ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2001Spielfilme und Serien: Der Arzt ordnet an, die Schwester führt aus

VARIA: Feuilleton

Spielfilme und Serien: Der Arzt ordnet an, die Schwester führt aus

Dtsch Arztebl 2001; 98(4): A-186 / B-152 / C-148

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS Ärzte sind in Filmen meist männlich, gut aussehend und erfolgreich.


Der Mann im weißen Kittel war der erste Vertreter einer Profession, der Zugang zur Filmwelt erhielt. 1897 produzierte Georges Méliès in Montreuil-sous-Bois die ersten Arztfilme. Seitdem ist der Arzt ein beliebtes Motiv der Filmgeschichte und von der Leinwand nicht mehr wegzudenken. Über das Thema „Schwestern, Ärzte und Patienten – Mythenbildung in Film und Fernsehen“ refererierten Dr. Kurt W. Schmidt, Frankfurt am Main, und Privatdozent Dr. med. Giovanni Maio, Lübeck, in Frankfurt anlässlich der Jahrestagung der Akademie für Ethik in der Medizin.
Einer der ersten deutschen Arztfilme war der Film „Robert Koch“ aus dem Jahr 1939. Dazu Schmidt: „In diesem Film wird der Arzt als heldenhafte Führerpersönlich-keit dargestellt. Ein Arztbild, das ganz in die nationalsozialistische Ideologie passte.
Der Film „Sauerbruch“ (1954), angelehnt an die Autobiografie des berühmten Chirurgen, versuchte dagegen, den Arzt so darzustellen, dass er gar nicht erst in Verdacht geraten konnte, eine Führerperson zu sein. Sauerbruch wird als sozialer Aufsteiger charakterisiert, der aufwendig und luxuriös lebt, gleichzeitig aber auch mit den so genannten einfachen Menschen in Kontakt bleibt und der jeden duzt. Er wird als Selbstzweifler dargestellt.
Die Arztserien unterscheiden sich von den Filmen dadurch, dass sie in ihrer Erzählstruktur nicht zu komplex sein dürfen, da sie oft nebenbei angeschaut werden. Zu der dazu notwendigen Einfachheit gehört nicht nur der Rekurs auf altbekannte Geschichten, sondern ganz erheblich auch der Rückgriff auf etablierte Rollenmuster. Das ist der Hauptgrund dafür, warum die Charaktere in den Serien eher Stereotypen als individuelle Persönlichkeiten sind.
Maio hat die Entwicklungen dieser Stereotypen verfolgt: 1967 trat erstmals ein Arzt in einer für das westdeutsche Fernsehen produzierten Serie in Erscheinung: „Landarzt Dr. Brock“ mit Rudolf Prack in der Titelrolle. Der Protagonist tritt weder als medizinische Größe noch als moralische Instanz auf, sondern als der gute und verständige Mensch. In den 70er-Jahren erhielt das Arzt- und Krankenhausgenre neue Akzente. Die meisten Arztserien wurden mit der Absicht ins Programm genommen, „mit den verlogenen Arztfilmen Schluss zu machen“. In den 80er-Jahren schlug das Pendel jedoch bereits wieder um in Richtung Traumnähe. Symbol für diese Trendumkehr ist die „Schwarzwaldklinik“ (ZDF), die als Inbegriff des Genres gilt. Die Hauptfigur, Prof. Brinkmann, hat eine makellose Biografie, alle Probleme sind für ihn prinzipiell lösbar, erläuterte Schmidt. Der unfehlbare Arzt nimmt sich Zeit für jeden Patienten. Diese Serie war nicht nur Arzt- beziehungsweise Krankenhausserie, sondern gleichzeitig auch Heimatfilm. In den 90er-Jahren kommt erstmals der Arzttypus auf den Bildschirm, der selbst in persönliche Schwierigkeiten gerät und nicht frei von Schwächen ist.
Zur Verdeutlichung der Rollenstrukturen in den Arztserien führte Maio Zahlen an: Neun von zehn Serienärzten sind männlich, gut aussehend und erfolgreich. Nur vier Prozent der in den Serien auftauchenden Ärzte sind Negativfiguren. Zumeist treten Ärzte als Behandler eines einzelnen Patienten auf; in nur 14 Prozent der Serien kommt zum Ausdruck, dass der Arzt mehrere Patienten gleichzeitig behandelt. Genauso stereotyp wie die Ärzte sind auch die Patienten; nur acht Prozent der Serienpatienten gehören der so genannten Unterschicht an, und nur zwei Prozent der Patienten sind über 60 Jahre alt. Die zentrale Eigenschaft des Serienarztes ist das Einfühlungsvermögen. Viele Geschichten laufen nach dem Schema ab, dass der Arzt hinter der Krankheit des Patienten seelische Konflikte erkennt und diese durch ein Gespräch löst.
Frauen traten in den Krankenhausserien in erster Linie als Krankenschwestern in Erscheinung – in der Regel allerdings ohne handlungsleitende Funktion.
In den Fernsehserien von 1950 bis 1980 waren 43 Prozent der Krankenschwestern unter 35 Jahre alt, 82 Prozent waren allein stehend und 95 Prozent kinderlos. Es wird also das Bild der Krankenschwester konstruiert, die nur für ihren Beruf lebt und kein Familienleben kennt. Ein weiteres Charakteristikum der Schwesternrolle ist ihre fehlende professionelle Autonomie. Da gibt es einmal die junge Krankenschwester, die meist hübsch ist und sich in den Arzt verliebt. Die andere ist die ältere Krankenschwester, die eine stärkere Machtposition hat und gelegentlich auch als Beraterin des Arztes auftritt. Die Rollenverteilung ist aber eindeutig: Der Arzt ordnet an, die Schwester führt aus. Erst in den letzten Jahren wird die Schwester auch zur handlungsleitenden Figur, zum Beispiel Schwester Stephanie (SAT.1). Ihre Profession erhält jedoch keinerlei Aufwertung. Schwester Stepha-
nie ist zwar handlungsleitend, doch ihre wegweisenden Handlungen finden außerhalb des Pflegerischen statt. Gisela Klinkhammer


Sauerbruch wird in dem gleichnamigen Film als sozialer Aufsteiger charakterisiert.


Schwester Stephanie aus der SAT.1-Serie wird zur handlungsleitenden Figur, ohne dass ihr Beruf eine Aufwertung erfährt.
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