ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2001Wiedervereinigung: Real existierender Kapitalismus

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Wiedervereinigung: Real existierender Kapitalismus

Dtsch Arztebl 2001; 98(4): A-166 / B-137 / C-133

Heidel, Wilfried

Zu dem Kommentar „Wagemut und Hilfsbereitschaft“ von Norbert Jachertz in Heft 40/2000:
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LNSLNS Als ich 1961 in Düsseldorf war – kurz „vor der Mauer“, und damals durfte ich als Nichtreisekader noch nach dem Westen fahren – nach meiner leisen Kritik an der auffälligen Kriminalität in der Bundesrepublik – es war gerade am Vorabend eine Prostituierte auf einem Parkplatz in Köln ermordet worden, und mir fielen die vielen Steckbriefe mit den Bildern gesuchter Verbrecher auf –, wurde mir von einem Kollegen, gleichfalls Hochschullehrer, nach einer abfälligen Bemerkung über die tote Prostituierte die Frage gestellt: „Sind Sie Kommunist?“ Ich konnte die Frage mit einem glatten Nein beantworte, denn ich war in keiner Partei, und Marxismus und Kommunismus waren für mich nur Randthemen.
Nach dem Beitritt, Anschluss oder, etwas anspruchsvoller, nach der Wiedervereinigung, wie man es auch nennen mag, und einem zehnjährigen Intensivkurs in real existierendem Kapitalismus bin ich mir nicht so sicher, ob ich die Antwort wieder so entschieden geben kann wie damals vor fast 40 Jahren.
Ja, es ist vieles besser geworden in diesem Land: Wir haben nun die Technik, die wir uns immer gewünscht haben, und wir sind in die Selbstständigkeit entlassen, mit allen Konsequenzen, die sich daraus ergeben mögen. Aber, was ist mit diesem Gesundheitswesen? Schon die Vorgängerregierung hatte ihre Schwierigkeiten damit. Dabei war es doch immer so attraktiv, und viele aus dem Osten folgten dem Ruf: Go west! Aber schon damals gab es Kostendämpfungsmaßnahmen. Also muss-
te doch etwas mit diesem System nicht stimmen, das man uns 1990 so warm „ans Herz“ gelegt hat.
Doch wir Mediziner kennen das: Wenn eine Diagnose schwierig ist und eine Therapie noch schwieriger, ist es ganz bestimmt ein multifaktorielles Geschehen, das in seinen Wechselbeziehungen schwer einzuschätzen ist. Außer mit den Partnern, die alle an den Einkünften aus den Beiträgen der Krankenkassenmitglieder teilhaben wollen, gibt es zusätzliche Schwierigkeiten durch ökonomische Verluste: Arbeitslosigkeit auf der Einnahmen- und höhere Aufwendungen auf der Ausgabenseite durch demographische Veränderungen. Als Ausweg preist man uns nun den Gesundheitsmarkt an. Ob der aus der Sackgasse führt oder nur das Solidarprinzip aushebeln soll, bleibt dahingestellt. Mithilfe der „am Markt tätigen“ virtuellen Kassen sollen offenbar die Beiträge und die Arzt-
honorare gesenkt werden. Im Augenblick stehen die Ärzte im Zentrum der Kritik. Folgerichtig wird in den Medien betrügerisches Abrechnungsverhalten als Ursache der finanziellen Schwierigkeiten benannt. Das dürfte in Einzelfällen vorkommen. Aber ich bin sicher, dass der überwiegende Teil meiner Kollegen seinen Beruf ernst nimmt und weit davon entfernt ist, sich durch Manipulationen Vorteile zu verschaffen. Eher ist es der hohe Technisierungsgrad, der manche dazu verleitet, zu viele und zu teure Leistungen zu erbringen. Vor zehn Jahren aber wurden viele Kollegen in Ostdeutschland durch Vertreter der Industrie und der Banken veranlasst, im Vertrauen auf die Zukunft teure Investitionen zu tätigen.
Noch immer kann jeder Patient eine faktisch unbegrenzte Anzahl Ärzte im Quartal konsultieren. Schon vor Einführung der Kran­ken­ver­siche­rungskarte hätte dieser Mangel vorhergesehen und verhindert werden können. Und da ist das Anspruchsverhalten unserer Bürger, denen immer noch weisgemacht wird, wie omnipotent die Medizin und wie unwichtig der eigene Beitrag zur Gesunderhaltung ist. Es entspricht eben nicht den Marktprinzipien, durch Vorsorge künftige Schäden zu vermeiden, da nur durch Reparaturen und Neuanschaffungen Profit zu erzielen ist, was ja bekanntlich in dieser Form im biologischen Bereich nicht möglich ist. Die Pharmaindustrie, jedenfalls Teile davon, beeinflusst wesentlich, welche Themen wissenschaftlich bearbeitet und in der Fortbildung behandelt werden, und nimmt zumindest indirekt Einfluss auf das Verordnungsverhalten der Ärzte.
Da die Regierung auf den industriellen und den bürokratischen Komplex nur unzureichend Einfluss ausüben kann und sich scheut, die wahren Gründe für die Schwierigkeiten zu benennen, muss befürchtet werden, dass es auch in Zukunft bei dem System des Weiterwurstelns bleibt, wobei die Patienten und die ambulant tätigen Ärzte als Opfer der Beschränkungen ausersehen sind.
Dr. med. habil. Wilfried Heidel, Albert-Träger-Straße 39, 99734 Nordhausen
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