ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2001Krebserkrankung: Noch große Anstrengungen vonnöten

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Krebserkrankung: Noch große Anstrengungen vonnöten

Dtsch Arztebl 2001; 98(4): A-164 / B-138 / C-134

Drees, Alfred

Zu dem Beitrag „Information und emotionale Unterstützung“ von Dr. phil. Ute Schlömer-Doll und Dr. med. Dietrich Doll in Heft 46/2000:
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LNSLNS Sie haben mit der Beschreibung der unzureichenden Qualifikation von Ärzten im Gespräch mit krebskranken Patienten ein außerordentlich wichtiges Reformthema angesprochen. Erlauben Sie mir, die Situation noch ein wenig dramatischer darzustellen, indem ich kritisch
die unzureichende Sterbebegleitung in unserem Lande hinzufüge.
Sterben und Tod sind in dieser Gesellschaft, in unserer Medizin ein Tabu. Trauer, Verzweiflung, depressive Krisen und infantile Proteste der Patienten verunsichern Angehörige wie ärztliche und pflegerische Betreuer. Sie lassen den Sterbenden häufig allein, zum Teil würdelos, unter inhumanen Bedingungen. Tod und Sterben scheinen ein Anachronismus in unserer Zeit. Die Medizin übernimmt ungewollt eine fatale Rolle. Auf dem Höhepunkt ihres Erfolges, im Kampf gegen die Seuchen, in ihrer operativen Universalität hat sie die Fiktion aufrechtzuerhalten, dass der Tod besiegt, dass Krankheit lediglich eine Betriebsstörung und dass Gesundheit durch ein Auswechseln schadhafter Teile wiederherstellbar sei. Gleichzeitig werden immer mehr Sterbende in unsere Krankenhäuser abgeliefert mit der Bitte, sie „nicht mehr zu lange zu quälen“, wächst die Anzahl subakut und chronisch Sterbender, die maschinell oder medikamentös ihr Leben auf Zeitraten bei uns erhalten, die von uns abhängig bleiben. Ärzte und Krankenpfleger, Zeitgenossen der ihnen zum Sterben anvertrauten Patienten, fühlen sich nicht selten hilflos und überfordert. Die Berufsausbildung hatte ihnen nichts gesagt vom Tod, vom Umgang mit Sterbenden. Ihr Beruf sei die Überwindung von Tod und Leid, ihr Selbstverständnis das positivistische Weltbild des heutigen Menschen, der Glaube an die umfassende Heilkunst der Medizin.
Ärzte und Krankenpflegepersonal, vor allem in sterbeintensiven Abteilungen, leiden unter emotionalen Spannungen und Burn-out-Symptomen, die als Ergebnis der Sprachlosigkeit in der Sterbeszene verstanden werden können. Hier hilft oft nur verstärkte Flucht in technisch apparatives Tun sowie in distanzierende Sachlichkeit. Der sterbende Patient bleibt in sich eingeschlossen, allein. Palliative care und Hospizbewegung, die sich in England, in den USA und in Australien bereits wesentlich weiter entwickeln konnten, haben die Aus- und Weiterbildung in Deutschland bisher nur unzureichend bewegt. Sie haben Recht, die Humanisierung unserer Medizin bedarf noch großer Anstrengungen.
Prof. Dr. med. Alfred Drees, Friedrich-Ebert-Straße 26, 47799 Krefeld
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