ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2001Embryonenschutz: Englische Verführung

POLITIK: Kommentar

Embryonenschutz: Englische Verführung

Dtsch Arztebl 2001; 98(3): A-81 / B-69 / C-69

Jachertz, Norbert

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LNSLNS Das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat neuerdings einen gewissen Ruf, gegenüber dem Fortschritt in der Biotechnologie besonders aufgeschlossen zu sein und die tradierte Ethik, angesichts allerlei hochgespannter Hoffnungen, infrage zu stellen. Die Lehre vom Segen der reinen Marktwirtschaft schwappt so vom Wirtschafts- und Finanzteil ins Kulturelle.
Ganz in diesem Sinne erschien dort am 29. Dezember letzten Jahres ein Artikel „gegen eine Ethik mit Scheuklappen“, in dem Karl-Friedrich Sewing die Entscheidung des britischen Unterhauses zum so genannten therapeutischen Klonen verständnisvoll würdigte und Kritiker aus Deutschland als „verbale Schnellfeuergewehre“ abtat. Lediglich Bundeskanzler Schröder bekam ein Lob wegen seiner „Ansätze einer differenzierten Betrachtungsweise“.
Sewing spricht sich für Forschung an embryonalen Stammzellen aus, „überzählige“ Embryonen, die bei der künstlichen Befruchtung anfielen, sollten eingesetzt werden dürfen. Die traditionellen Verfahren hätten wohl ausgedient, der Aufbruch zu neuen Ufern sei gerechtfertigt, begründet Sewing. Wenn im Ausland mit embryonalen Stammzellen geforscht werde, dürfe sich die deutsche medizinische Wissenschaft nicht verweigern.
Sewing firmiert in der Frankfurter Allgemeinen als Vorsitzender des
Wissenschaftlichen Beirates der Bundes­ärzte­kammer, nicht als Pri-
vatmann. Dem würde man selbstverständlich die Freiheit zubilligen, seine Meinung in dieser Weise zu artikulieren und gegen (angebliche) ethische Scheuklappen aufzufahren. Für den Vorsitzenden einer offiziellen Einrichtung der Ärzteschaft gelten andere Spielregeln.
Sewing vertritt Auffassungen, die vielleicht von interessierten Forschern geteilt werden, nicht aber von der verfassten Ärzteschaft. Er segelt somit unter falscher Flagge. Er segelt freilich im Strom des Zeitgeistes, gehört er doch zu jenen, die angestrengt danach suchen, Forschung an Embryonen, die bisher nicht erlaubt und ärztlich umstritten ist, zu rechtfertigen.
Lockt Sewing mit dem noch relativ schlichten Hinweis auf das Ausland, dann der neue Kulturstaatsminister in des Bundeskanzlers Kabinett mit philosophischen Versuchungen, was nahe liegt, ist doch Julian Nida-Rümelin Professor für Philosophie: Für ihn (so sein Artikel im Berliner Tagesspiegel vom 3. Januar) ist das ausschlaggebende Kriterium die Menschenwürde.
So weit, so gut. Doch dann kommt’s. Die rhetorische Frage, ob das Klonen eines Embryos die Menschenwürde beschädige, beantwortet er: „Die Antwort ist für mich: zweifellos nein.“ Denn, so Nida-Rümelins Rechtfertigung: „Die Achtung der Menschenwürde ist dort angebracht, wo die Voraussetzungen erfüllt sind, dass ein menschliches Wesen entwürdigt werde, ihm seine Selbstachtung genommen werden kann. Daher lässt sich das Kriterium der Menschenwürde nicht auf Embryonen ausweiten. Die Selbstachtung eines Embryonen lässt sich nicht beschädigen.“
Das ist die anspruchsvolle Verbrämung des Bioethikers Nida-Rümelin von Sewings schlichtem Utilitarismus. Die Schlittenfahrt hat begonnen. Norbert Jachertz
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