ArchivDeutsches Ärzteblatt3/200196. Deutscher Bädertag: Medizinische Tradition als Wettbewerbsvorteil

VARIA: Heilbäder und Kurorte

96. Deutscher Bädertag: Medizinische Tradition als Wettbewerbsvorteil

Dtsch Arztebl 2001; 98(3): A-122 / B-105 / C-102

Bühring, Petra

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LNSLNS Die Heilbäder und Kurorte sind auf dem Weg, die „Kurkrise“ zu überwinden. Größte Hoffnungsträger sind die selbst zahlenden Gesundheitsurlauber.

Die Stimmung unter den Delegierten des 96. Bädertags in Stuttgart
war gelassen im Vergleich zum vergangenen Bädertag – dem „Scharmützel am See“ (Deutsches Ärzteblatt, Heft 48/1999) in Bad Saarow. Die „Kurkrise“ der 90er-Jahre scheint überwunden – die
Gästezahlen steigen wieder leicht. Die Gesundheitsreformen in den letzten zehn Jahren hatten den Kurorten und Heilbädern die wirtschaftliche Grundlage entzogen. Die Konsequenz war nach Angaben des Deutschen Heilbäderverbandes e.V. (DHV), Bonn, ein Rückgang der Kurgäste um bis zu 50 Prozent. Über 100 Kliniken mussten schließen. Rund 40 000 Arbeitsplätze in Kureinrichtungen und Zulieferbetrieben gingen verloren.
„Qualitätsmarke Kurort“
Die Heilbäder und Kurorte haben sich den veränderten Bedingungen angepasst: Sie setzen verstärkt auf Selbstzahler und Gesundheitstouri-
sten. Auch die Anhebung des Rehabilitations-Budgets der Gesetzlichen Rentenversicherung hat seine Wirkung nicht verfehlt. Als Reaktion auf die Einbrüche im Bereich Rehabilitation/Kuren seit Herbst 1998 hatte der Deutsche Bundestag beschlossen, das Reha-Budget für 1998 um 450 Millionen DM und für 1999 um 900 Millionen DM anzuheben.
Dennoch: „Um die ambulante Kur muss man immer noch kämpfen“, betonte Prof. Dr. med. Manfred Steinbach, Präsident des DHV. Die Heilbäder und Kurorte sind jedoch auf dem richtigen Weg. Die Strategie, auf die „Qualitätsmarke Kurort“ bei Gesundheitsurlaub und Wellness-Angeboten zu setzen, sei aufgegangen. Das in Bad Saarow beschlossene 15-Punkte-Programm zur Qualitätssicherung sei „mit vollem Engagement“ umgesetzt worden.
Wichtig ist, dass die Kurorte ihren Schwerpunkt im medizinischen Bereich verstärken. Im touristischen Wettbewerb sei die Bedeutung
der Kurorte als die Gesundheitszentren in Deutschland ein „entscheidender Vorteil“, bekräftigte Dr. Jürgen Linde, Präsident des Deutschen Tourismusverbandes: Im Marketing müsse dies deutlich herausgestellt werden.
Der DHV präsentierte neue Zahlen: So konnten die Mineral- und Moorheilbäder, heilklimatischen Kurorte und Kneippheilbäder im Jahr 2000 im Vergleich zum Vorjahr einen Zuwachs von sieben Prozent bei den
Gästezahlen und von 5,1 Prozent bei den Übernachtungen erzielen. Die Seebäder und Seeheilbäder lagen noch etwas höher: 7,8 Prozent Gästezuwachs und 8,1 Prozent mehr Übernachtungen. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer lag bei 6,5 Tagen bei den deutschen Gästen; die ausländischen Gäste blieben 2,8 Tage.
Die Belegung der Rehabilitationskliniken steigt wieder. Nach Angaben des Verbandes Deutscher Rentenversicherungsträger e.V. stiegen die Anträge für eine Reha-Maßnahme 1999 um 11 Prozent gegenüber 1998, die Bewilligung um 14 Prozent. Dennoch ist „die Bettenkapazität bei weitem nicht ausgelastet“, klagte Heike Wilms-Kegel, Hauptgeschäftsführerin des DHV: Die Zahl der Reha-Maßnahmen liege um 30 Prozent unter dem Spitzenjahr 1995.
Probleme bereitet Steinbach die Forderung der Politik nach Wirksamkeitsnachweisen der Kur. Die Evidence based Medicine (EbM) erscheint ihm hier abwegig: „Was sollen hunderttausend teure Studien, um die Wirksamkeit von Kamillentee nachzuweisen?“ vergleicht er. Sinnvoller sei, das Prinzip der EbM auf die Zertifikationen anzuwenden. Hier stehe der Nutzen in keinem Verhältnis zum Aufwand für die Erhebung. Er überlässt es jedoch den Kurorten zu entscheiden, ob sie zertifizieren wollen oder nicht.
Höchste Messlatte in Europa
Die Verantwortlichen in den Kurorten stimmen überein, sich nach den Bedürfnissen ihrer Kunden richten zu müssen. Heinz Hermann Blome, Geschäftsführer des Staatsbades Pyrmont, brachte es auf den Punkt: „Wenn die Kunden (Kostenträger) verlangen zu zertifizieren, nach welcher Norm auch immer, dann müssen wir das tun.“
Die Frage sei weiter, wem mit den Zertifizierungen imponiert werden soll. „Im europäischen Vergleich haben wir sowieso die höchste Messlatte“, erklärte Rainer Kowald, Geschäftsführer des Verbandes Hessischer Heilbäder, Königsstein. Er fordert, diese Messlatte als Maß in Europa anzusetzen. Die hohe Qualität in Deutschland soll dafür sorgen, dass Gesundheitsurlauber nicht ins preisgünstigere Ausland abwandern.
Die Zukunft der Heilbäder und Kurorte liegt beim Gesundheitsurlaub. Gesundheit und Fitness nehmen einen immer größeren Stellenwert ein – ein Trend, der demographischen und soziologischen Erhebungen zufolge zunehmen wird. „Die Wellness-
Bewegung ist ein Geschenk für die Kurorte“, glaubt Klaus Brähmig, Arbeitsgruppe Tourismus der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Steinbach setzt auf diesen Trend. „Manchen Kurdirektoren sträuben sich zwar beim Begriff „Wellness“ die Haare – doch es gibt Zwänge, sich dafür zu öffnen.“ Schließlich sei Wellness nur ein besseres Wort für Wohlbefinden – und darum sei es in einer Kur schon immer gegangen.
Der nächste Bädertag im April in Bad Kissingen wird im Zeichen des Tourismus stehen. Petra Bühring


Der Kursaal in Bad Cannstatt nahe Stuttgart


Bedeutung der Heilbäder und Kurorte im Gesundheitswesen; Zahlen von 1999:

Die Ausgaben für Kuren in der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) betragen weniger als zwei Prozent. GKV-Gesamtausgaben: 249,21 Milliarden DM; davon entfielen auf
- stationäre Kuren: 1,49 Milliarden DM
- Mutter-Kind-Kuren: 750 Millionen DM
- ambulante Kuren: 220 Millionen DM
- Anschlussheilbehandlung: 2,31 Milliarden DM.

Die Rentenversicherungsträger gaben rund 2,3
Prozent oder 7,6 Milliarden DM für medizinische und berufliche Rehabilitationen aus. Gesamteinnahmen: 330 Milliarden DM.
Zahlen nach Angaben des Deutschen Heilbäderverbandes e.V., Bonn
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