ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2001Schulen in freier Trägerschaft: „Eine verhängnisvolle Formulierung“

VARIA: Bildung und Erziehung

Schulen in freier Trägerschaft: „Eine verhängnisvolle Formulierung“

Dtsch Arztebl 2001; 98(4): A-194 / B-164 / C-153

Bühring, Petra

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LNSLNS Private Schulen haben viele Vorteile gegenüber staatlichen Einrichtungen.
In Deutschland besuchen jedoch nur fünf Prozent der Kinder eine freie Schule. Die Vormachtstellung der Staatsschulen hat auch historische Gründe.


Rund 20 Prozent der Eltern würden ihr Kind gern – trotz Schulgeld – auf eine Schule in freier Trägerschaft schicken, ergaben Umfragen des Bundesverbandes Deutscher Privatschulen (VDP). Die Vorteile dieser meist als Privatschulen bezeichneten Einrichtungen sind vielfältig: Besondere Formen der Pädagogik zum Beispiel nach Maria Montessori oder Rudolf Steiner, Ganztagsschule mit Freizeitangeboten, Förderung von Sporttalenten und Hochbegabten, bilingualer Unterricht, vernetzte Klassen, engagierte Lehrer – die Liste lässt sich fortsetzen.
Am Ende der europäischen Skala
Nur fünf Prozent der Kinder in Deutschland besuchen eine der rund 2 300 allgemeinbildenden Schulen in freier Trägerschaft. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland am Ende der Skala freier Schulen. An der Spitze stehen die Niederlande, wo rund 70 Prozent der Kinder eine nicht staatliche Schule besuchen. In Spanien sind es 32 Prozent, in Frankreich 18 Prozent.
Um zu verstehen, warum es in Deutschland wenig freie Schulen gibt, ist ein Blick in die Geschichte hilfreich. Im 12. und 13. Jahrhundert kommen die ersten weltlichen Schulen auf. Daraus – sowie aus den Pfarrschulen – gehen im 16. Jahrhundert die städtischen Lateinschulen hervor. Mit dem Aufblühen der Städte und des Handels kommen am Ende des 14. Jahrhunderts die ersten Privatschulen auf. Die in Zünften organisierten Bürger entwickeln ein neues Selbstbewusstsein und eigene Anforderung an die Bildung: Die Bürgerkinder lernen lesen, schreiben und rechnen – das, was sie zur Berufsausübung brauchen. Diese – im Gegensatz zu den angesehenen Lateinschulen – als „deutsche Schulen“ bezeichneten Anstalten wurden auch „Winkelschulen“ genannt. Sie gelten heute als ein Vorläufer der Volksschule und befanden sich zu Beginn des Reformationszeitalters in jeder größeren Stadt. Diese negativ besetzten Begriffe haben ihr Pendant in der heutigen Zeit: In der Rechtssprache werden freie Schulen als Ersatzschulen beziehungsweise Ergänzungsschulen bezeichnet.
Revolutionär zur damaligen Zeit war, dass in den „deutschen Schulen“ auch Mädchen unterrichtet wurden. Die Schulpflicht für Mädchen führte Württemberg im Zuge der Reformation als erstes Land 1559 ein; in Preußen bezog sich die Schulpflicht bis zum Ende des 19. Jahrhunderts nur auf Jungen.
Preußen verbietet 1763 alle privaten Winkelschulen, gestattet es wohlhabenden Eltern jedoch, „Privatinformatores“ zu beschäftigen. Der Einfluss der Kirche auf das Schulwesen geht ebenfalls zurück. Im Allgemeinen Landrecht von 1794 findet sich folgender Satz: „Schulen und Universitäten sind Veranstaltungen des Staates, welche den Unterricht der Jugend in nützlichen Kenntnissen und Wissenschaften zur Absicht haben.“ – „Eine verhängnisvolle Formulierung“, findet Joachim Böttcher, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Freier Schulen, denn damit wurden Privatschulen zu einem genehmigungspflichtigen Sonderfall gemacht. Die Auswirkungen seien heute noch spürbar: Obwohl im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland die Privatschulfreiheit verankert wurde, „tun sich die Länder schwer, freie Schulen zu akzeptieren, und berufen sich auf die staatliche Vormachtstellung“.
Andere Länder – damals wie heute herrschte Kulturföderalismus – gingen mit der freien Bildung nicht so radikal um wie das protestantische und absolutistische Preußen. Vor allem in katholischen Gegenden behalten kirchliche und private Schulen Einfluss. So gibt es gegen Ende des
19. Jahrhunderts rund 1 400 Privatschulen im Deutschen Reich. Die meisten davon sind reine Mädchen-Anstalten – Mädchen gelten dem Staat nicht als rentable Investition.
Reformpädagogik bringt neue Ansätze
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bringen Reformpädagogen völlig neue Ideen in den Schulbetrieb: Maria Montessori, Herrmann Lietz und Rudolf Steiner. Die Lietzschen Landerziehungsheime setzen die Körperbildung und musische Erziehung gleichberechtigt neben die wissenschaftlichen Disziplinen; koedukative Lebensgemeinschaften und Schülermitverantwortung sind weitere Neuheiten. Die Waldorfschulen schaffen die Jahrgangsklassen und das Zensurensystem ab.
Die Weltwirtschaftskrise lässt viele Privatschulen aufgeben. Die überlebenden Schulen kommen mit dem Nationalsozialismus in Konflikt. Die Reformpädagogik ist den Interessen der Nazis zuwider – die Schulen schließen. Die Aufbauphase der Bundesrepublik löst eine Gründungswelle bei den Privatschulen aus. Viele Pädagogen, die dem staatlichen Erziehungsauftrag nicht mehr trauen, gründen eigene Schulen. Die Alliierten unterstützten diese Bestrebungen.
Heute besuchen sechs Prozent der westdeutschen Kinder eine Schule in freier Trägerschaft und zwei Prozent in den neuen Bundesländern. Die Gründungswelle in Ostdeutschland setzte erst nach der Wiedervereinigung ein. In der DDR gab es nur staatliche Schulen.
Rund 20 Prozent der Eltern würden die Vorteile freier Schulen für ihr Kind nutzen wollen; wenn kein Schulgeld zu zahlen wäre, sogar 30 Prozent. Was fehlt, sind die Kapazitäten. Das Problem liegt in der schwierigen Finanzierungssituation für die freien Träger. Im Grundgesetz ist die Privatschulfreiheit und das Recht auf freie Schulwahl verankert. Doch der Staat behandle freie Schulen nicht gleichberechtigt, klagt Christian Lucas, Bundesgeschäftsführer des VDP: „Wenn Gelder im Bildungsbereich knapp sind, kürzen die Länder bei den privaten Schulen.“ Staatlich anerkannte freie Schulen (Ersatzschulen) finanzieren sich, mit Ausnahme von Nordrhein-Westfalen, aus einem Landeszuschuss und Schulgeld. Die Bundesländer zahlen – nach circa drei Jahren Wartezeit auf eigene Kosten – etwa zwei Drittel der laufenden Kosten, die sie für vergleichbare staatliche Schüler ausgeben. Das Schulgeld darf in der Höhe das gesetztlich verankerte Sonderungsgebot nicht verletzen, also nicht höher als 120 DM im Monat sein. Diese Kalkulation bezieht sich nur auf Vormittagsangebote. Ganztagsbetreuung müssen Eltern grundsätzlich selbst bezahlen. Privatschulen sind daher gezwungen, zusätzlich zu finanzieren, über Fördervereine und – freiwillige – Spenden der Eltern. Das wiederum verletze das Sonderungsgebot, mahnt der VDP.
Privatschulen können flexibler reagieren
Viele Eltern zahlen zwischen 400 und 800 DM im Monat, damit ihr Kind eine freie Schule besuchen kann. Staatliche Schulen sind dagegen kostenlos. Die Gründe für das finanzielle Engagement liegen in der flexibleren Struktur: Private Schulen können auf die Bedürfnisse von Eltern, zum Beispiel nach Ganztagsbetreuung, reagieren. Computer im Klassenzimmer und entsprechend ausgebildete Lehrer sind an privaten Schulen längst selbstverständlich. Die Lehrer sind motiviert und müssen sich ständig weiterbilden. In vielen Punkten können private Schulen den staatlichen daher sicherlich als Vorbild dienen. Petra Bühring


Im Jahr 1887 wurde die Internatsschule Pädagogium
Baden-Baden gegründet.


Weitere Informationen:
- www.privatschulen.de
- Handbuch Freie Schulen. Arbeitsgemeinschaft Freier Schulen (Hrsg.)
Rowohlt-Verlag, 1999.
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