ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2001Medikamenten-Kampagne: Spenden sind keine Lösung

THEMEN DER ZEIT

Medikamenten-Kampagne: Spenden sind keine Lösung

Dtsch Arztebl 2001; 98(3): A-94 / B-80 / C-80

Korzilius, Heike

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LNSLNS Die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ bemüht sich,
Menschen in Entwicklungsländern langfristig einen besseren Zugang zu lebensnotwendigen Arzneimitteln zu verschaffen.


Tido von Schön-Angerer spricht aus Erfahrung: „Ich bin es leid, meine Patienten sterben zu sehen, weil sie sich keine Medikamente leisten können.“ Der Mediziner arbeitet seit gut einem Jahr für Ärzte ohne Grenzen in einem Aids-Projekt in Thailand. Weniger als fünf Prozent der eine Million Menschen mit HIV/Aids können sich dort eine angemessene Therapie leisten. Dies ist kein Einzelfall, sondern trauriger Alltag in den meisten Entwicklungsländern. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (Me´decins sans Fronti`eres, MSF) hat deshalb vor gut einem Jahr eine langfristig angelegte Kampagne gestartet (siehe DÄ Heft 42/1999). Unter dem Motto „Besserer Zugang zu unentbehrlichen Medikamenten“ will sie die Verantwortlichen in Forschung, Wirtschaft und Politik an einen Tisch bringen, um Lösungen zu erarbeiten.
Aids verschärft das Problem
„Ein Drittel der Weltbevölkerung hat keinen Zugang zu lebensnotwendigen Medikamenten. HIV/Aids hat die Problematik noch verschärft“, betonte Ellen t’Hoen von Ärzte ohne Grenzen anlässlich der Tagung „Gesundheit – Opfer fortschreitender Globalisierung?“, zu der die Hilfsorganisation Ende letzten Jahres nach Berlin eingeladen hatte. Die jährlichen Therapiekosten in Höhe von rund 10 000 US-Dollar könnten sich im Grunde nur Patienten in Nordamerika, Japan und Europa leisten, führte t’Hoen weiter aus. Dabei lebten 83 Prozent der Betroffenen in Afrika. t’Hoen macht das Patentrecht mitverantwortlich für die hohen Preise. Die TRIPS-Vereinbarung (Trade Re-lated Aspects of Intellectual Property Rights), der sich 125 Staaten angeschlossen haben, ermöglicht einen weltweiten 20-jährigen Patentschutz auf Medikamente. t’Hoen: „20 Jahre sind viel zu lang. Die Patienten können nicht so lange darauf warten, dass die Preise sinken.“ Dabei sieht die TRIPS-Vereinbarung durchaus Ausnahmeregelungen vor, wenn beispielsweise die öffentliche Gesundheit gefährdet ist. Die Teilnehmerstaaten können unter solchen Umständen preiswertere Parallelimporte einführen oder Zwangslizenzen an inländische Firmen vergeben, die das betreffende Medikament zu einem Bruchteil des Preises herstellen. t’Hoen: „Wir sähen es gerne, wenn ärmere Staaten diese Ausnahmeregelungen anwendeten.“ Wie schwierig das ist, belegte von Schön-Angerer am Beispiel Thailand. Dort existiere eine leistungsfähige pharmazeutische Industrie. Wäre es ihr gestattet, antiretrovirale Medikamente in Lizenz herzustellen, könnten die Therapiekosten erheblich gesenkt werden. Derzeit überstiegen beispielsweise die monatlichen Kosten für das Aids-Medikament Didanosin mit 136 US-Dollar das Durchschnittsgehalt eines Büroangestellten. Das Präparat war von den US-amerikanischen National Institutes of Health entwickelt und die Lizenz an die Pharmafirma Bristol-Myers Squibb abgetreten worden. Das Unternehmen fügte dem Präparat einen Standard-Puffer hinzu und ließ sich das so veränderte Medikament in Thailand patentieren. Versuche der thailändischen Regierung, eine Zwangslizenz durchzusetzen, scheiterten am wirtschaftlichen und politischen Druck aus den Industrienationen. In Thailand fand sich dennoch eine Teillösung: Dort wird Didanosin inzwischen generisch in Pulverform produziert, da diese Darreichungsform nicht unter den Patentschutz fällt. Seit April benutzen die Mitarbeiter von MSF das Pulver für ihre Patienten.
Ein solches Vorgehen stößt bei der Pharma-Industrie auf wenig Gegenliebe. Nach Ansicht von Dieter Laudien von Boehringer Ingelheim wird das Mittel der Zwangslizensierung den Zugang zu Arzneimitteln nicht verbessern. Vielmehr müssten die Ursachen angegangen werden, indem die Qualität des Gesundheitswesens und die Infrastruktur in den betroffenen Ländern verbessert würden. Er bekräftigte zugleich die Bedenken der Pharma-Industrie gegen Forderungen von MSF, ein differenziertes Preissystem mit hohen Preisen in den Industrieländern und niedrigen Preisen in den ärmeren Ländern einzuführen. Dies öffne illegalen Reimporten in die Hochpreisländer Tür und Tor und führe dazu, dass die Firmen ihre hohen Forschungs- und Entwicklungskosten nicht mehr erwirtschaften könnten. Ludmilla Schlageter von Ärzte ohne Grenzen hält dem entgegen, dass das differenzierte Preissystem bei Impfstoffen funktioniere und nicht zu massenhaft billigen Reimporten geführt habe.
Offenbar erkennt die Pharmaindustrie aber die Brisanz des Themas. Im Mai letzten Jahres erklärten sich fünf Firmen zunächst bereit, ihre Preise für Aids-Medikamente in ärmeren Ländern zu senken. Mittlerweile gehen die Firmen jedoch verstärkt dazu über, Arzneimittel zu spenden statt ihre Preispolitik zu ändern. Dazu MSF-Mitarbeiterin Schlageter: „Auf den ersten Blick ist das begrüßenswert.“ Es sei jedoch keine langfristige Lösung. Selbst wenn die Spenden nicht lokal und auf einen bestimmten Personenkreis beschränkt seien, ergäben sich Probleme. So habe die Firma Boehringer angekündigt, ein Aids-Präparat fünf Jahre lang kostenlos an jede HIV-infizierte Frau abzugeben, die in einem Entwicklungsland lebt. Der Haken an der Sache: Der jeweilige Staat muss, um einen sinnvollen Antrag stellen zu können, zunächst einmal die betroffenen Frauen ausfindig machen, sprich großflächig testen, zum anderen die gesamte Logistik stellen. Mosambik beispielsweise hat auf das Angebot bereits reagiert: „Das können wir uns nicht leisten.“
Überhöhte Preise sind nicht die einzige Zugangsbarriere zu lebensnotwendigen Arzneimitteln. Nach Angaben von Ärzte ohne Grenzen sterben jährlich rund 17 Millionen Menschen an
behandelbaren Infektionskrankheiten, weil weltweit kaum in die Forschung und Entwicklung von Medikamenten zur Behandlung von Tropenkrankheiten investiert wird. Dazu Dr. med. Gundula Epp-Graack, Vorstandsvorsitzende der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen: „Von den 1 223 neuen Medikamenten, die zwischen 1975 und 1997 entwickelt wurden, sind nur 13 dazu geeignet, Tropenkrankheiten zu behandeln.“ Außerdem würden bereits zugelassene Präparate nicht weiter hergestellt, weil die Produktion nicht genügend Gewinn erbringe.
Beispiel Schlafkrankheit: „Die Erkrankung spielt außerhalb Afrikas keine Rolle“, sagte Dr. med. August Stich von Ärzte ohne Grenzen. Zur Therapie stehe nur eine Handvoll Medikamente zur Verfügung. Dabei würden dringend Behandlungsalternativen benötigt. Beispielsweise entfalte eines der Standardpräparate, das Arsen-Derivat Melarsoprol, bei rund fünf Prozent der Patienten tödliche Nebenwirkungen: „Wir vergiften den Patienten, in der Hoffnung, dass der Parasit früher stirbt“, so Stich. Ein weiteres Problem: Aufgrund von Resistenzentwicklungen steigt die Zahl der Patienten, die nicht auf die Therapie mit Melarsoprol ansprechen. Das einzig effektive Mittel für diese Patienten ist Eflornithin. 1994 hat jedoch die Herstellerfirma Hoechst die Produktion mangels Profitabilität eingestellt. Ihre Rechtsnachfolgerin Aventis trat Ende 1999 die Lizenz für das Präparat an die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) ab. Seither bemühen sich WHO und Ärzte ohne Grenzen, einen Hersteller zu finden – bislang vergeblich.
Von der Forschung vernachlässigt werden auch Mittel gegen die „Armutskrankheiten“ Malaria und Tuberkulose, obwohl die Resistenzentwicklung hier ebenfalls dramatisch verläuft. MSF zufolge sterben jährlich rund zwei Millionen Menschen an Tuberkulose. Das letzte Standardmedikament sei mehr als 30 Jahre alt, die Impfung stamme aus dem Jahr 1923. Die von der WHO empfohlene Behandlung, die DOTS- Strategie (Directly Observed Treatment Short Course), sei zwar effektiv, aber langwierig und nur mit hohem Personalaufwand umzusetzen. Es bestehe von daher ein großer Bedarf an kurzen und einfachen Behandlungsschemata. Die Therapie einer multiresistenten Tuberkulose komme für die meisten Patienten in ärmeren Ländern wegen der hohen Kosten nicht infrage.
Dennoch ist Ärzte ohne Grenzen gut ein Jahr nach dem Start der Kampagne vorsichtig optimistisch. Es sei gelungen, das Thema ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Darauf ließ die Anwesenheit der damaligen Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Andrea Fischer bei der Berliner Tagung schließen. „Es hat lange gedauert, bis die Ungerechtigkeiten erkannt wurden“, sagte sie. Zwar lehnte Fischer Eingriffe in das Patentrecht ab. Sie appellierte jedoch an die Verantwortung der Pharmaunternehmen: „Wer Arzneimittel produziert, muss sich darüber im Klaren sein, dass er keine Autos herstellt. Daraus erwächst eine soziale Verpflichtung.“ Auch auf der Ebene der Europäischen Union geraten die Dinge in Bewegung. Ludmilla Schlageter wertet es als Fortschritt, dass die EU-Kommission Arzneimittel inzwischen als besondere Güter anerkennt und einen Aktionsplan auflegen will, der sich mit dem Zugang zu lebensnotwendigen Arzneimitteln beschäftigt. Heike Korzilius



Die zweijährige Thembi ist HIV-infiziert. Ihre Mutter hat sie in einem Pflegeheim für Aids-Patienten abgegeben. In Südafrika gibt es nach UN-Angaben etwa 420 000 HIV-infizierte Kleinkinder, die verwaist sind oder von Ihren Eltern in Heimen abgeliefert werden.
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