ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2001Naturheilmittel: Phytopharmaka sind Unikate

POLITIK: Medizinreport

Naturheilmittel: Phytopharmaka sind Unikate

Dtsch Arztebl 2001; 98(4): A-150 / B-126 / C-121

Stoschek, Jürgen

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LNSLNS Der 3. Internationale Phytotherapiekongress bot eine Bestandsaufnahme
zu Wirksamkeit, Unbedenklichkeit und Qualität von Naturheilmitteln.

Von den mehr als 4 000 Phytopharmaka, die in Deutschland im Handel sind, sind nur etwa ein Viertel nach dem geltenden Arzneimittelrecht zugelassen oder nachzugelassen. Fast 3 000 pflanzliche Arzneimittel warten auf eine Entscheidung im Rahmen der Zulassung. Die Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung gibt jährlich etwa 1,6 Milliarden DM oder fünf Prozent ihres gesamten Etats für Phytopharmaka aus.
Häufig sei dabei allerdings nicht klar, ob die Verordnung pflanzlicher Arzneimittel dem Stand der medizinischen Erkenntnis entspricht, erklärte der Bremer Sozialwissenschaftler Prof. Gerd Glaeske vor der Presse in München. Glaeske, der zuvor bei der Barmer in Wuppertal tätig war und der sich jetzt in Bremen schwerpunktmäßig mit Arzneimittelversorgungsforschung beschäftigt, ist Projektleiter eines Modellvorhabens zur Förderung der Rationalität in der Verordnung pflanzlicher, homöopathischer und anthroposophischer Arzneimittel.
Das Urteil über pflanzliche Arzneimittel reiche von der Etikettierung als „Placebo forte“ auf der einen Seite bis hin zur kritiklosen Zustimmung auf der anderen Seite, erläuterte Glaeske. Wissenschaftliche Belege für die eine oder andere Ansicht sind rar und gelegentlich ebenso umstritten wie die Naturheilmittel. Die Krankenkassen stehen vor dem Problem, dass mehr als 80 Prozent ihrer Versicherten sich für einen verstärkten Einsatz von Naturheilmitteln aussprechen, sie andererseits aber oft nicht wissen, welche Qualität sie in der Phytotherapie bezahlen, sagte Glaeske.
In dieser Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit stehe auch der Arzt, der entscheiden soll, ob er solche Mittel ohne Bedrohung von Wirtschaftlichkeitsprüfungen verordnen kann. Konsequenz: Bei der Verordnung von Phytopharmaka gibt es in den einzelnen Regionen in Deutschland erhebliche Unterschiede. So verordneten die Ärzte 1998 in Südbaden zulasten der Krankenkassen pflanzliche Arzneimittel im Wert von 11,32 DM je Versicherten, in Hessen lag dieser Wert hingegen bei 4,30 DM.
Vor diesem Hintergrund will die Barmer ein wissenschaftlich begleitetes Modellvorhaben nach §§ 63 bis 65 SGB V mit einer oder mehreren Kassenärztlichen Vereinigungen vereinbaren, das auch vom Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) getragen wird und in dem der Einsatz von Naturheilmitteln in der ärztlichen Praxis überprüft werden soll.
Erste Ergebnisse des Modellvorhabens, für das es derzeit allerdings noch keine konkreten vertraglichen Vereinbarungen gibt, sollen etwa 18 Monate nach dem Start vorliegen, berichtete Glaeske bei einer Pressekonferenz, die das Komitee Forschung Naturmedizin in München veranstaltet hat. In ausgewählten Indikationsgebieten sollten Erfahrungen in der Anwendung pflanzlicher, homöopathischer und anthroposophischer Arzneimittel dokumentiert werden, sodass damit auch der Beitrag dieser Arzneimittel zu einer Verbesserung der Wirtschaftlichkeit der Arzneimittelversorgung belegt werden kann, so Glaeske.
Grundlage für 1 200 Patienten und 240 Allgemeinärzte, die teilnehmen sollen, sind die Transparenzkriterien, die die Barmer-Ersatzkasse und der BPI nach zweijähriger Vorarbeit in Frankfurt vorgestellt haben (Dt Ärztebl 1999; 96: A-1701 [Heft 25]. Solche Transparenzkriterien, wie sie von einer Expertenkommission im Hinblick auf das beabsichtigte Modellvorhaben festgesetzt wurden, seien notwendig, weil längst nicht alle erhältlichen Phytopharmaka deklariert seien und es deshalb selbst Fachleuten schwer falle, Unterschiede der verschiedenen Präparate zu erkennen, erläuterte Prof. Theodor Dingermann, Direktor des Instituts für Pharmazeutische Biologie der Universität Frankfurt/Main. Die Transparenzkriterien, die den „Spreu vom Weizen“ trennen sollen, ermöglichen nach Dingermanns Angaben eine Bewertung von Phytopharmaka in Bezug auf bestimmte Stoffcharakteristika.
Präparate, die von der gleichen Droge abgeleitet, aber nach unterschiedlichen Verfahren hergestellt wurden und die unterschiedlich zu dosieren sind, seien jetzt eindeutig identifizierbar. Keine Aussage träfen die Transparenzkriterien allerdings zur Frage von „Wirksamkeit, Unbedenklichkeit und Qualität“, welche die Voraussetzung für eine Zulassung sind, betonte Dingermann in München.
Jürgen Stoschek


Der Artischocke wird eine cholesterinsenkende Wirksamkeit nachgesagt.

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