ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2001Uranhaltige Munition: Sorgen um Krankheits-Risiko

POLITIK

Uranhaltige Munition: Sorgen um Krankheits-Risiko

Dtsch Arztebl 2001; 98(3): A-75 / B-65 / C-65

Gerst, Thomas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Leukämie-Erkrankungen bei KFOR-Soldaten haben ein großes Echo in den Medien ausgelöst. Diskutiert wird ein Zusammenhang mit dem Einsatz uranhaltiger Munition.

Nahezu kein Strahlenrisiko durch Munition mit abgereichertem Uran bestehe für die auf dem Balkan eingesetzten deutschen Soldaten, erklärte Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping vergangene Woche in Berlin. Unterstützt wird er in dieser Einschätzung durch die Untersuchungsergebnisse des GSF-Forschungszentrums für Umwelt und Gesundheit in Neuherberg bei München. Dieses hatte im Auftrag des Verteidigungsministeriums Urinproben von 121 Soldaten, die im Kosovo im Rahmen der KFOR-Aktion im Einsatz waren, auf Uranbelastung untersucht. Ein Vergleich mit Referenzwerten von mehr als 200 nichtexponierten Personen aus verschiedenen Regionen Deutschlands zeigte keine unterschiedliche Belastung.
Nach Einschätzung des GSF-Forschungszentrums gibt es bei den untersuchten Personen – zusätzlich wurden noch 50 OSZE-Polizisten und Helfer karikativer Organisationen in die Untersuchung einbezogen – keinen Hinweis auf eine über die natürliche Zufuhr an Uran hinausgehende Belastung mit dem Schwermetall. Nach Ansicht
der Epidemiologin Gina Mertens von IPPNW – Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges bringt eine Urinuntersuchung direkt nach dem Einsatz auf dem Balkan allerdings keine verlässlichen Werte, da nach der Aufnahme von Uranoxyd über die Lunge die Uranausscheidung mit den Jahren zunimmt.
Panzerbrechende Munition mit abgereichertem Uran (Depleted Uranium – DU) wurde von amerikanischen Kampfflugzeugen während des Luftkriegs gegen Serbien eingesetzt. Uran hat eine sehr viel höhere Dichte als Stahl und kann deshalb auch starke Panzerungen durchschlagen. Abgereichertes Uran ist ein Abfallprodukt, das bei der Aufbereitung von Uranerz zu kerntechnischen Zwecken anfällt. Im Vergleich zum angereicherten Uran ist es nur schwach radioaktiv. Eine radiotoxische Wirkung von außen kann DU nicht entfalten – darin sind sich fast alle Experten einig; die Alphastrahlung kann die menschliche Haut nicht durchdringen. Beim Aufprall auf das Ziel gehen rund 70 Prozent des verwendeten DU über in Uranoxyd, das sich als feiner Staub um das Zielobjekt niederschlägt. Über das gesundheitliche Risiko nach Inhalation dieses Staubes gehen die Meinungen der Fachleute auseinander. Bereits nach dem Golfkrieg gab es eine Reihe kritischer Stimmen, die die rätselhaften Erkrankungen vieler US-Soldaten mit dem massenhaften Einsatz uranhaltiger Munition in Verbindung brachten.
Mehrere Leukämie-Fälle bei italienischen Soldaten, die auf dem Balkan stationiert waren, hatten den Verdacht ausgelöst, die vom NATO-Partner eingesetzte DU-Munition komme dafür als Ursache infrage. Der Inspekteur des Sanitätsdienstes der Bundeswehr, Dr. Karl W. Demmer, erklärte gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt, es gebe keinen Zusammenhang zwischen der DU-Munition und den bekannt gewordenen Leukämie-Fällen. Die geringe Strahlung könne nicht innerhalb eines solchen kurzen Zeitraums zu Leukämien führen. Allerdings will auch Demmer unter ungünstigsten Umständen langfristig ein Gefährdungspotenzial für die Bevölkerung vor Ort nicht ausschließen. Dass die Bundeswehr den deutschen Soldaten strikte Schutzmaßnahmen bei der Annäherung an von DU-Munition zerstörte Objekte vorgeschrieben habe, erklärt Demmer mit der Verpflichtung, auch das geringste Risiko für die Soldaten zu vermeiden.
Gina Mertens von IPPNW beklagt, dass bei der öffentlichen Diskussion stets die Gefährdung der Soldaten im Vordergrund stehe. Dabei sei es gerade die Zivilbevölkerung im Kosovo und in Serbien, die langfristig von den chemotoxischen Auswirkungen des Einsatzes von DU-Munition betroffen sei. Sie fordert epidemiologische Langzeituntersuchungen, um konkrete Aussagen über die Auswirkungen von DU-Munition machen zu können. Auch die Wissenschaftler des GFS-Forschungszentrums wollen ein Krankheits-Risiko nur für die Soldaten ausschließen, die unter den vorgeschriebenen Schutzvorrichtungen im Kosovo gearbeitet haben. Für die dort lebende Bevölkerung gelte dies nicht.
Bei vielen deutschen KFOR-Soldaten wird ein Rest von Unsicherheit über ihr künftiges Krankheitsrisiko bleiben. Dass gerade jetzt eine Studie bekannt wird, nach der viele ehemalige Bundeswehr-Soldaten, die an Radargeräten eingesetzt worden waren, in den Jahren 1970 bis 1990 an Krebs erkrankt oder gestorben sind, trägt zur weiteren Verunsicherung bei. Thomas Gerst


Suche nach Spuren von Radioaktivität auf einem zerstörten Panzer
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema