ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2001Forschung: Neue Dimensionen

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Forschung: Neue Dimensionen

Dtsch Arztebl 2001; 98(4): A-164 / B-138 / C-134

Thieme, Volker

Zu dem Beitrag „Zum Nutzen des Patienten“ von Priv.-Doz. Dr. med. Giovanni Maio in Heft 48/2000:
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LNSLNS Pharmakologische Studien am Menschen werden dann zum heißen Eisen, wenn der Untersucher nicht die kritischen Eckpunkte des Experiments – Schutz der Versuchspersonen, wissenschaftliches Ziel und kommerzielles Interesse – streng voneinander differenziert. Die Problematik hat in den Neunzigerjahren vor dem Hintergrund der verstärkten Globalisierung von Humanstudien durch internationale pharmazeutische Unternehmen ganz neue Dimensionen angenommen. So berichtete die Washington Post auf ihren Internetseiten vom 17. Dezember bis 22. Dezember 2000, dass 1999 bereits 27 Prozent dieser Studien für den amerikanischen Markt ausländische Untersuchungsergebnisse enthielten. In den Neunzigerjahren stieg die Zahl der von der FDA registrierten Untersucher in Südamerika, Osteuropa und im südlichen Afrika um mehrere Hundert. Ein wichtiger Grund ist der enorm gestiegene Zeitdruck im internationalen Konkurrenzkampf. Jeder Tag, der die Vermarktung verzögert, kostet etwa 1,3 Millionen Dollar. So weichen die Firmen in Länder aus, in denen staatliche Regulative lockerer, der finanzielle Aufwand pro Testperson geringer und die Zahlen vertrauensseliger Testpersonen scheinbar unbegrenzt sind. Die Investigationen der Washington Post zeigen Beispiele auf, bei denen die Regeln einer ausreichend informativen Aufklärung der Testpersonen eklatant ignoriert wurden. Vielfach wurden Testpersonen durch das Versprechen einer kostenlosen Behandlung gewonnen. Politisch bedenklich werden Humanstudien dann, wenn uninformierte Bürger durch autoritär handelnde Behörden zur Teilnahme gezwungen werden.
Diese Situation sollte von der Ärzteschaft in Deutschland und der EU sorgfältig beobachtet werden, um geeignete Vorstellungen zur Schadensbegrenzung entwickeln zu können. Es geht darum, menschenunwürdige Experimente am armen Teil der Erdbevölkerung zum alleinigen Vorteil des anderen, wohlhabenden Teils zu verhindern.
Dr. Dr. med. habil. Volker Thieme, Justus-Liebig-Straße 56, 28357 Bremen
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