ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2001Gentechnik: Der Zweck heiligt die Mittel

POLITIK

Gentechnik: Der Zweck heiligt die Mittel

Dtsch Arztebl 2001; 98(4): A-144 / B-120 / C-116

Richter, Eva A.

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LNSLNS Das Ziel, Gewebe aus embryonalen Stammzellen zu züchten und Therapien zu entwickeln, lässt ethische Bedenken in den Hintergrund treten.
Die Karten in der Gesundheitspolitik werden neu gemischt. Das betrifft auch die Gentechnik. Die Parlamentarische Staatssekretärin im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, Gudrun Schaich-Walch (SPD), kündigte bereits an, dass es keine übereilten gesetzlichen Neuregelungen geben werde, damit wohl auch kein neues Fortpflanzungsmedizingesetz in dieser Legislaturperiode. Bisher hatte Ex-Ge­sund­heits­mi­nis­terin Andrea Fischer als „Bremse“ in Sachen Gentechnik gegolten. Ihr Eckpunktepapier sah vor, Präimplantationsdiagnostik und das Klonen von menschlichen Embryonen zu verbieten. Wenn es nun bei dem aus dem Jahr 1990 stammenden Embryonenschutzgesetz bleibt, wird auch der Import und damit die Forschung an embryonalen Stammzellen in Deutschland erlaubt bleiben.
Diskussion im EU-Parlament
„Das erste geklonte Baby wird früher zur Welt kommen, als dem ersten Parkinson-Patienten durch embryonale Stammzellen wirksam geholfen wird“, meint Dr. med. Peter Liese (CDU), Mitglied des Europäischen Parlaments, angesichts dieser Entwicklung. „Wir müssen die Chancen der Gentechnik nutzen, aber die Menschenwürde muss das oberste Prinzip sein.“ Am 16. Januar hat im Europäischen Parlament der Ausschuss „Humangenetik und die anderen neuen Technologien in der modernen Medizin“ seine Arbeit aufgenommen. 36 Mitglieder aus allen politischen Fraktionen werden sich ein Jahr lang mit den Möglichkeiten und Gefahren der DNA-Analyse, der Präimplantationsdiagnostik sowie mit den Fragen des Klonens von menschlichen Embryonen und der Patentierung von biotechnologischen Erfindungen beschäftigen.
Das Europäische Parlament lehnt das Klonen von Menschen grundsätzlich ab. Liese befürchtet dennoch bald einen Dammbruch in Europa. Der Grund: Die britische Regierung will das Herstellen von menschlichen Embryonen durch die gleiche Methode erlauben, die zum geklonten Schaf Dolly führte. Am 20. Dezember 2000 hat sie dafür die Unterstützung des Unterhauses (jedoch nicht des Oberhauses) bekommen. Die Methode sei notwendig, um Patienten mit Erkrankungen wie Parkinson oder Diabetes zu helfen, argumentieren die Befürworter des therapeutischen Klonens. Indes hofft Liese auf den entschiedenen Widerstand von Staats- und Regierungschefs gegen die britische Initiative.
Geklontes Baby ist nicht weit
Wenn einmal das Ziel, dem Menschen zu helfen, über den ethischen Bedenken stünde, sei das Klonen nicht mehr aufzuhalten, meinen Kritiker. Ein Beispiel dafür ist Baby Adam in den USA. Adam wurde durch Präimplantationsdiagnostik und In-vitro-Fertilisation so selektiert, dass er seiner an Leukämie erkrankten Schwester als Zellspender dienen konnte.
Für die Hoffnung auf Hilfe dürfe nicht der Embryonenschutz geopfert werden: „Es ist viel einfacher, geklonte menschliche Embryonen in den Uterus einzupflanzen, als aus menschlichen embryonalen Stammzellen wirksame Therapien zu entwickeln“, gibt Liese zu bedenken. Trotzdem gebe es Alternativen. Für aussichtsreich hält Liese die Forschung an adulten Stammzellen. Diese könnten beispielsweise aus der Nabelschnur gewonnen werden, wogegen sonst der Embryo zerstört würde. Große deutsche Pharma-Unternehmen investieren bereits in die adulte Stammzellforschung. Dr. med. Eva A. Richter
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