ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2001Palliativmedizin: Schmerzmittel statt Sterbehilfe

AKTUELL: Akut

Palliativmedizin: Schmerzmittel statt Sterbehilfe

Dtsch Arztebl 2001; 98(3): A-69 / B-57 / C-57

Koch, Klaus

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LNSLNS Die Palliativmedizin in Deutschland kommt langsam voran. Symbol für den Fortschritt ist Prof. Eberhard Klaschik vom Zentrum für Palliativmedizin am Malteser-Krankenhaus in Bonn-Hardtberg, der den ersten Lehrstuhl für „Linderungs-Medizin“ innehat. Klaschik schilderte letzte Woche auf dem 25. Interdisziplinären Forum „Fortschritte und Fortbildung in der Medizin“ der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) in Köln, dass es 1990 in Deutschland lediglich eine Palliativstation gegeben habe. Mittlerweile seien es mehr als 70, und in jeder größeren Stadt gebe es zumindest eine Schmerzambulanz oder einen Schmerzspezialisten. Klaschik hält eine gute Palliativmedizin für die beste Antwort auf die durch die Niederlande ausgelöste Sterbehilfe-Diskussion. Eigene Erfahrungen zeigten, dass die Patienten, die Todeswünsche äußerten, ihren Lebenswillen meist zurückgewönnen, sobald ihre Schmerzen gelindert seien.

Zur Verbesserung der Versorgung sei auch die Stärkung ambulanter Dienste nötig. Auf Klaschiks Station bleiben Patienten durchschnittlich elf Tage, zwei Drittel würden dann nach Hause entlassen, ein Drittel sterbe in der Klinik. Auch Prof. Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der BÄK, hält eine Förderung der Palliativmedizin für dringlich: „Vielleicht vermögen wir dann auch in den Niederlanden eine neue Nachdenklichkeit zu erzeugen.“ Allerdings gehört zu guter Palliativmedizin, dass Ärzte erkennen, wann sie ihren Patienten die Wahrheit sagen sollten. Eine kanadische Studie belegt beispielsweise, dass Ärzte die Dauer des „finalen“ Stadiums eines Krebspatienten oft überschätzen.

Bei 233 todkranken Tumorpatienten hatten Forscher überprüft, wie gut die Prognose der Kollegen über die Dauer der verbleibenden Lebensspanne mit der Realität übereinstimmte. Nur bei einem von vier Patienten trafen die Vorhersagen zu (Cancer 1999; 86: 170). Meist tendierten die Ärzte dazu, den Krebskranken mehr Zeit zu geben, als ihnen wirklich blieb. Zu befürchten ist, dass diese Fehler das Leiden vieler Betroffenen unnötig vergrößert. Nach älteren Untersuchungen sind zu optimistische Prognosen ein Grund, warum in den USA viele Krebspatienten erst spät in Sterbehospize aufgenommen werden oder ihnen starke Schmerzmedikamente vorenthalten bleiben. Klaus Koch
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