ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2001Täuschende Prozente: Vier von 1 000 oder 0,4 Prozent

AKTUELL: Akut

Täuschende Prozente: Vier von 1 000 oder 0,4 Prozent

Dtsch Arztebl 2001; 98(4): A-137 / B-115 / C-111

Koch, Klaus

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LNSLNS Genau 130 Prozent aller Deutschen haben Probleme mit der Prozentrechnung: Dieser alte „Kalauer“ darf ohne weiteres auf Ärzte, Wissenschaftler und Juristen angewendet werden. Eine Gruppe um Prof. Ulrich Hoffrage vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin und Prof. Samuel Lindsay von der US-Universität Virginia in Charlottesville schildert im Wissenschaftmagazin Science, dass auch Fachleute massive Schwierigkeiten haben, mit in Prozentzahlen angegebenen Wahrscheinlichkeiten zu rechnen (2000; 290: 2261). So hatten die Forscher Studenten gebeten, anhand einiger Zahlen die Trefferrate von Mammographie-Untersuchungen zur Früherkennung von Brustkrebs abzuschätzen: Der Nutzen der Röntgenuntersuchungen wird von Ärzten gerne mit der Aussage beschrieben, eine Frau könne durch die regelmäßige Teilnahme ihr Risiko, an Brustkrebs zu sterben, „um 25 Prozent verringern“.

Diese Angabe ist allerdings wertlos, wenn den Frauen nicht auch genannt wird, wie häufig Brustkrebs ist. Tatsächlich sterben von 1 000 Frauen innerhalb von zehn Jahren nur etwa vier an Brustkrebs, sodass die relative Reduktion um „25 Prozent“ bedeutet, dass letztlich nur eine von 1 000 Frauen durch das Screening gerettet werden könnte, 999 aber keinen Nutzen haben. In Tests an Medizinstudenten war aber nur jeder Vierte in der Lage, diese „1 zu 1 000“-Erfolgsaussicht des Mammographie-Screenings richtig zu berechnen, wenn ihm die üblichen Wahrscheinlichkeiten in Prozent angegeben wurden.

Wurden den Studenten die Zahlen jedoch als „natürliche Häufigkeit“ geschildert – also etwa: vier von 1 000 Frauen, statt 0,4 Prozent –, lag „nur“ jeder Zweite falsch (was immer noch viel ist). In weiteren Tests haben auch erfahrene Ärzte kaum besser abgeschnitten. Die Autoren leiten aus ihren Erfahrungen die konkrete Forderung ab, diese Schwierigkeiten bei der Information von Patienten zu berücksichtigen. Hoffrage: „Solange Gesundheitsorganisationen (. . .) bei der Aufklärung über Nutzen und Schaden von Früherkennungsprogrammen nur Wahrscheinlichkeiten und relative Risikoreduktionen angeben, ist eine wirklich aufgeklärte Entscheidung der Patienten unwahrscheinlich.“ Klaus Koch
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