ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2001Aktienmarkt 2001: Silberstreif am Horizont

VARIA: Wirtschaft

Aktienmarkt 2001: Silberstreif am Horizont

Dtsch Arztebl 2001; 98(1-2): A-54 / B-48 / C-47

Jobst, Peter

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LNSLNS Das Börsenjahr 2000 war spannend. Einem starken Kursanstieg im Frühjahr standen oftmals beträchtliche Verluste im Sommer und im Herbst gegenüber, die zuletzt – insbesondere am Neuen Markt – schon nahezu in einem Crash-Szenario endeten


Zu Jahresbeginn 2000 sah die Situation noch rosig aus: Die Technologiewerte setzten ihre im Herbst 1999 begonnene Hausse fort, der Markt wurde von teilweise euphorischen Meldungen überschwemmt. Ab Mitte März 2000 folgte – ausgehend von der amerikanischen Technologiebörse Nasdaq – die Ernüchterung. Viele einstmals hochgelobte Titel brachen ein, Kursverluste von 70 und mehr Prozent waren mehr die Regel als die Ausnahme. Manche Werte des Neuen Marktes dürften in absehbarer Zeit wieder vom Kurszettel verschwinden. Dem stand eine wesentlich ruhigere Durchschnittsentwicklung bei den Standardwerten gegenüber, wobei allerdings auch hier viele Einzeltitel oftmals beträchtliche Abweichungen zum Gesamtmarkt aufwiesen. So liegt die Performance selbst innerhalb des Deutschen Aktienindex DAX zwischen plus 70 und minus 50 Prozent. Die von vielen Analysten abgegebenen Jahresprognosen von mehr als 8 000 Indexpunkten konnten jedoch keinesfalls gehalten werden.
Deutschland: Impulse durch die Steuerreform
Gerade nach dem Verfall der vergangenen Monate sind die Zeichen jedoch wieder günstig. Europas Wirtschaft ist – ausgelöst zunächst durch den schwachen Euro, später aber auch durch die Belebung in der Binnenkonjunktur – durchaus noch auf Wachstumskurs. Das zunehmende Verbrauchervertrauen liefert Anlass zu der Annahme, dass sich diese Entwicklung in 2001 fortsetzt und die Unternehmensgewinne allein deshalb um durchschnittlich 15 Prozent steigen werden.
Weiteren Auftrieb sollten die Kurse aufgrund der Steuerreform erhalten: Einerseits wird die Körperschaftsteuer für Unternehmen von bisher 30 Prozent für ausgeschüttete Gewinne und 40 Prozent für einbehaltene Gewinne auf einheitlich 25 Prozent gesenkt. Zudem können Unternehmen Beteiligungen künftig steuerfrei veräußern, die sie länger als ein Jahr gehalten hatten. Andererseits müssen Anleger ihre Dividenden nur noch zur Hälfte versteuern. Insbesondere kapitalkräftige Investoren werden daher zunehmend dividendenstarken Aktien gegenüber den ungünstiger besteuerten festverzinslichen Wertpapieren den Vorzug geben. Im Übrigen sinkt auch die Einkommensteuerbelastung der Bevölkerung, sodass sich auch hieraus Impulse für den Markt ergeben könnten. Schließlich sollte auch die Rentenreform dem Aktienmarkt neue Impulse geben: Wird die Bevölkerung angehalten, die Versorgungslücken in der Altersvorsorge durch eigenes Sparen zu schließen, so könnte dies auch der Börse zugute kommen.
Aber auch markttechnische Einflussfaktoren lassen auf ein freundliches erstes Halbjahr schließen: So weist gerade die deutsche Börse derzeit ein sehr hohes Put/Call-Ratio auf; das heißt, viele Anleger haben sich an der Terminbörse gegen Verluste abgesichert. Zumindest bisher war dies stets ein Signal dafür, dass eine Konsolidierungs- beziehungsweise Baissephase ihr Ende erreicht hat. Wenig Anlass zur Sorge bieten auch die Zinsen, nachdem die Europäische Zentralbank zuletzt mehrfach kräftig zulangte.
Belastungen ergeben sich aus der anziehenden Inflationsrate: Nachdem die Energiepreise jetzt zwar stagnieren, ihr hohes Niveau jedoch noch nicht verlassen haben, könnte dies in diesem Jahr das Verbraucherverhalten beeinflussen. Dies gilt allerdings in erster Linie für Importgüter, die sich durch den schwachen Eurokurs verteuert haben, während bei Inlandswaren derzeit noch kein nennenswerter Preisauftrieb festzustellen ist. Eine neutrale Position nimmt in diesem Szenario der Euro ein: Die schwache Entwicklung der Vergangenheit wird mittlerweile sehr kritisch gesehen, spiegelt sie doch das geringe Vertrauen wider, das Anleger der neuen Gemeinschaftswährung entgegenbringen. Andererseits besteht auf heutigem Niveau kaum noch die Gefahr weiterer, stärkerer Abflüsse. Im Gegenteil: Setzt auf spekulativer Ebene erst einmal ein Umdenken zugunsten des Euro ein, sind beträchtliche Kapitalzuflüsse für die europäischen Aktienmärkte denkbar.
Auch im Jahr 2001 dürfte es sich jedoch lohnen, selektiv vorgehen. Interessant sind insbesondere Werte aus der „Old Economy“, also aus altgedienten Industriezweigen – dies allerdings nur dann, wenn auch die langfristigen Aussichten günstig erscheinen. Hier gelten insbesondere die Automobilwerte als Favoriten. Daneben sollten sich Telekommunikationswerte nach dem Kursdebakel der vergangenen Monate wieder erholen können. Nicht zuletzt wird auch kennzahlenstarken Nebenwerten, die sich bereits 2000 überdurchschnittlich gut behaupten konnten, weiteres Potenzial eingeräumt. Vorsicht ist am Neuen Markt geboten, denn hier dürfte Gigabell nicht das letzte Unternehmen gewesen sein, das die Segel streichen muss.
Europa: Optimismus
Positive Szenarien ergeben sich auch für die europäischen Wertpapiere, selbst wenn hier weder eine Steuerreform noch ein derart rasanter Konjunkturanstieg wie in Deutschland die Märkte beflügelt. Interessant erscheinen weiterhin die „Blue Chips“ des Kurszettels sowie ertragsstarke Nebenwerte. Bei Newcomern ist Zurückhaltung geboten. Zu den Favoriten zählen derzeit insbesondere die Automobilpapiere, die Chemie und der Maschinenbau, wogegen Branchen wie der Einzelhandel vorerst noch gedrückt bleiben dürften. Aber auch die einstigen „Stars“ – darunter beispielsweise die Nokia-Aktie – sollten sich wieder deutlich positiver entwickeln können als im Jahr 2000.
USA und Japan: durchaus günstige Ausgangsposition
Mit Spannung wird auch die weitere Entwicklung in den USA erwartet. Per saldo verzeichneten der Dow- Jones-Index und der marktbreitere Standard & Poor’s-500-Index im vergangenen Jahr zwar eine Seitwärtsbewegung, manche Werte wurden jedoch von massiven Kurssprüngen geprägt. Insbesondere Gewinnwarnungen sorgten zeitweise für heftige Verluste von mehr als 30 Prozent binnen weniger Stunden. Noch stärkere Rückschläge mussten die Technologiewerte an der Nasdaq verbuchen. Diese Kursrückgänge sind jedoch durchaus eine günstige Ausgangsposition für einen positiven Jahresbeginn 2001: Viele Werte notieren zwischen 20 und 40 Prozent unter ihren Vorjahreshöchstständen, jedoch haben es die Unternehmensführungen verstanden, sich mit konsequenten Umstrukturierungen an die neuen Marktbedingungen anzupassen. Allerdings ist auch hier ein sehr selektives Verhalten erforderlich, denn schließlich – und das dürfte auch die Börse belasten – ist die amerikanische Konjunktur nach knapp zwölfjährigem Boom mittlerweile auf dem Rückzug. Auch eine verstärkte Hinwendung zum Euro und damit europäischen Papieren könnte die Wall Street belasten.
Für Enttäuschungen sorgte zuletzt der japanische Aktienmarkt. Neben grundlegenden gesamtwirtschaftlichen Problemen hatte die Börse erneut mit strukturellen Altlasten zu kämpfen. Der sechste Kollaps einer japanischen Lebensversicherung stoppte die freundliche Entwicklung zum Jahresauftakt, seitdem geht es stetig bergab. Nachdem charttechnisch alle wichtigen Widerstandsmarken geschnitten wurden, ist das Erreichen neuer Tiefststände in den kommenden Wochen nicht auszuschließen. Allerdings gibt es auch Grund zu zaghaftem Optimismus: Die Industrieproduktion expandiert bereits seit vier Quartalen in Folge, zudem versucht die japanische Regierung, mit einem neuen Konjunkturprogramm über zehn Billionen Yen die bestehenden Probleme zu beseitigen. Keineswegs auszuschließen ist eine schnelle Erholung des Marktes, sobald die bisher extrem negative Stimmung der Spekulanten erst einmal gedreht hat. Voraussetzung ist hier jedoch, dass auch die weiteren fundamentalen Daten eine Stabilisierung der Wirtschaft erwarten lassen. Peter Jobst
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