ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2001Jüdische Medizinethik: Leben als „Leihgabe“

THEMEN DER ZEIT

Jüdische Medizinethik: Leben als „Leihgabe“

Dtsch Arztebl 2001; 98(3): A-92 / B-78 / C-78

Nordmann, Yves

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LNSLNS Aus jüdischer Sicht ist jede Form aktiver Sterbehilfe verboten.

Die jüdische Medizinethik basiert auf einer jahrtausendealten Tradition und genießt in weiten Kreisen hohes Ansehen. Sie stellt ein System dar, das aus Perspektive der jüdischen Religion die anfallenden, vielschichtigen Probleme zu lösen versucht.
Da in der jüdischen Religion keine klare Trennlinie zwischen Ethik und Gesetz existiert, erscheint es unumgänglich, das jüdische Gesetz zu kennen, wenn man die jüdische Medizinethik verstehen will. Das schriftliche Gesetz, das im allgemeinen Sprachgebrauch auch als Bibel bezeichnet wird, setzt sich aus drei Teilen zusammen, der Tora, den Neviim und den Ketuvim, wobei die Tora die größte Bedeutung einnimmt. Sie ist die Grundlage des jüdischen Glaubens und enthält in fünf Büchern die göttliche Lehre, die Moses am Berg Sinai erhalten hat. Die jüdische Lehre besteht aber nicht nur aus dem schriftlichen Gesetz. Vielmehr kommt die mündliche Überlieferung hinzu, ohne die vieles des schriftlichen Gesetzes unverständlich bliebe.
Entscheidung von Fall zu Fall
Die mündliche Überlieferung wurde Moses und dem jüdischen Volk am Berge Sinai zur gleichen Zeit wie das schriftliche Gesetz von Gott übergeben. In einer langen, beständigen Kette der Tradition konnte sie bis in die heutige Zeit erhalten werden. Im 2. Jahrhundert n. Chr. wurde damit begonnen, die Lehren der mündlichen Überlieferung in einem Werk zusammenzustellen, das schließlich als so genannter Talmud Bekanntheit erlangen sollte. Der Talmud spielt in der jüdischen Tradition eine äußerst wichtige Rolle, stellt er doch eine Art Enzyklopädie des gesammelten jüdischen Wissens dar.
Jegliche Beschäftigung mit Problemen im Rahmen des jüdischen Gesetzes, der so genannten Halacha, geht nur über ein Studium von Tora und Talmud sowie deren Kommentare.
Wenn rabbinische Autoritäten mit medizinethischen Fragen konfrontiert werden, halten sie sich an genau dasselbe Analyseverfahren, wie wenn sie irgendein anderes Problem im Rahmen des jüdischen Gesetzes zu lösen hätten. Es ist somit gemäß der Denkweise der jüdischen Medizinethik nicht möglich, moralische Probleme der Medizin auf der Basis von persönlichen Gefühlen und Wertvorstellungen zu lösen, sondern es bedarf der eingehenden halachischen Analyse durch eine rabbinische Autorität, deren Entscheidung dann zu respektieren ist. Dabei reicht eine schlichte Vertrautheit des Rabbiners mit den halachischen Quellen nicht aus. Vielmehr müssen in jedem spezifischen Fall die jeweiligen Umstände in die Überlegungen miteinbezogen werden, es muss also von Fall zu Fall entschieden werden.
Für die Problematik der Sterbehilfe aus jüdischer Sicht gelten folgende Grundprinzipien:
1. Tötungsverbot: Es ist gemäß der Tora verboten, einen Menschen umzubringen, außer wenn es sich um einen potenziellen Mörder handelt und nur durch dessen Tötung der eigene Tod oder der eines anderen Unschuldigen verhindert werden kann (Notwehr). Das Umbringen eines Menschen, der nicht eine unmittelbare Lebensgefahr für andere darstellt, gilt als Mord, ob es sich dabei nun um ein Neugeborenes, einen gesunden Erwachsenen oder einen Sterbenden handelt. Unter das Tötungsverbot fällt auch das Verbot der Selbsttötung (8). Der Suizid ist selbst unter der Absicht verboten, einem anderen Menschen durch diese Tat das Leben zu retten.
2. Leben als „Leihgabe“: Der Mensch besitzt nicht ein absolutes Anrecht auf seinen Körper. Gott hat jedem Menschen einen Körper und eine Seele für eine bestimmte Zeit zur Verfügung gestellt, und jeder Mensch ist verantwortlich dafür, für diese „Leihgabe“ Sorge zu tragen (10).
3. Unendlicher Wert menschlichen Lebens: Menschliches Leben besitzt aus jüdischer Sicht einen unantastbaren, unendlichen Wert, unabhängig davon, ob es sich dabei um ein Leben handelt, das nur noch einige Sekunden oder möglicherweise noch viele Jahre andauern wird.
Diskussion über passive Sterbehilfe
In Semachot, 1:1-4, heißt es (Übersetzung des Autors): „Jemand, der am Sterben ist, wird in jeder Beziehung wie ein Lebender betrachtet. Man soll ihm [dem Sterbenden] weder den Kiefer binden, noch seine Öffnungen zustopfen . . . Man darf ihn nicht bewegen . . . Man darf die Augen einer sterbenden Person nicht schließen. Derjenige, der ihn [den Sterbenden] berührt und bewegt, der vergießt Blut, wie Rabbi Meir zu sagen pflegte: Dies kann mit einer schwachen Flamme verglichen werden; sobald eine Person sie berührt, erlöscht sie. So auch hier: Wer die Augen eines Sterbenden schließt, wird so angesehen, als ob er ihm seine Seele genommen hätte . . .“
Aus dieser Quelle geht hervor, wie streng die Gesetze im Zusammenhang mit dem Sterbenden aus jüdischer Sicht gefasst sind: Dem obersten Prinzip der Heiligkeit menschlichen Lebens folgend, ist es verboten, den Tod eines Sterbenden zu beschleunigen. Aus diesem Grund darf ein Sterbender nicht einmal berührt und bewegt werden (eine Ausnahme bilden notwendige medizinische oder pflegerische Maßnahmen).
Es finden sich jedoch auch einige Quellen in jüdischen Schriften, die zur Verteidigung zumindest der passiven Sterbehilfe herangezogen werden können. Die Ausführungen beziehen sich dabei immer nur auf einen „goses“, was im jüdischen Schrifttum einen Sterbenden umschreibt, der dem Tod sehr nahe ist.
Eine erste wichtige Quelle findet sich bei Rabbi Jehuda ben Samuel, der um das Jahr 1200 n. Chr. in seinem „Sefer Hachassidim“ (Buch der Frommen) schrieb: „. . . wenn eine Person am Sterben ist, und in der Nähe ihres Hauses fällt jemand Holz, sodass die Seele [des Sterbenden] nicht entfliehen kann, so soll jemand den [Holz-]Fäller von dort vertreiben (7).“ Bezüglich dieser Aussage äußerte sich Rabbi Mosche Isserles (16. Jh.): „. . . wenn irgendetwas vorhanden ist, was die Seele daran hindert, zu entfliehen, wie etwa ein klopfendes Geräusch in der Nähe des Hauses des Patienten . . ., und dies hindert die Seele daran zu entfliehen, so ist es erlaubt, dieses Hindernis zu entfernen, da auf diese Weise keine Handlung [am Patienten selbst] verübt wird, sondern lediglich ein Hindernis entfernt wird (5).“
Die Diskussion um die jüdische Haltung bezüglich Sterbehilfe wurde von Rabbiner Lord Jakobovits, dem kürzlich verstorbenen ehemaligen Oberrabbiner von Großbritannien, in seinem Pionierwerk „Jewish Medical Ethics“ zusammengefasst: „Jegliche Form von aktiver Sterbehilfe ist nach jüdischem Gesetz strengstens verboten. Sie gilt als Mord . . . Gleichzeitig wird aber von der Halacha erlaubt – ja vielleicht sogar verlangt –, einen Faktor zu entfernen, ob außerhalb des Patienten oder am Patienten selbst [solange der Patient nicht bewegt wird], der künstlich den Sterbevorgang verlängern könnte (6).“ Lord Jakobovits betont, dass diese Regel lediglich im Falle eines „goses“ Gültigkeit besitze. Somit ist auch die passive Sterbehilfe bei einem Patienten, der noch Wochen oder Monate zu leben hat, grundsätzlich verboten. Auch in Israel ist aktive Sterbehilfe strikt untersagt. Umstritten ist dort allerdings, ob auch die passive Sterbehilfe in jedem Fall abzulehnen sei. In der Öffentlichkeit wird über diese Thematik kontrovers diskutiert (dazu Deutsches Ärzteblatt, Heft 22/1997).
Rav Elieser Jehuda Waldenberg, speziell für medizinische Fragen eine angesehene rabbinische Autorität, behandelt in seinem medizinisch-halachischen Werk „Ziz Elieser“ eingehend die Problematik der Sterbehilfe. Rav Waldenberg vertritt die Auffassung, dass jeder Mensch nach jüdischem Gesetz verpflichtet sei, alles zu tun, was in seiner Macht stehe, um einem Sterbenden das Leben zu erhalten, auch wenn dies nur für kurze Zeit gelingen sollte. Dies gelte nach Rav Waldenberg auch dann, wenn der Sterbende schwer leide und den Wunsch anbringe, man möge seinen Tod beschleunigen (11). Allerdings sei es gemäß jüdischem Gesetz erlaubt, dem Sterbenden narkotische Analgetika wie Morphium zu verabreichen, sogar wenn diese den Tod beschleunigen könnten, aber nie mit der Absicht, ihm das Leben zu verkürzen, sondern lediglich, um seine Schmerzen zu lindern (12). Rav Waldenberg hält weiter fest, dass Bluttransfusionen, Sauerstoff, Antibiotika sowie orale oder parenterale Ernährung bei einem unheilbar kranken Patienten bis zu dessen Tod weiter gegeben werden müssten (13).
Richtlinien aus jüdischer Sicht
Rav Schlomo Salmen Auerbach, eine der größten rabbinischen Autoritäten des 20. Jahrhunderts, betont ebenfalls, dass einem unheilbar und schwerstkranken Patienten Nahrung und Sauerstoff zugeführt werden müssten, und zwar sogar dann, wenn dies gegen seinen Willen geschehen sollte (2).
Rav Bleich hat die jüdische Haltung gegenüber der Sterbehilfe wie folgt beschrieben (3): „Das Praktizieren von Sterbehilfe, ob aktiv oder passiv, steht im Widerspruch zur Lehre des Judentums. Jegliche positive Handlung, die bezweckt, den Tod eines Patienten zu beschleunigen, ist nach jüdischem Gesetz ein Mord, auch dann, wenn der Tod nur um einige Momente beschleunigt wurde.“ Rav Bleich betont im Weiteren den Spezialfall „goses“. Auch hier gelte, dass der Tod nicht aktiv beschleunigt werden dürfe, aber unter gewissen Umständen könne man es bei einem „goses“ unterlassen, überhaupt mit einer Behandlung zu beginnen. Rav Bleich zitiert einige Autoritäten, die nicht nur das Unterlassen einer Behandlung zulassen, sondern sogar die Auffassung vertreten, dass jede Handlung, die den Sterbeprozess eines „goses“ verlängert, verboten sei. So schreibt beispielsweise Rav Mosche Feinstein in seinen Responsen Iggerot Mosche: „Es ist sicherlich verboten zu versuchen, das Leben einer sterbenden Person zu verlängern, wenn dies in (zusätzlichem) Schmerz und Leiden resultieren würde (4).“
Prof. Dr. med. Abraham ben Abraham, zeitgenössischer Experte in medizinisch-halachischen Fragen, hat Richtlinien im Zusammenhang mit der Problematik der Sterbehilfe aus jüdischer Sicht verfasst (1), die kurz zusammengefasst werden:
1. Grundsätzlich müssen alle Patienten – unabhängig von ihrem Zustand – mit Nahrung, Flüssigkeit, Sauerstoff und anderen lebenserhaltenden Elementen versorgt werden, und zwar auch dann, wenn diese lebenserhaltenden Elemente auf unübliche Weise verabreicht werden müssen. !
2. Patienten mit schwersten chronischen Krankheiten, die nicht terminal sind, müssen genau gleich wie alle anderen Patienten behandelt werden.
3. Patienten mit terminalen Krankheiten, die am Sterben sind („goses“), müssen grundsätzlich ebenfalls wie alle anderen Patienten behandelt werden. Wenn ein „goses“ aber beispielsweise einen Herz- oder Atmungsstillstand erleidet oder andere schwere Komplikationen auftreten, die einer größeren Behandlung bedürften, sodass sich die Leiden des Sterbenden noch verschlimmern könnten, gilt Folgendes:
a) Wenn der Herz- oder Atemstillstand durch die terminale Krankheit bedingt ist, das heißt im Rahmen des unvermeidlichen Krankheitsverlaufs erwartet werden konnte, dann muss eine Reanimation grundsätzlich nicht unbedingt versucht werden, vielleicht wäre es sogar ein Fehler, eine solche zu versuchen.
b) Wenn aber der Herz- oder Atemstillstand oder andere Komplikationen unerwartet und unabhängig von der terminalen Krankheit auftreten, dann muss auch bei einem „goses“ eine vollständige Behandlung eingeleitet werden, wie dies für jeden anderen Patienten auch geschehen würde. Diese Grundregel gilt aber nur in denjenigen Fällen, in welchen die Leiden und der Todeskampf des Sterbenden dadurch nicht verstärkt werden.
Da die Entscheidungen im Zusammenhang mit der Sterbehilfe oft äußerst schwierig zu treffen sind, sollten Beurteilungen immer fallbezogen vorgenommen werden. Dabei sollte die Situation mit der Familie, kompetenten Ärzten und einer in diesen Sachfragen angesehenen rabbinischen Autorität diskutiert werden.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2001; 98: A 92–94 [Heft 3]

Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das über den Sonderdruck beim Verfasser und über das Internet (www.aerzteblatt.de) erhältlich ist.

Anschrift des Verfassers:
Dr. med. Yves Nordmann
Gotthelfstrasse 98
CH-4054 Basel, Schweiz

In Yves Nordmanns Buch „Zwischen Leben und Tod – Aspekte der jüdischen Medizinethik“, Verlag Peter Lang, Bern, 1999/2000, finden sich weiterreichende Ausführungen sowie zahlreiche zusätzliche Literaturangaben.


Aus jüdischer Sicht müssen Sterbende grundsätzlich wie alle anderen
Patienten behandelt werden.
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 1. Abraham, Abraham S.: Euthanasia, in ASSIA, A journal of jewish medical ethics 1,2 (1989): 36–39.
 2. Auerbach, Schlomo Salmen, in Halacha Urefuah 2 (1981): 131.
 3. Bleich, J. David: Judaism and healing, New York, 1981, S. 136 (eigene Übersetzung).
 4. Feinstein, Mosche: Iggerot Mosche, Joreh Deah, 2, Nr. 174.
 5. Isserles, Mosche: Kommentar zum Schulchan Aruch, Joreh Deah, 339: 1 (eigene Übersetzung).
 6. Jakobovits, Immanuel: Jewish medical ethics, New York, 1975, S. 123 ff. (eigene Übersetzung).
 7. Jehuda ben Samuel: Sefer Hachassidim, Nr. 273 (eigene Übersetzung).
 8. Moses ben Maimom (Maimonides): Mischneh Tora, Rotseach, 2: 2.
 9. Rosner, Fred: Modern medicine and jewish ethics, New York, 1986, S. 204.
10. Schostak, Zev: Is there patient autonomy in halacha?, in ASSIA, A journal of jewish medical ethics 2,2 (1995): 22–27.
11. Waldenberg, Elieser Jehuda: Ziz Elieser, V, 28:5, 29; IX, 47: 5; X, 25: 6.
12. Waldenberg, Elieser Jehuda: Ziz Elieser, XIII, 87.
13. Waldenberg, Elieser Jehuda: Ziz Elieser, XIV, 80.

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