzte sind sich weitgehend einig. Die Gesetze sollten nicht alles erlauben, was medizinisch möglich ist.


Die Niederländer legalisieren die aktive Sterbehilfe, in Großbritannien ist soeben das therapeutische Klonen genehmigt worden, in zahlreichen europäischen Staaten ist die Präimplantationsdiagnostik erlaubt. In Deutschland sind sich Ärzte und Politiker weitgehend einig: Es soll nicht alles erlaubt werden, was möglich ist. So will zum Beispiel Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Andrea Fischer die Präimplantationsdiagnostik (preimplantation genetic diagnosis = PGD) unmissverständlich in einem neuen Fortpflanzungsmedizingesetz verbieten. Dies soll das bisher geltende Embryonenschutzgesetz ablösen. In Gang gesetzt wurde die Diskussion über diese Methode der vorgeburtlichen Diagnostik durch einen von der Bundes­ärzte­kammer vorgelegten, von deren Wissenschaftlichem Beirat ausgearbeiteten „Diskussionsentwurf zu einer Richtlinie zur Präimplantationsdiagnostik“. Nach dem Entwurf kann eine streng auf den Einzelfall bezogene Indikationsstellung zur PGD infrage kommen. Das Spektrum möglicher Indikationen ist äußerst eng gefasst und bezieht sich ausschließlich auf Paare, bei deren Nachkommen nachgewiesenermaßen ein hohes Risiko für eine schwerwiegende, genetisch bedingte Erkrankung besteht.
Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium lehnt eine Präimplantationsdiagnostik dagegen unter anderem deswegen ab, weil die Gefahr bestehe, dass in der Gesellschaft eine Erwartungshaltung für gesunde Kinder entstehen könnte und es Eltern schwer gemacht werde, sich für ein behindertes Kind zu entscheiden. Auch in der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) sei die Meinungsbildung über die Präimplantationsdiagnostik keineswegs abgeschlossen, betont deren Präsident, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe. Vielmehr habe die BÄK die Diskussion angeregt, um zu entscheiden, ob und inwieweit die PGD in Deutschland Anwendung finden soll. Ein Argument, das für die Anwendung der PGD angeführt wird, ist, dass sie Spätabtreibungen verhindern könnte. Bei festgestellter Behinderung nach pränataler Diagnostik sind derzeit aufgrund der medizinischen Indikation Abtreibungen bis zum Ende der Schwangerschaft möglich. Dazu erklärte Andrea Fischer, dass es zwischen den beteiligten Ministerien und dem Bundestag Arbeitsgruppen gebe, die sich mit dieser Problematik beschäftigten. „Dort wird darüber nachgedacht, dass Spätabtreibungen nur in bestimmten Zentren gemacht werden sollen, mit entsprechender vorheriger Beratung. Dies soll Spätabtreibungen sehr stark einschränken.“
Auch zum therapeutischen Klonen, das durch das Embryonenschutzgesetz (ESchG) verboten ist, fordert Hoppe eine gesellschaftliche Diskussion. Eine Lockerung des ESchG hält er für den falschen Weg. Es müsste vielmehr geklärt werden, ob nicht auch mit körpereigenen erwachsenen Stammzellen neue Therapien für bisher unheilbare Krankheiten entwickelt werden könnten. Nach Hoppes Überzeugung wird das Klonen von Embryonen erhebliche Auswirkungen auf „unser Verständnis von Menschenwürde und schützenswertem Leben“ haben. Ministerin Fischer teilt diese Auffassung: „Wenn wir die Forschung an embryonalen Stammzellen erlauben, würde dies den Einstieg in die Produktion überzähliger Embryonen bedeuten. Das ist zurzeit aber nicht erlaubt, und ich meine auch nicht, dass wir diesen Weg gehen sollten.“ Sie räumt aber ebenso wie die CDU-Parteivorsitzende Angela Merkel ein, dass es eine Grauzone im ESchG gibt: Im Ausland gewonnene embryonale Stammzellen können nach Deutschland importiert werden. „Trotzdem kann sich ein Land dafür entscheiden, dass es an dieser Erforschung nicht an vorderster Stelle teilnimmt, die Ergebnisse später jedoch nutzt“, sagte Merkel.
In den Niederlanden hat Ende November 2000 das Parlament ein Gesetz beschlossen, wonach aktive Sterbehilfe unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt sein soll. Auch in Deutschland gibt es, so Hoppe, eine Bewegung, die auf die Abschaffung des § 216 des Strafgesetzbuches hinarbeitet, in dem die Tötung auf Verlangen unter Strafe gestellt ist. Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin sprach sich strikt gegen solche Bestrebungen aus. Die BÄK hatte aktiver Euthanasie in ihren Grundsätzen zur ärztlichen Sterbebegleitung ebenfalls eine deutliche Absage erteilt. Ärzte sollten Leben erhalten und nicht töten. Gisela Klinkhammer


Fordert gesellschaftliche Diskussion ethischer Fragen: Prof. Jörg-Dietrich Hoppe (hier auf dem 103. Deutschen Ärztetag; im Hintergrund BÄK-Hauptgeschäftsführer Prof. Christoph Fuchs) Foto: Bernhard Eifrig
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