ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2001Evidenzbasierte Immunsuppression bei chronisch entzündlichen Darm­er­krank­ungen: Diätetische Behandlung

MEDIZIN: Diskussion

Evidenzbasierte Immunsuppression bei chronisch entzündlichen Darm­er­krank­ungen: Diätetische Behandlung

Dtsch Arztebl 2001; 98(3): A-116 / B-97 / C-94

Schwabedissen, Otto Meyer zu

zu dem Beitrag von Priv.-Doz. Dr. med. Markus F. Neurath Prof. Dr. med. Eduard F. Stange in Heft 28–29/2000
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LNSLNS Schon Martini hat gefordert, dass chronisch Kranke in Einzelfallanalysen behandelt werden sollen, weil die zusätzlichen Einflüsse oder die multifaktoriellen Ursachen bei chronischen Krankheiten so verschieden sind, dass man sie in eine Statistik nicht einbringen kann. Gleiches gilt auch für Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. Schon die Tatsache, dass die Mehrzahl der Patienten einen chronisch aktiven, das heißt steroidabhängigen oder einen steroidrefraktären Verlauf zeigen, lässt vermuten, dass die Ursachen, wie es zur Krankheit kommt, unterschiedlich sind. Auch dann, wenn man weiß, dass Azathioprin zu den Antimetaboliten gehört, die eine Zellproliferation und eine Genaktivierung in Entzündungszellen inhibieren, hat man möglicherweise einen gemeinsamen Grund für einen Schub, aber es bleibt unklar, wie es dazu kommt.
Meiner Ansicht nach ist eine evidenzbasierte Immunsuppression bei CED-Patienten ungeeignet, wenn man je hinter das Agens kommen will, das zum In- Gang-Setzen der Erkrankung führt. Die einzige Chance besteht darin, die Misserfolge zu analysieren. So bin ich darauf gekommen, dass bei Patienten mit CED ein Suchtäquivalent besteht auf die „falsche Kost“. Wenn der Kolitiskranke zwischen den Schüben raucht, sind die Zwischenräume zwischen einzelnen Schüben größer, nicht weil das Rauchen gesund ist, sondern weil das Rauchen die Lust auf die „falsche Kost“ eindämmt. (Eine Sucht wird durch eine andere stellvertretend ersetzt.) Sie brauchen dann nicht so notwendig Schokolade oder sonstige süße Sachen, sie brauchen keinen Apfel, kein frisches Obst oder ähnliche individuell verschiedene Nahrungsmittel, auf die ein Suchtäquivalent besteht. Eine solche Lust auf die „falsche Kost“ hat die typischen drei Symptome der Sucht: Unbändige Lust auf das „Falsche“, Kontrollverlust und Entzugserscheinungen. Ein typisches Zeichen der Sucht, bei solcher Art Fehlernährung, ist der Gewichtssprung von einem auf den anderen Tag bei richtiger Kost nach unten bei falscher Kost nach oben. Statt evidenzbasierter Medizin sollte man besser das Augenmerk auf eine für den Einzelnen abgestimmte Diätetik richten, denn Nahrungsaufnahme ist das „tägliche Medikament“. Zehn Gramm gemischte Kost von einem durchschnittlichen Molekulargewicht von 100 000 Dalton entspricht circa 1022 Stoffwechselschritten, bis es in Energie umgesetzt ist, das heißt zu CO2 und H2O abgebaut ist. Ich habe alle meine CED-Patienten diätetisch behandelt. Die EBM-Statistik ist lediglich dazu da, die Wahrscheinlichkeit für eine erfolgreiche Therapie anzugeben, insofern hat sie ihre Berechtigung. Der niedergelassene Arzt kann sich daran orientieren, muss aber dann im Einzelfall ausprobieren, welche diätetischen Maßnahmen er zusätzlich ergreift, um den Patienten zu behandeln.

Literatur
1. Jahrmärker H: Von der Exegese klinischer Studien. Med Klinik 1999; 90 (1): 45–52.
2. Meyer zu Schwabedissen OA: Praktische Medizin, Analyse einer internistisch geführten Hausarztpraxis, Herausforderung Nahrungsintoleranz, der unerhebliche Befund. Achern: Acheron Verlag 2000.

Dr. med. Otto Meyer zu Schwabedissen
Am Stadtgarten 28, 77855 Achern

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