ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2001Gesundheitsreform: Mehr Geld ins System!

POLITIK: Kommentar

Gesundheitsreform: Mehr Geld ins System!

Dtsch Arztebl 2001; 98(4): A-148 / B-124 / C-120

Heil, Traugott

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LNSLNS Wie in allen europäischen Staaten führt der Kostenanstieg im Gesundheits- und Sozialsystem zu Handlungszwängen. Die Ursachen für sie sind unterschiedlich: Neben der Tatsache, dass die Menschen deutlich älter werden und damit die Krankenkassen für diese Mitglieder mehr Aufwendungen haben, spielen Innovation im Arzneimittelbereich, aber auch der medizinisch-technische Fortschritt eine zunehmende Rolle bei der Kostenentwicklung. Wer einmal die digitale Röntgen- und Großgerätebilddarstellung finanzieren wird, ist offen.
Es ist Aufgabe der Ärzteschaft, Innovation und zusätzliche Morbidität im Vergleich zu früheren Jahren als weiteren Kostentreibsatz zu belegen. Wenn zum Beispiel in den neuen Bundesländern die Zahl der chronisch Kranken deutlich über der vergleichbaren Zahl in den alten Bundesländern liegt, werden Politik und Krankenkassen reagieren müssen.
Das Gesundheitsreformgesetz 2000 setzt im Vergleich zu Reformgesetzen früherer Regierungen neue Schwerpunkte als Antwort auf bisheriges Versagen gesetzgeberischer Maßnahmen :
Integrierte Versorgung, Stärkung der Lotsenfunktion der Ärztinnen und Ärzte auf der Ebene der Grund- und Regelversorgung, Trennung der Vergütung für Haus- und Fachärzte, Transparenz, Einführung der ICD-10-SGB V.
Im Gesundheitsreformgesetz versucht der Gesetzgeber neue Wege, Modelle in der ambulanten Versorgung zu ermöglichen. Wenn es gelingt, durch Modellversuche wie im hessischen Ried oder durch Netzgründung und die Bildung von Genossenschaften die Qualität und damit die Produktivität der Versorgung zu verbessern, dann ist dies ein positiver Trend. Zu beobachten ist eine weitaus höhere Motivation der Ärzte, die in solchen Strukturen zusammenarbeiten. Jeder weiß um die Schwerpunkte der kooperierenden Ärzte und der benachbarten Krankenhäuser. Das führt so weit, dass es inzwischen Netzstrukturen vor Ort gibt, in denen der Patientenbegleitbrief zur Selbstverständlichkeit wird, was auch für einen innerärztlichen Verhaltenskodex gilt.
Das Reformgesetz 2000 fördert die Lotsenfunktion der Hausärzte, haus-
ärztlich tätigen Internisten und Kinderärzte als diejenigen, die durch Präsenz das familiäre und soziale Umfeld der Patienten kennen. Im Rahmen von Verbundsystemen zur Weiterbildung der angehenden Allgemeinmediziner muss durch eine fünfjährige Weiterbildung das Rüstzeug für die künftige Arbeit mitgegeben werden.
Die Einführung der ICD wurde oft beklagt. Nicht abzustreiten ist die
Tatsache, dass es heute leichter ist, Leistungsverlagerung von stationär nach ambulant zu belegen. Erst wenn die Ärzte Rationalisierungsreserven nutzen und Synergieeffekte zum Tragen kommen lassen (94 Prozent der 1997 befragten Medizinstudenten sehen solche Rationalisierungsreserven), können wir die öffentliche Forderung stellen: „Mehr Geld ins System!“
Rationalisierungsreserven, die zuletzt mobilisiert wurden
– Nach der Vereinbarung zwischen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Krankenkassen und dem Bundesministerium für Gesundheit vom September 1998 gelang es in allen, auch in den schon wirtschaftlich mit Medikamenten-Verordnungen umgehenden KV-Bezirken, Einsparungen zu erreichen.
– Die Laborhonorarreform vom
1. Juli 1998 hat zu erheblichen Einsparungen geführt.
– Eine Ordnung und Neukonzeption der Krankenversicherten-Karte (unter anderem Missbrauch der Chipkartensimulatoren, künstliche Praxisschlusszeiten von drei bis vier Wochen je Quartal) wird noch Einsparpotenziale bieten. Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen müssen ein Anreizsystem schaffen, in dem der Patient in der Regel seinen Hausarzt, hausärztlich tätigen Internisten oder Kinderarzt antrifft. Auch in der sprechstundenfreien Zeit muss für Notfälle ein ärztlicher Ansprechpartner erreichbar sein.
Wenn es durch neue Behandlungsformen, präventive Gruppenarbeit oder Verkürzung der Liegezeiten in den Krankenhäusern zu neuen Finanzbelastungen im ambulanten System kommt, müssen neue Finanzmittel bereitgestellt werden. Mit den alljährlichen Steigerungsraten aus der Grundlohnsummenentwicklung wird dies künftig nicht mehr finanzierbar sein.
Der Ärzteschaft muss es gelingen, die Augen für neue Entwicklungen bei der Versorgung von Patienten zu öffnen.
– Die Informationstechnologie (IT) wird neue Informationswege für Gesunde und Kranke ermöglichen. (Die Homepage „Hoden-Ca“ der Arbeitsgruppe Hodenkrebs wurde in wenigen Monaten von Interessierten mehr als 13 000-mal aufgerufen.)
– Disease-Management wird für die Kostenträger überlebensnotwendig. Der Wechsel von mehr als 1,5 Millionen Beitragszahlern in die „preisgünstigeren“ oftmals nur virtuellen Betriebskrankenkassen verdeutlicht den Handlungbedarf. Hier muss dann auch die Qualität der Behandler überprüfbar werden. Jeder Arzt sollte sich schon jetzt im Hinblick auf seine Kostenanalyse kontrollieren, um zukünftigen Qualitätsanforderungen gegenüber gewappnet zu sein. Ein weiteres Hinauszögern von Reformen und das Gegeneinanderausspielen von Fachgruppen wird nicht weiterführen. Die Schweiz hat mit dem neuen Honorarsystem „Tarmed“ nach mehr als zehnjähriger Vorbereitungszeit seit einigen Monaten ein Honorarsystem vorgelegt, bei dem ärztliche und technische Leistungen abgerechnet werden. Der Selbstverwaltung wird nicht viel Zeit bleiben, um mit den Berufsverbänden ein ähnlich strukturiertes Entgeltsystem auf den Weg zu bringen.
Die Bundesregierung ist angetreten, die Lohnnebenkosten wegen des internationalen Wirtschaftsstandorts Deutschland zu senken. Dieses Vorhaben wird sie verteidigen. Kein verantwortlicher Politiker wird auf Dauer zusehen, wie dieses Ziel durch Reformunfähigkeit in der Gesundheitspolitik durch drohenden Anstieg der Krankenkassenbeitragssätze zunichte gemacht wird. Sicher werden auch unzureichende Gegenfinanzierung von Reformen, Senkung der Beitragszahlungen für Arbeitslose und weitere sozialpolitische Reformen zu Mindereinnahmen im GKV-Bereich führen.
Die Überlegungen der Opposition zur Weiterentwicklung des Rechts der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung enthalten als zentrale For-
derung die Splittung des GKV-Leistungskatalogs in Pflicht- und Wahl-
leistungen. Diese Amerikanisierung des GKV-Systems wird zu einer Belastung des Arzt-Patienten-Verhältnisses führen. Wenn der Kernleistungsbereich bei zwölf Prozent-Punkten als Beitragssatz liegen wird, werden dem GKV-Bereich 28 Milliarden DM pro Jahr fehlen. Ob dies sich
mit einem Ausschluss von Sterbegeld, Fahrkosten- und Haushaltshilfen und der Finanzierung der extrakorporalen Fertilisation finanzieren lässt, ist mehr als fraglich. Traugott Heil
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