ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2001Heilwasser zum Baden und Trinken: Ein Geschenk der Natur

VARIA: Heilbäder und Kurorte

Heilwasser zum Baden und Trinken: Ein Geschenk der Natur

Dtsch Arztebl 2001; 98(3): A-123 / B-106 / C-103

Cremers, Birgit

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LNSLNS Mehr als ein Drittel aller Kurorte verfügt über Quellen als „ortsgebundene Heilmittel“. Die Wirkung des Wassers wird oft angezweifelt.

Von den 330 Heilbädern und Kurorten in Deutschland sind 143 Mineral- und Moorheilbäder. Weil davon 20 reine Moorbäder sind, verfügt mehr als ein Drittel aller Kurorte über Quellen als ortsgebundene Heilmittel.
Heilwässer stammen aus tiefen unterirdischen Bassins und treten entweder als Quelle zutage oder werden durch Brunnen erschlossen. Entstanden sind sie aus Niederschlagswasser – Schnee oder Re-
gen. Über durchlässige Gesteinsschichten gelangt das Wasser in die Tiefe, wird gereinigt und mit Mineralien angereichert. So kommt es beispielsweise durch das Auslaugen von Salzlagerstätten zu einem höheren Chloridgehalt, wogegen Gipslager für den Sulfatgehalt und Kalkgesteine für den Hydrogencarbonat-Anteil eine Rolle spielen.
In der Tiefe erstarrtes Magma zum Beispiel reichert das Wasser mit Metall-Ionen wie Eisen an. Nimmt ein Wasser Kohlendioxid auf, das zumeist aus erlöschenden Vulkanen stammt, erhöht sich sein Lösungsvermögen; ist CO2 in hoher Konzentrierung vorhanden, werden Minerale sogar aus hartem Gneis gelöst.
Als Heilwässer gelten Quellen, die einen Mindestgehalt von 1 g/l gelöste Mineralstoffe haben, oder solche, die besonders wertbestimmende Einzelbestandteile in höherem Maß enthalten – beispielsweise eisenhaltige Wässer mit mindestens 20 mg/l zweiwertigem Eisen. Heilwässer, deren Temperatur von Natur aus am Austrittsort mehr als 20 Grad Celsius beträgt, werden als Thermen definiert. Wässer, die in einem Liter mindestens 5,5 g Natrium und 8,5 g Chloridionen enthalten, heißen Sole.
Damit das Wasser seinen Status „Heilwasser“ behält, müssen seine Qualität und Zusammensetzung regelmäßig kontrolliert werden. Neben den positiven Inhaltsstoffen wird dabei auch geprüft, ob schädliche Anteile enthalten sind; Heilwässer müssen hygienisch und mikrobiologisch einwandfrei sein. Weil sich die Anordnung der Gesteinsschichten regional stark unterscheidet, gleicht kein Heil-
wasser dem anderen. Manche Kurorte besitzen mehrere Quellen mit unterschiedlichen Zusammensetzungen, sodass verschiedene Erkrankungen behandelt werden können – durch äußerliche und innerliche Anwendung.
Entspannende Wannenbäder
Das Wannenbad ist ein Klassiker der Kur. Schon die Römer fanden das raue Leben nördlich der Alpen in von warmen Quellen gespeisten Badebecken erträglicher und legten so den Grundstein für manchen Kurort. Wannenbäder können positiv auf die Psyche wirken: Wasser entspannt zumeist Körper und Seele. Beim medizinischen Wannenbad, das in der Regel zwanzig bis dreißig Minuten dauert, addieren sich physikalische Faktoren – wie Wassertemperatur, hydrostatischer Druck, Auftrieb – und chemische Faktoren, die auf der Haut und durch die Haut wirksam werden. Der ständige Temperaturreiz kann das Gewebe
straffen. Durch den Wasserdruck, der auf den Körper einwirkt, wird dieser besser durchblutet, der Stoffwechsel angekurbelt, der Kreislauf angeregt. Der Auftrieb macht den Körper leichter, entspannt die Muskulatur, lockert das Bindegewebe, dehnt die Zwischenwirbelscheiben – Gelenke und Wirbelsäule werden entlastet. Die chemisch-pharmakologischen Wirkungen werden im Wesentlichen durch die Inhaltsstoffe Sole, Jod, Schwefel, Radon und Kohlendioxyd hervorgerufen. Reduzierter Schwefel beispielsweise moduliert unter anderem das Immunsystem und hilft, freie Sauerstoffradikale zu zerstören.
Kohlensäurehaltige Quellen
Ist das Wasser kohlensäurehaltig wie beispielsweise in Bad Neuenahr, dessen warme alkalische Säuerlinge einen relativ hohen Anteil an Kohlensäure besitzen, prickelt es auf der Haut. Die Durchblutung wird gesteigert. Die Erweiterung der Hautgefäße und die chemische Blockade der Kältegegenregulation wirken sich auf den Kreislauf aus, der Blutdruck sinkt, das Herz „schaltet auf Schongang“. Da die Quellen in Bad Neuenahr eine Wärme von 34 bis 41 Grad Celsius besitzen, wirken sie auch wohltuend bei Beschwerden des Bewegungsapparates. Die 40,2 Grad warme Walburgisquelle speist die Ahr-Thermen, in denen auch Wassergymnastik angeboten wird. In die Wanne und ins Glas kommt der Große Sprudel im Jugendstilbadehaus. Die Thermalwannenbäder werden teilweise mit Heilkräutern oder mit Essig angereichert. Die Balneologie hat die gesundheitsfördernde Wirkung bei Magenbeschwerden, Verdauungsstörungen, Nierensteinen und Harnwegsinfekten oder Stoffwechselstörungen belegt.
Bad Kissingen ist bekannt für seine sieben Quellen: Rakoczy und Pandur sind Kochsalzsäuerlinge, die die Säureproduktion des Magens normalisieren und die Verdauung regulieren. Auch Erkrankungen der Gallenblase und der Bauchspeicheldrüse können positiv beeinflusst werden. Der Maxbrunnen ist bei Katarrhen der oberen Luftwege angezeigt. Da sein Kochsalzgehalt gering, der Kalziumgehalt dagegen relativ hoch ist, bewirkt er eine vermehrte Flüssigkeitsausscheidung und wird daher bei Entzündungen der ableitenden Harnwege angeraten. Der Luitpoldsprudel wird wegen seines hohen Eisengehaltes vor allem bei Erschöpfungszuständen und bei leichter Blutarmut eingesetzt.
Einen besonderen Anwendungsbereich bietet die Sole, wie sie zum Beispiel in Bad Rappenau als Starksole mit 27-prozentiger Kochsalz-
Konzentration vorhanden ist. Sie wird – außer bei Erkrankungen des Bewegungsapparates, bei Atemwegserkrankungen in Form von Inhalationen und zur Schleimhautpflege bei Stimmstörungen – seit Ende der Siebzigerjahre auch bei Psoriasis erfolgreich eingesetzt. Bei der Sole-Foto-Therapie erhöht das konzentrierte Salzwasser die Osmose der Haut und hilft so, sie für die anschließende Ultraviolett-Lichtbehandlung vorzubereiten. Weil diese Methode aus den vertragsärztlichen Leistungen gestrichen wurde und derzeit nur im Bereich der stationären Rehabilitation angewandt werden kann, hat der Deutsche Heilbäderverband e.V. eine Studie initiiert, die nach evidenz-basierten Kriterien die Wirksamkeit der Sole-Foto-Therapie untersuchen soll. Im Jahr 2001 wird an 600 Patienten in Bad-Rappenau und 15 anderen Soleheilbädern getestet, wie die Wirkung natürlicher Sole mit anschließender UV-Bestrahlung im Vergleich zur „trockenen“ UV-Behandlung ist.
Kein Jungbrunnen
Prof. Dr. Christoph Gutenbrunner, Leiter des Instituts für Balneologie und Medizinische Klimatologie an der Universität Hannover, betont, dass eine Trinkkur die Regulationsleistung des Körpers steigert. Dies könne ihn in die Lage versetzen, die gestörten Funktionen wieder in den Normbereich zu bringen. Heilwässer sind sicher kein Jungbrunnen, aber sanfte Heilmittel, die einen hohen Stellenwert in der Kurortmedizin haben. Birgit Cremers
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