ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2001Die Bedeutung von Tieren: Vierbeinige Helden und Ersatzteillager

VARIA: Feuilleton

Die Bedeutung von Tieren: Vierbeinige Helden und Ersatzteillager

Dtsch Arztebl 2001; 98(3): A-118 / B-103 / C-103

Pieper, Anke

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LNSLNS Die Ausstellung „Verehrt, verflucht, verwertet – Die Bedeutung von
Tieren für die menschliche Gesundheit“ präsentiert die Tierphilosophie der abendländischen Kultur bis hin zu Ansätzen aus dem 20. Jahrhundert.

Zunächst wird man mit einem Plüschtier konfrontiert – ein kuscheliges Lamm, das auf ein stabiles Brett geschnallt ist. Aus seinem Hals führt eine Kanüle in den Arm einer Dame. Die Grenze zwischen Mensch und Tier zerfließt bei der Xenotransfusion, die im 17. Jahrhundert in Mode kam. Man hoffte, mit dem Blut die den Tieren zugeschriebenen Wesensmerkmale auf Menschen übertragen zu können, dass also beispielsweise Tobende „lammfromm“ werden. Mit diesem verstörenden Anblick ist der Besucher der Ausstellung im Medizinhistorischen Museum in Zürich auch schon mitten im Thema.
„Wir haben uns an ein extrem gefühlsbeladenes Thema herangewagt“, erklärt Ausstellungsmacher Eberhard Wolff. Die Inszenierung provoziert bewusst die widerstreitenden Gefühle. So kann der Besucher beim Gang durch die Ausstellung an sich selbst die Vielschichtigkeiten und Widersprüche im Umgang zwischen Mensch und Tier wahrnehmen. Die präparierten Maden auf der Fuß-Moulage einer Diabetesnekrose können heftigen Ekel hervorrufen, sie unterstützen die Wundheilung und werden deshalb seit einigen Jahren wieder häufiger eingesetzt. Mitleid erregen die Präparate von Tierexperimenten: Ein Hundeschädel zeigt ein teilweise verwachsenes Loch, an einem Hunde-Brustkorb fehlen Rippenstücke: Bernhard Heine untersuchte die Knochenregeneration und die Funktion der Knochenhaut an Hunden. „Wenn man sich die Schädel- und Brustkorbpräparate ansieht, kann man sich vorstellen, dass die Tiere extrem darunter gelitten haben. Andererseits wurde durch diese Versuche medizinisches Wissen erarbeitet – das ist das Grunddilemma medizinischer Forschung bis heute“, so Eberhard Wolff.
Wolle von Klonschaf „Dolly“
Sorgfältig, ja ehrfurchtsvoll wie eine Reliquie werden Haarbüschel aus dem Fell der Kuh aufbewahrt, von der Edward Jenner 1796 den ersten Impfstoff für die Kuhpocken-Impfung gewann. Es sind die Haare von „Blossom“, sicher eine der bekanntesten Kühe der Medizingeschichte. Ein anderes ausgestelltes Haarbüschel stammt von „Barry“, dem Bernhardiner vom Großen Sankt Bernhard, der vor 200 Jahren mehr als 40 Menschen gerettet haben soll. In der Schweiz ist er so etwas wie ein vierbeiniger Nationalheld, der noch immer auf Briefmarken verewigt wird. Dritte im Bunde der „tierischen Prominenten“ ist „Dolly“, das erste geklonte Schaf, das mit einer Handvoll Wolle in Zürich vertreten ist. „Dolly“ war ein Durchbruch in der Reproduktionsforschung, dessen Konsequenzen noch gar nicht voll absehbar sind.
Die Texttafeln enthalten kompakte Erklärungen und sind jeweils verschönert mit der Reproduktion eines Kupferstichs aus dem Tierbuch von Konrad Gessner, dem Züricher Stadtarzt, der Ende des 16. Jahrhunderts ein erstes Werk der wissenschaftlichen Zoologie vorlegte, nicht ohne die jeweilige Verwendung der Tiere als Arzneimittel zu erwähnen.
Die Tollwut ist ein gutes Beispiel für die Bedrohung menschlicher Gesundheit durch Tiere. Wer sich angesteckt hatte, wurde mit dem „Hubertusschlüssel“ behandelt, der in einem Kohlenpfännchen zum Glühen gebracht wurde, um anschließend die Bisswunde auszubrennen. „Der Hubertusschlüssel ist ein Beispiel für die Vermischung magischer und rationaler Heilweisen“, erklärt der Medizinhistoriker Eberhard Wolff, „er ist nicht nur ein Kauterisiergerät zum Ausbrennen von Wunden, sondern der heilige Hubertus ist gleichzeitig der Jagdheilige und Schutzpatron gegen die Tollwut. Der Hubertusschlüssel wurde vor dem Gebrauch geweiht, war also auch ein religiöses Instrument. Gerade hieran kann man das Nebeneinander von empirischer Praxis und rituellen Handlungen sehr gut sehen.“
Zum Thema Volksglauben sind einige Tieramulette ausgestellt: Hunde- oder Wolfszähne, Bärenklauen, Unterkiefer von Dachsen oder Wieseln, Rehhufe und Korallen. Die Träger erhofften sich, von diesen Amuletten Eigenschaften der Tiere übernehmen zu können.
Haut, Fleisch, Knochen, Körperflüssigkeiten und Organe von Tieren wurden und werden von Menschen in unterschiedlichster Weise genutzt. „Catgut“ ist jedem Arzt bekannt. Der Genuss von Fleisch kann der Inbegriff gesunder Ernährung sein. Die Ausstellung zeigt das am Beispiel der „Kranken-Bouillon“ aus den 1880er-Jahren, einer von Julius Maggi kreierten kräftigenden Fleischbrühe. Dahinter steckt die Idee von Justus Liebig, Proteine seien der wichtigste Bestandteil der Nahrung.
Tiere als Bio-Material
Andererseits ist mit dem Nahrungsmittel Fleisch heute die Furcht vor übertragbaren, tödlichen Krankheiten verbunden, woran das gegen BSE getestete, eingeschweißte Stück Bündnerfleisch erinnert. Aus Tieren stellte man zahlreiche Medikamente her. Eines der schönsten Exponate der Sonderausstellung ist eine Apotheke im Format eines Kinder-Kaufmannsladens, dessen Medikamenten-Behältnisse die Namen vieler Heilmittel tierischer Herkunft tragen, die einst zur Pharmakopöe gehörten. Noch heute werden Wirkstoffe aus Tierkörpern gewonnen. Vieles kann synthetisch produziert werden, und da die Verwertung von Tiermaterial nicht verkaufsfördernd wirkt, stellt man sie beim Marketing nicht heraus. Vor allem Rindersehnen, -lungen und -pankreas findet der Beipackzettel-Leser in modernen Arzneimitteln.
Schon in der Vergangenheit wurde die Grenze zwischen Mensch und Tier von der Medizin mannigfaltig überschritten, und heute wirken Tierhormone im menschlichen Körper, und implantierte Schweine-Herzklappen verlängern Menschenleben. Die ethischen Fragen, die diese Therapieformen mit sich bringen, werden von der Ausstellung bewusst offen gelassen. Hier geht es um Einführung in ein bisher wenig bearbeitetes medizinhistorisches Arbeitsgebiet.
Diesem Credo entsprechend wird auch die Frischzellenkur präsentiert, aber nicht beurteilt, die der Berner Arzt Paul Niehans in den 1930er-Jahren entwickelte. Der Therapeut entnimmt frisch geschlachteten trächtigen Schafen die Embryonen, diese werden zerkleinert und den Patienten injiziert. Mit der umstrittenen Kur, die unter anderem von zahlreichen Schauspielern und Prominenten als Jungbrunnen gefeiert wird, hat sich unlängst schon das Bundesverfassungsgericht beschäftigt. Therapieformen, bei denen Zellen, Organteile oder ganze Organe von Tieren eingesetzt werden, sind nicht nur ein patientenrechtliches Problem, sondern zwingen die Justiz zudem, über den Status von Tieren in unserem Rechtssystem nachzudenken. Hier sind noch viele Fragen offen und werden mit den neuen Möglichkeiten der Medizin immer drängender. Tiere werden zunehmend als Bio-Material angesehen und buchstäblich ausgeschlachtet, wie der Bestellzettel einer Hamburger Zelltherapie-Firma verdeutlicht.
Es ist das Verdienst der Ausstellung, den Blick zu öffnen für die bedeutende Rolle, die Tiere in der abendländischen Medizin gespielt haben und die sie auch nach wie vor spielen. Die Ausstellung zeigt 150 Objekte aus fünf Jahrhunderten: Exponate aus verschiedenen europäischen Ländern geben einen Einblick in ein medizinhistorisches Thema mit starkem Gegenwartsbezug. Die Sonderausstellung „Verehrt, verflucht, verwertet – Die Bedeutung von Tieren für die menschliche Gesundheit“ ist bis zum 31. März 2001 im Medizinhistorischen Muse-
um der Universität Zürich, Rämistraße 69, CH-8006 Zürich, zu sehen. Telefon:00 41-16 34 20 71. Anke Pieper


Diese Figur veranschaulicht zwei orthopädische Hilfsmittel, die zu wesentlichen Teilen aus „Walkleder“ bestehen, einem dicken Leder, das in einem aufwendigen Arbeitsgang mittels Feuchtigkeit geformt wird. Es handelt sich zum einen um ein modifiziertes „Hessing-Korsett“ zur Behandlung einer Spondylitis (Wirbelentzündung) mit Deformierung der Wirbelsäule. Das andere Hilfsmittel ist eine passive Armprothese für einen kurzen Oberarmstumpf. Modellfigur um 1920 aus einer Serie des Schuhmachers und Bandagisten Niels Møller Hansen in Mollerup by, Dänemark, für das Krankenhaus im jütländischen Silkeborg. (Medicinsk Historisk Museum, Kopenhagen)


Lorenz Heister (1683 bis 1758), der bedeutendste deutsche Chirurg seiner Zeit, behandelte in einem Kapitel seiner „Chirurgie“ die Bluttransfusionen vorangegangener Jahrzehnte vom Tier zum Menschen. Lorenz Heister: Chirurgie, 2. Aufl., Nürnberg, 1724


Als Spielzeug für seine Kinder ließ der Reutlinger Apotheker Jakob Noah Finckh um 1800 seine Hirschapotheke nachbauen. Unter den Medikamenten finden sich einige aus tierischen Grundstoffen: Bocksblut, Igelfett, Dachsfett, Hundsfett, „Krebsaugen“, Honig, mehrerlei Wachs sowie „Sünderfett“ (Menschenfett). Eine Hilfe gegen schädliche Tiere versprachen Krätzsalbe, Laussalbe, Mausgift, Mückengift und Würmlebkuchen. Bärendreck, Flohsamen und Teufelsdreck hingegen sind pflanzliche Substanzen. Die Auswahl der „Medikamente“ wurde mit Lebkuchen-Zutaten offensichtlich an die weihnachtliche Nutzung dieses Spielzeugs angepasst. (Privatbesitz)



Ein reich und farbig bebilderter Katalog der Ausstellung mit allen Texten (64 S.) ist in Deutschland erhältlich für 18 DM inklusive Versand über das Institut für Geschichte der Medizin der Robert-Bosch-Stiftung, Straußweg 17, 70184 Stuttgart, Telefax:07 11/4 60 84-1 81, E-Mail: eberhard.wolff @igm-bosch.de
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