ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2001Malawi: Unerwähnt - Warmherzige Bevölkerung

BRIEFE

Malawi: Unerwähnt - Warmherzige Bevölkerung

Dtsch Arztebl 2001; 98(1-2): A-29 / B-25 / C-25

Kogelheide, Claus

Zu dem Beitrag „Land des Feuers“ von Trudy Thalheimer, erschienen in unserem Reisemagazin zu Heft 46/2000:
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LNSLNS Mit Befremden habe ich zur Kenntnis genommen, welches Bild von Malawi einer meines Wissens gebildeten und gesellschaftskritischen Zielgruppe (Ärzte) zu vermitteln versucht wird. Es verwundert nicht, dass die Verfasserin mit Malawis Beinamen „warm heart of Africa“ nichts anfangen kann, denn dieser Titel bezieht sich auf die freundliche, warmherzige Bevölkerung. Diese spielt aber in der Reisebeschreibung gar keine Rolle. Man könnte meinen, sich in einem menschenleeren Land wiederzufinden, das seine Existenzberechtigung nur daraus bezieht, Nationalparks mit den „Big Five“ für den geneigten Fototouristen bereitzuhalten.
Diese extreme Simplifizierung und Reduzierung wird der tatsächlichen Situation bei weitem nicht gerecht. Ein zentrales Problem der Bevölkerung, die zu 90 Prozent im ländlichen Raum lebt, liegt in der geringen Verfügbarkeit von ackerbaulich nutzbaren Landflächen mit meist weniger als 0,5 ha pro Haushalt. Bei einer durchschnittlichen Fertilitätsrate von >7 sind die Aussichten auf Land auch in Zukunft für einen großen Teil der 10 Millionen Einwohner sehr begrenzt. Wer von einem ha Land mehr als zehn Personen ernähren muss, hat sicherlich andere Prioritäten, als große Flächen für europäische Naturschutzinteressen abzutreten.
Der Konflikt Naturschutz/Ackerland lässt sich endgültig nur überwinden, wenn die lokale Bevölkerung aus dem Naturschutz mindestens gleiche Einkommen generiert wie aus Nutzungsalternativen. Da die Regierung nicht einmal Geld für Papier hat, um den letzten Zensus gedruckt herauszugeben, stehen auch für das Nationalparkmanagement kaum Mittel zur Verfügung. Damit die Nationalparks sich (in Zukunft) selbst tragen, werden Lizenzen für den Jagd- und Fototourismus an Safariveranstalter vergeben.
Diese, meist Südafrikaner oder Europäer, haben kein grundsätzliches Interesse an der Erhöhung der Einkommen der ansässigen Bevölkerung. Sie wollen vielmehr das Bild einer heilen Welt vermitteln, in der es keine Zwangsumsiedlungen zur Ausweitung der Schutzgebiete gibt, sondern in der jeder die „Big Five“ vor die Linse oder vor den Lauf bekommt. Dabei empfinde ich die Erhebung der Verfasserin über „schießwütige Großwildjäger“ als reichlich arrogant. Immerhin nutzt sie dieselbe touristische Infrastruktur, lässt aber im Vergleich zum Jäger nur zehn Prozent des Geldes im Land bei deutlich kürzerer Aufenthaltsdauer. Da die Tierbestände im künstlichen Biotop Nationalpark sowieso reguliert werden müssen, im Interesse der faunistischen und floristischen Artenvielfalt, halte ich es für eine vergleichsweise elegante Lösung, diese Regulierung durch zahlungswillige und zahlungskräftige Jäger vornehmen zu lassen. Dass es bei Summen von 10 000 bis 20 000 DM pro Abschuss zur Zweckentfremdung der Mittel kommen kann, sollte nicht verwundern in einem Land mit einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 400 DM (entspricht drei bis vier Nächten in einem der empfohlenen Hotels!). Das Korruptionsproblem sagt aber nichts aus über die Qualität des Ansatzes, sondern über Probleme der Kontrolle und der Sanktionsmöglichkeiten . . .
Claus Kogelheide, Institut für Entwicklungsforschung und Entwicklungspolitik, Ruhr-Universität Bochum, Universitätsstraße 150, 44780 Bochum
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