ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2001Plagiate in der Wissenschaft: „Diebe und Betrüger“

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Plagiate in der Wissenschaft: „Diebe und Betrüger“

Dtsch Arztebl 2001; 98(3): A-90 / B-74 / C-73

Parzeller, Markus

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LNSLNS Universitäten reagieren auf den geistigen Diebstahl
mit Satzungen zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis.

Auf die zunehmenden Fälle von unlauteren Manipulationen im wissenschaftlichen, insbesondere im medizinischen Bereich haben die Universitäten inzwischen reagiert. Sie haben Satzungen zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis erlassen. Diese weisen jedoch erhebliche Unterschiede hinsichtlich ihrer inhaltlichen Ausgestaltung und Ausführlichkeit auf. Als gelungenes Beispiel kann die Satzung der Universität Gießen herangezogen werden.
An der Universität Frankfurt sorgte eine Auseinandersetzung zwischen einem abteilungsleitenden Professor im sportwissenschaftlichen Bereich und zwei Ärzten für erhebliche Aufregung. Indirekt hat sich auch das Landgericht Münster damit beschäftigt. Dem Streit an der Universität lag der Sachverhalt zugrunde, dass besagter Professor eine wissenschaftliche Ausarbeitung eines der Ärzte unter seinem Namen plagiativ in einem Handbuch für Gesundheitssport, einem sportwissenschaftlich beziehungsweise sportmedizinischen Fachbuch mit mehr als 30 Autoren, veröffentlicht hatte. Ferner hatte er als Voraussetzung, um sich in Frankfurt habilitieren zu können, von den beiden Ärzten so genannte Ehrenpublikationen verlangt.
Dieser Vorgang wurde inzwischen von einer Kommission zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten an der Universität Frankfurt bearbeitet. Die Kommission kam in ihrem Abschlussbericht vom 27. Juni 2000 zu dem Ergebnis, dass ein ungerechtfertigter Umgang mit fremdem wissenschaftlichen Eigentum vorlag und dass es neben diesem Plagiat auch noch weitere beanstandenswerte Verhaltensweisen gibt. Unter Plagiat wird die unbefugte Verwertung unter Anmaßung der Autorenschaft und der Diebstahl geistigen Eigentums verstanden. Bei Ehrenpublikationen handelt es sich um Publikationen, an denen der ehrenhalber genannte Autor üblicherweise nicht selbst wissenschaftlich mitgewirkt hat. Im Gegensatz zu anderen Fachdisziplinen ist es eine in der Medizin häufig anzutreffende Praxis, etwa den Vorgesetzten anzuführen. Aus den Ehrenpublikationen lassen sich generell keine urheberrechtlichen Ansprüche vonseiten des Ehrenautors ableiten.
Aufgrund der Vorkommnisse in Frankfurt wies ein renommierter Professor und Sportwissenschaftler aus Wuppertal anlässlich seines Hauptvortrages der Jahrestagung der Kommission „Gesundheit“ der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaften in Karlsruhe im Oktober 2000 auf den Kommissionsbericht hin und äußerte seine Bedenken gegenüber einer möglichen beratenden Zusammenarbeit der Vereinigung mit dem des Plagiats überführten Kollegen.
Der Professor aus Frankfurt beantragte unter Vorlage der eidesstattlichen Versicherungen von drei seiner Mitarbeiter beim Landgericht Münster den Erlass einer einstweiligen Verfügung. Er führte an, dass der Sportwissenschaftler aus Wuppertal geäußert haben soll, er sei ein Betrüger, und die Kommission für wissenschaftliches Fehlverhalten habe ihm Betrug nachgewiesen.
Das Landgericht Münster hat den Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung allerdings zurückgewiesen – in einer bemerkenswerten Begründung wurde ergänzend erwähnt: Umgangssprachlich könne das Plagiat, als der Diebstahl wissenschaftlichen Eigentums, auch als Betrug bezeichnet werden, da sich der Begriff des Betrügers insbesondere auf den wissenschaftlichen Betrug beziehe. Ausdrücklich betonte das Landgericht das begründete Recht auf freie Meinungsäußerung.
Das Landgericht geht bei seiner Urteilsbegründung erkennbar nicht von einer strafrechtlichen Wertung der Begriffe des Betrugs oder des Diebstahls aus. Im Strafrecht unterscheiden sich die beiden Vermögensdelikte im objektiven Tatbestand durch ihr äußeres Erscheinungsbild. Während beim Diebstahl eine Wegnahme vorliegt, wird beim Betrug die Sache weggegeben. Dem Landgericht kam es aber bei seiner indirekten Betrachtung nicht darauf an, eine strafrechtliche Wertung der Begriffe vorzunehmen, sondern ihre umgangssprachliche Bedeutung heranzuziehen. Umgangssprachlich dürfte damit sowohl der Begriff des Diebes als auch des Betrügers für den vorsätzlich handelnden Plagiateur einschlägig sein. Dr. med. Markus Parzeller
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