ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2001Arbeitszeitgesetz: Kontraproduktiv

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Arbeitszeitgesetz: Kontraproduktiv

Dtsch Arztebl 2001; 98(3): A-96 / B-80 / C-78

Müller-Lobeck, Lutz

Zu dem Leserbrief „Gefahr für Patient und Arzt nicht erkannt“ von Dr. med. Markus J. Wagner, der sich auf den „Seite eins“-Beitrag „Bereitschaft ist Arbeit“ von Thomas Gerst in Heft 41/2000 bezog:
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LNSLNS Wenn Sie mit solcher Vehemenz den Niedergang des Arztberufes in Deutschland herbeieilen sehen, weil endlich, endlich auch bei uns öffentlich zur Kenntnis genommen wird, dass Ärzte in Deutschland häufig selbst im Sommer bei Dunkelheit die Wohnung verlassen und auch erst bei Dunkelheit wieder erreichen, dass dazwischen, wenn ein Bereitschaftsdienst zu absolvieren war, sogar zweimal die Sonne auf- und wieder untergegangen ist, dann seien Sie hiermit im Namen aller angestellten Ärzte Deutschlands herzlichst dazu eingeladen, aktiv an der Entwicklung geeigneter Schichtmodelle mitzuwirken, damit die von Ihnen gefürchteten Nachteile und Gefahren für die Patienten, die von der Schichtarbeit mit der damit einhergehenden unzumutbar langen Abwesenheit des Arztes ausgehen, nicht auftreten. Darüber hinaus sind nicht die Schichtwechsel für den Informationsverlust verantwortlich, sondern unzulängliche Arbeitsabläufe. Auch hier sind Ihrer Fantasie keinerlei Schranken auferlegt, zur Optimierung der Abläufe beizutragen. Warum nicht eine schriftliche Fixierung der für den Tag geplanten Untersuchungen (medizinischer Staffellauf?) etc., wie sie sich in Form von Verordnungsbögen auf Intensivstationen (seit jeher Vorreiter in der Durchführung von ärztlicher Schichtarbeit) seit langem bewährt haben. Auch sind hier die Oberärzte sicher mehr in die Pflicht zu nehmen, ihre Stationsärzte regelmäßig zu briefen, eine ihnen eigentlich ohnehin obliegende Tätigkeit, wollen sie ihrer Funktion als „Weiterbilder“ gerecht werden.
Was Ihren Wunsch nach einer Zusatzversicherung in den Vereinigten Staaten angeht, kann ich Sie nur dahingehend warnen, dass Sie für die Abkömmlichkeit der amerikanischen Privatärzte rund um die Uhr aber auch „übertariflich“ zahlen müssen. Den angestellten Ärzten in Amerika dagegen geht es vonseiten der Arbeitszeiten inzwischen bei weitem besser als uns: sie sind häufig nachmittags auch nicht mehr auf Station zu finden – nicht etwa um Golf zu spielen, sondern um sich zum Wohle ihrer Patienten in der Bibliothek oder im Internet über ihre aktuellen Fälle zu informieren. Dies machen wir zusätzlich zu unseren Marathondiensten in unserer kurzen Freizeit!
Schließlich möchte ich mich dagegen verwehren, dass man unseren Beruf nur dann hinreichend erlernen kann, wenn man gegen das Arbeitszeitgesetz verstößt. Bei aller Hochachtung gegenüber unserem Arztberuf, der tatsächlich nicht ein Beruf wie jeder andere ist: für wie dämlich halten Sie den durchschnittlichen Studienabgänger eigentlich? Und ich verweise noch einmal darauf, dass auch das Studium der aktuellen Literatur oder das Nachschlagen in den Standardwerken der einzelnen Fächer uns zu Ärzten macht. Muss das in der Freizeit sein, nur weil wir schon während der Arbeitszeit versuchen müssen, Arbeit für zwei zu erledigen?
Insgesamt halte ich Ihre Meinung zum Thema Arbeitszeit bestenfalls für bedauerlich, eher für kontraproduktiv.
Lutz Müller-Lobeck, Römerstraße 24, 68259 Mannheim
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