ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2001Mitteilungen: Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft - Blutbildveränderungen unter dem neueren atypischen Neuroleptikum Olanzapin

BEKANNTGABEN DER HERAUSGEBER: Bundes­ärzte­kammer

Mitteilungen: Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft - Blutbildveränderungen unter dem neueren atypischen Neuroleptikum Olanzapin

Dtsch Arztebl 2001; 98(3): A-130 / B-112 / C-108

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LNSLNS Olanzapin ist ein dem Clozapin strukturchemisch verwandtes neueres Neuroleptikum, das im Vergleich zu klassischen Neuroleptika, wie zum Beispiel Haloperidol, bei vergleichbarer antipsychotischer Wirksamkeit in der Behandlung akuter schizophrener Psychosen und überlegener Wirksamkeit bei so genannter schizophrener Negativsymptomatik ein deutlich geringeres Risiko von extrapyramidalmotorischen Nebenwirkungen aufweist. Es ist in der Bundesrepublik Deutschland seit November 1996 verfügbar.
Präklinisch und klinisch gab es zunächst keinen Hinweis auf Olanzapin-induzierte Blutbildveränderungen, während im Falle des Clozapin aufgrund vergleichsweiser hoher Inzidenzen von Agranulozytosen restriktive Behandlungsregularien (zum Beispiel wöchentliche Blutbildkontrolle, schriftliches Einverständnis zur Behandlung) erforderlich wurden. Olanzapin erschien somit als eine qualitativ gleichrangige Alternative zu Clozapin, die aber aufgrund fehlender Nebenwirkungen auf das Blutbild Vorteile für den klinischen Bereich aufwies.
Inzwischen haben sich allerdings erste Hinweise gemehrt, dass Olanzapin durchaus auch hämatotoxische Potenz besitzt, sowohl bei Verwendung als Mono- als auch bei Kombinationsmedikation. Die ätiopathogenetischen Mechanismen (1), die zur Entwicklung Olanzapin-induzierter Blutbildveränderungen führen könnten, werden derzeit noch kontrovers diskutiert. Bisher wurden sieben Fälle in der Literatur ausführlich beschrieben, fünf davon in Deutschland, unter anderem eine Olanzapin-induzierte Agranulozytose (2), zwei Neutropenien (3) und eine Leukopenie (4).
Der Hersteller weist in der Fachinformation darauf hin, dass unter der Therapie mit Olanzapin gelegentlich Blutbildveränderungen wie Leukopenie und Thrombozytopenie berichtet wurden und wie bei anderen Neuroleptika Vorsicht angebracht ist bei der Anwendung an Patienten mit niedrigen Leukozyten- und/oder Neutrophilenwerten jeglicher Ursache.
Eine Recherche in der gemeinsamen von AkdÄ und Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte betriebenen Datenbank aus dem deutschen Spontanerfassungssystem ergab insgesamt 384 Verdachtsmeldungen Olanzapin-induzierter Nebenwirkungen (Datenstand: 27. 7. 2000); davon unter anderem 74 (19,3 Prozent) Störungen des weißen Blutbildes, 37 (9,7 Prozent) Krampfanfälle und 94 (24,5 Prozent) Meldungen zu Leberfunktionsstörungen. Der ursächliche Zusammenhang zwischen Olanzapingabe und UAW kann noch nicht bei allen Verdachtsmeldungen als gesichert angesehen werden. Dennoch sind in der Literatur beschriebene und auch durch die Recherche der AkdÄ bestätigte Olanzapin-induzierte Blutbildveränderungen nicht sicher auszuschließen. Die historische Erfahrung mit der Clozapin-induzierten Agranulozytose lehrt, diese potenzielle Nebenwirkung hinsichtlich ihrer Inzidenz nicht zu unterschätzen und eine endgültige Einschätzung hinsichtlich des tatsächlichen Risikos dieser Nebenwirkung erst nach jahrelanger sorgfältiger Beobachtung vorzunehmen.
Aus Sicht der AkdÄ gibt es zwar derzeit noch keine Veranlassung, eine der Clozapin-Behandlung ähnliche Verfahrensweise bezüglich der Verschreibungsmodalitäten zu fordern, da gegenwärtig keine sicheren Belege für vergleichbar hohe Inzidenzen von Clozapin-induzierten und Olanzapin-induzierten Blutbildveränderungen vorliegen. Die AkdÄ empfiehlt dennoch, vor Behandlungsbeginn die Patienten über klinische Zeichen einer möglichen Blutbildveränderung zu informieren und das Blutbild der Patienten regelmäßig in zwei- bis vierwöchigen Abständen zu kontrollieren.
Bitte teilen Sie der AkdÄ alle beobachteten Nebenwirkungen (auch Verdachtsfälle) mit. Sie können dafür den in regelmäßigen Abständen im Deutschen Ärzteblatt auf der vorletzten Umschlagseite abgedruckten Berichtsbogen verwenden oder diesen unter der AkdÄ-Internetpräsenz abrufen.

Literatur
1. Dettling M, Cascorbi I, Hellweg R, Deicke U, Weise L, Müller-Oerlinghausen B: Genetic determinants of drug-induced agranulocytosis: potential risk of olanzapine? Pharmacopsychiatry 1999; 32: 110–112.
2. Naumann R, Felber W, Heilemann H, Reuster T: Olanzapine-induced agranulocytosis. Lancet 1999; 354: 566–567.
3. Steinwachs A, Grohmann R, Pedrosa F, Rüther E, Schwerdtner I: Two cases of olanzapine-induced reversible neutropenia. Pharmacopsychiatry 1999; 32: 154–156.
4. Meissner W, Schmidt T, Kupsch A, Trottenberg T, Lempert T: Reversible leucopenia related to olanzapine. Mov Disord 1999; 14: 872–873.
Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft: Aachener Straße 233–237, 50931 Köln, Telefon: 02 21/40 04-5 20, Fax: -5 39, E-Mail: akdae@t-online.de, Internet: www.akdae.de
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