ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2001Grippeimpfstoffe : Hersteller modifizieren die Aufbereitung

VARIA: Wirtschaft - Aus Unternehmen

Grippeimpfstoffe : Hersteller modifizieren die Aufbereitung

Dtsch Arztebl 2001; 98(4): A-192 / B-164 / C-143

klk

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LNSLNS Die Herstellung von Grippe-Impfstoffen ist seit mehr als einem Vierteljahrhundert Routine. Jedes Jahr im Februar legen Experten der Welt­gesund­heits­organi­sation fest, aus welchen drei Impfstämmen die Vakzine des kommenden Winters zusammengesetzt sein soll. Anschließend kaufen die Hersteller Millionen von Hühnereiern, infizieren sie mit den Influenza-Viren, ernten nach einigen Tagen die Erreger und bereiten sie auf. 1997 wurden in den EU-Ländern auf diese Weise Impfstoffe für 48 Millionen Menschen hergestellt, was einer Impfrate von knapp 13 Prozent entspricht.
Inzwischen bereiten fast alle größeren Hersteller die Modifikation des Prozesses vor. In den nächsten Jahren werden neue Impfstoffe auf den Markt kommen, die sich in Herstellung, Aufbereitung, Adjuvanzien und Applikationsweise unterscheiden. Einige der Modifikationen könnten auch wichtig werden, falls tatsächlich ein neuer Grippe-Stamm eine weltweite Influenza-Epidemie auslösen sollte.
Schweiz:
Impfen mit Nasenspray
Deutschland und die Schweiz erleben diesen Winter bereits einen Vorgeschmack auf neue Impfstoffe: Fluad® von Chiron Behring beziehungsweise Addigrip® von Aventis Pasteur MSD. Hierbei handelt es sich um einen herkömmlichen Spaltimpfstoff, dem das Adjuvans MF 59 zugefügt wurde. Dieses Squalen-Detergenzien-Gemisch löst einen unspezifischen Reiz für das Immunsystem aus, der die Reaktionsbereitschaft gegen die Virusantigene erhöht. Nach Daten, die Chiron Behring während des Kongresses „Options for the Control of Influenza“ in Kreta vorstellte, erreicht der Impfstoff vor allem bei Patientengruppen eine bessere Immunisierung, bei denen herkömmliche Impfstoffe nicht optimal wirken, dazu gehören ältere Personen.
In Studien lagen Antikörperspiegel nach Impfung mit Fluad vergleichsweise höher und hielten sich länger auf hohem Niveau. Aussagekräftige Vergleiche der Effizienz – gemessen am Schutz gegen Grippe-Komplikationen – mit adjuvans-freien Vakzinen stehen allerdings noch aus. Fluad ist in Deutschland für ältere Menschen (über 65 Jahre) zugelassen, insbesondere für Risikopatienten, die stärker durch Grippe-Komplikationen gefährdet sind.
Die Kehrseite der gesteigerten Immunogenität könnte die Nebenwirkungsrate sein. Der Anteil leichter lokaler Reaktionen ist, verglichen mit herkömmlichen Spaltimpfstoffen, erhöht, meistens handelt es sich um leichte Schmerzen an der Injektionsstelle. Patientengruppen, bei denen die Effektivität herkömmlicher Impfstoffe ausreicht, kann man diese Nebenwirkung ersparen. Experten befürchten, dass anderenfalls die Bereitschaft leiden könnte, sich auch im nächsten Jahr impfen zu lassen.
In der Schweiz ist seit diesem Winter ein nasaler Impfstoff auf dem Markt: Nasalflu® von Berna wird als Spray in die Nase eingeblasen. Das Vakzin ist ein herkömmlicher Spaltimpfstoff, dem allerdings ein bakterielles Schleimhaut-Adjuvans zugefügt wurde. Dr. Reinhard Glück von Berna schilderte, dass der Impfstoff bei Erwachsenen und Kindern eine 85- bis 90-prozentige Immunisierungsrate erreichte. Aussagekräftige Vergleiche mit herkömmlichen Impfstoffen stehen noch aus. Die Zulassung für Deutschland ist beantragt.
Das aufwendigste Erprobungs-Programm eines nasalen Impfstoffs läuft derzeit in den USA. FluMist®, den das US-Unternehmen Aviron in Kooperation mit Wyeth Lederle erprobt, ist ein attenuierter Lebendimpfstoff: Die Viren können sich nach bisherigen Erkenntnissen nur im kälteren oberen Respirationstrakt vermehren, also keine systemische Infektion auslösen.
Lebendimpfstoffe erzeugen sowohl eine lokale Immunantwort in der Nase als auch eine systemische Reaktion. Nach bisherigen Studien ist die Impfwirkung bei seronegativen Personen gut, sie scheint jedoch – verglichen mit Totimpfstoffen – bei bereits seropositiven Personen etwas schlechter zu sein. Klarheit sollen Untersuchungen bringen, die in den USA laufen.
Für Russland sind Lebendimpfstoffe bereits „historisch“. Dort werden sie seit 1961 eingesetzt, seit 1987 auch trivalente Impfstoffe. Fast 100 Millionen Dosen seien verabreicht, berichtete L. G. Rudenko vom Institut für Experimentelle Medizin in St. Petersburg: Nach ihren Erfahrungen sind Immunisierungs- und Nebenwirkungsraten vergleichbar mit westlichen Spaltimpfstoffen.
Gleichzeitig laufen bei den meisten großen Herstellern die Vorbereitungen, die Produktion der Spaltimpfstoffe von bebrüteten Hühnereiern auf Zellkulturtechniken umzustellen. Verschiedene Firmen experimentieren mit Hundezellen, Solvay hat eine Zulassung eines solchen Zellkulturimpfstoffes für Europa bereits beantragt. Albert Osterhaus von der Erasmus-Universität in Rotterdam hält das für die wichtigste Neuerung: „Diese Umstellung wird eine wirkliche Verbesserung sein, weil es die Herstellung der Impfstoffe flexibler macht.“ Die bislang sechs Monate betragende Produktionszeit von der Festlegung der Impfstämme bis zur Auslieferung des Impfstoffes wird zwar nicht unbedingt verkürzt, aber die Firmen können die Produktionsmenge schneller variieren. Experten fordern allerdings, dass alle neuen Influenza-Impfstoffe Vergleichstests gegen die herkömmlichen Vakzine absolvieren müssen, um zu belegen, dass sie klinisch bedeutsame Vorteile haben oder zumindest gleichwertig sind. Bei der Wirksamkeit lassen konventionelle Impfstoffe durchaus Raum für Verbesserungen. Doch auch der Preis wird eine entscheidende Rolle spielen. Und da sind konventionelle Influenza-Impfstoffe nur schwer zu schlagen. klk


Modell Grippevirus
Abbildung: Glaxo Wellcome
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