ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2001Bundeswehreinsatz in Ost-Timor: Medizinische Mission

THEMEN DER ZEIT

Bundeswehreinsatz in Ost-Timor: Medizinische Mission

Dtsch Arztebl 2001; 98(1-2): A-25 / B-18 / C-18

Müller-Lorenz, Achim; Felsch, Jens; Heßler, Frank

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LNSLNS Vor knapp einem Jahr endete die UN-Mission der Bundes-
wehr in Südostasien. Der Auftrag: die Evakuierung Verletzter ins australische Darwin – Zeit für einen Rückblick


Der östliche Teil der Insel Timor war seit dem 16. Jahrhundert portugiesische Kolonie und wurde 1976 nach dem Scheitern von Unabhängigkeitsgesprächen zwischen Portugal und Indonesien als 27. Provinz Indonesiens annektiert. In einer von den Vereinten Nationen überwachten Volksabstimmung am 7. August 1999 entschied sich die große Mehrheit der Bevölkerung Ost-Timors für die nationale Unabhängigkeit. In der Folge kam es zu vom indonesischen Militär zumindest geduldeten Terrorakten pro-indonesischer Milizen gegenüber der Zivilbevölkerung. Brandschatzungen und Massaker führten zur Massenflucht der Zivilbevölkerung nach West-Timor oder in die unzugänglichen Bergregionen Ost-Timors. Im September 1999 beschloss der UN-Sicherheitsrat die Entsendung einer internationalen bewaffneten Friedenstruppe (International Forces East-Timor, Interfet) und beauftragte Australien mit der Führung. Von den 9 300 UN-Soldaten, die im Januar 2000 der UN-Truppe angehörten, stammten 5 200 aus Australien.
Von Oktober 1999 bis Februar 2000 war auch ein Kontingent der Luftwaffe, bestehend aus 73 Personen, mit zwei speziell ausgebauten Transportflugzeugen des Typs C-160 Transall an der Operation beteiligt. Das deutsche Luftwaffenkontingent wurde in einer Kaserne der australischen Armee in Darwin stationiert. Mit 100 000 Einwohnern ist sie die Hauptstadt des „Northern Territory“ und Australiens Tor zum südostasiatischen Raum. Das Klima ist subtropisch, von November bis März („wet season“) ist das Wetter geprägt von heftigen Gewittern, Monsunregen und Zyklonen.
Aufgabe der Bundeswehr war es, verletztes oder erkranktes Personal der internationalen Streitkräfte von Ost-Timor nach Australien zu evakuieren. Mit den beiden für den Patiententransport umgerüsteten Transall C-160 konnten jeweils 14 Patienten (liegend) transportiert werden, davon zwei beatmet und sechs unter erweiterter Monitorüberwachung. Neben fünf Mann fliegerischer Besatzung standen dafür 12 Frauen und Männer mit medizinischer Ausbildung zur Verfügung: pro Flugzeug jeweils ein Anästhesist, ein Allgemeinarzt, ein bis zwei Rettungsassistenten und Rettungssanitäter.
Die primäre Patientenversorgung fand zunächst in Feldlazaretten vor Ort statt. Es handelte sich dabei um mobile Zelt- oder Container-Modulsysteme mit OP und Intensiveinheit. Sie boten die Behandlungsmöglichkeiten eines Kreiskrankenhauses und wurden vorwiegend von Australiern und Neuseeländern bereitgestellt. Daneben betrieben beispielsweise Thailand und die Philippinen kleinere Lazarette auf Ost-Timor.
In der Regel flog das deutsche Medevac-(medical evacuation-)Team zweimal pro Woche nach Dili auf Ost-Timor (Flugzeit circa eineinhalb Stunden). Das Dili „Komoro Airfield“ besitzt die längste Landebahn auf Ost-Timor und ist Standort des australischen Feldhospitals. Während der übrigen Zeit stand die C-160 für Notfälle bereit. Zwar verfügt die deutsche Luftwaffe mit dem Airbus A-310 und modularen Intensivtransporteinheiten über hochmoderne Flugzeuge für derartige Einsätze, die örtlichen Gegebenheiten auf Ost-Timor mit „Feldflugplätzen“ lassen den Einsatz solcher Flugzeuge aber nicht zu.
In Dili übernahm das Medevac-Team die Patienten, die an leichteren Erkrankungen oder Verletzungen litten, direkt auf dem Rollfeld. Intensivpflichtige Patienten holten Anästhesist und Rettungsassistent auf der Intensivstation des Hospitals ab. Der Rücktransport endete in der Regel mit der Übergabe der Patienten an die Sanitätseinrichtung der Royal Australian Airforce auf dem Flugplatz in Darwin, intensivpflichtige Patienten übergab das Evakuierungs-Team auf der Intensivstation des Royal Darwin Hospital (RDH). Das Krankenhaus ist mit 350 Betten, davon 16 Intensivbetten, als Schwerpunktkrankenhaus anzusehen, da sich im Umkreis der nächsten 1 500 Kilometer keine vergleichbaren medizinischen Einrichtungen befinden. Weil sich vor allem Nierenerkrankungen im Northern Territory häufen, ist die Intensivstation beispielsweise in der Lage, sieben Hämofiltrationen gleichzeitig durchzuführen.
Während der Mission hat das Team der Luftwaffe 230 Patienten aus 13 Nationen transportiert und medizinisch betreut. Die meisten Patienten (42 Prozent) litten an Traumata. Dabei muss man berücksichtigen, dass zum Zeitpunkt des Eintreffens der deutschen Luftwaffe bis auf vereinzelte Grenzunruhen zwischen West- und Ost-Timor keine Kämpfe mehr stattfanden. Die Rückführung der nach West-Timor vertriebenen Ost-Timoresen war weitgehend abgeschlossen, die Grenze gesichert, und die UN hatte unter bewaffnetem Schutz mit dem Wiederaufbau zerstörter Infrastrukturen begonnen. 19 Prozent der Patienten litten unter internistischen Erkrankungen, nach Beginn der Regenzeit Mitte Dezember vor allem unter Tropenkrankheiten. Bei den psychiatrischen Fällen dominierten reaktive Depressionen und Belastungsreaktionen. Der Anteil der Patienten, die intensivmedizinisch versorgt werden mussten, lag mit acht Fällen zwar sehr niedrig, jedoch waren die Krankheitsbilder dramatisch. Auch hier dominierten die Tropenkrankheiten (Malaria tropica, hämorrhagisches Dengue-Fieber), des weiteren Myocardinfarkt, Meningitis, komplexe suizidale Mischintoxikationen. Als Beispiel mag der versuchte Suizid eines 34-jährigen jordanischen UN-Polizisten dienen, der bereits seit mehreren Monaten auf Ost-Timor im Einsatz war. Das Fax, das das Medevac-Team erreichte, lautete: Diagnose: Zwischen 15 Uhr und 15.30 Uhr Überdosis von 40 Tabletten Paracetamol, bis zu 2 g Theophyllin, unbekannte Menge Diazepam, fragliche orale Aufnahme von RID-Insektenschutzmittel, mögliche orale Aufnahme einer Flasche Shampoo. Patient wurde gegen 16 Uhr sediert und ausgespült. Offenbar suizidal, sprach darüber, sich erschießen zu wollen. Patient wird intubiert und beatmet, muss ins Royal Darwin Hospital transferiert werden. Klassifikation: C1A (= dringend). Die Medevac-Crew evakuierte den Patienten nach Darwin. Obwohl das Antidot N-Acetylcystein weder in Dili noch an Bord verfügbar war, kam es zur vollständigen Genesung.
Während es bei den routinemäßigen Flügen dank guter Planung der australischen Sanitätsoffiziere keine Schwierigkeiten gab, zeigte sich in Notfällen gelegentlich multinationales Durcheinander. Interessant für die deutsche medizinische Crew war darüber hinaus, dass selbst tropenerfahrene Nationen ihre Probleme mit typischen Tropenkrankheiten hatten, insbesondere mit der Malaria tropica. So kamen intensivpflichtige Patienten oft erst relativ spät nach dem Ausbruch der Erkrankung zur Aufnahme ins „Zentralhospital“ in Dili und erwiesen sich bei Übernahme durchweg als instabil (septisches Krankheitsbild mit Multiorganversagen). Da die meisten Patienten jedoch jung waren, starb nur einer noch vor der Übernahme.
Am 23. Februar endete offiziell die Interfet-Mission. Rückblickend ist den Verfassern die stets locker-humorvolle, sehr individuelle und fachlich genaue Zusammenarbeit mit den multinationalen Kollegen in Erinnerung geblieben. Vor allem die Art und Weise der Australier, mit den kulturellen Eigenarten der beteiligten Nationen umzugehen, sollte zur Nachahmung anregen.

Dr. med. Achim Müller-Lorenz
Jens Felsch
Frank Heßler
Bundeswehrkrankenhaus
Lesserstraße 180
22049 Hamburg


Vor dem Rückflug intubiert das Medevac-Team im Feldlazarett von Dili einen Patienten, der an Malaria erkrankt ist.


Zwei Flugzeuge des Typs Transall C-160 wurden für den Patiententransport umgerüstet (rechts).




Während des Fluges nach Darwin wird ein Patient auf der Intensivtransporttrage beatmet (unten).


Die Australier haben ein Museumsgebäude in ihr Feldlazarett einbezogen. Fotos: Frank Heßler
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