ArchivDeutsches Ärzteblatt36/1996„Bestenliste„ der Medizinforscher: „Unter dem Schutz der Wissenschaftsfreiheit„

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„Bestenliste„ der Medizinforscher: „Unter dem Schutz der Wissenschaftsfreiheit„

Glöser, Sabine

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LNSLNS Als im vergangenen Jahr das Buch "Die führenden Medizinforscher" erschien, gab es Protest der bayerischen Lan­des­ärz­te­kam­mer. Der Autor, Dr. phil. Siegfried Lehrl von der Universität Erlangen-Nürnberg, habe mit seinem "Who’s who der deutschen Medizin" gegen die ärztliche Berufsordnung verstoßen, hieß es. Die Kammer bat das Kultusministerium zu beurteilen, ob gegen den Beamten Lehrl ein Disziplinarverfahren eingeleitet werden könne. Das Ministerium bezog nun Stellung: "Es liegt kein dienstrechtlicher Verstoß vor."


Rund 70 000 Wissenschaftler arbeiten in der deutschen Medizinforschung. Mehr als die Hälfte der Forschungsleistung wird jedoch von nur 1 350 Wissenschaftlern, also knapp zwei Prozent, erbracht. Zu diesem Ergebnis kommt der Psychologe Dr. phil. Siegfried Lehrl von der Universität Erlangen-Nürnberg in seinem Buch "Die führenden Medizinforscher – Who’s who der deutschen Medizin". Das mehr als 700 Seiten umfassende Werk, das Lehrl herausgab, ist das Ergebnis einer langjährigen Forschungsarbeit der Abteilung für Medizinische Psychologie und Psychopathometrie: In alphabetischer Reihenfolge werden die leistungsstärksten Medizinforscher mit Angaben zu beruflichem Werdegang und wissenschaftlichen Arbeiten aufgelistet.


Kritische Stimmen aus Bayern
Auf scharfe Kritik stieß das Buch bei der bayerischen Lan­des­ärz­te­kam­mer. Unmittelbar nach der Veröffentlichung des Buches erhob sie den Vorwurf, Lehrl habe gegen die ärztliche Berufsordnung verstoßen und Werbung betrieben. Das Kultusministerium sollte daraufhin überprüfen, ob gegen den Beamten Lehrl ein disziplinarrechtliches Verfahren eingeleitet werden könne. Im Juni dieses Jahres fiel die Entscheidung. "Wir sahen keine Veranlassung für ein dienstrechtliches Einschreiten", erklärte eine Sprecherin des Ministeriums. Das Buch sei eine Forschungsarbeit, die unter dem Schutz der Wissenschaftsfreiheit stehe. Zudem habe Lehrl nicht gegen Berufsrecht verstoßen, da sich seine Forschungsarbeit auf die Qualität der medizinischen Forscher beziehe und nicht auf die Fähigkeiten einzelner Ärzte in der Heilbehandlung. Ähnliche Vorwürfe hatte die bayerische Lan­des­ärz­te­kam­mer schon einmal im Jahr 1993 gegen den Burda-Verlag erhoben. Damals geriet das Nachrichtenmagazin Focus mit seiner Serie "Die 500 besten Ärzte Deutschlands" ins Kreuzfeuer der Kritik. Nach zweifelhaften Kriterienwurde aufgelistet, welche Ärzte besonders erfolgreich behandeln (siehe Heft 9/1993 unter "Aktuelle Politik").
Im Gegensatz dazu bekräftigt Lehrl, daß "Die führenden Medizinforscher" anhand wissenschaftlicher Methoden ermittelt worden seien. Er erklärt im Anfangskapitel des Buches, die Beurteilung basiere auf der von ihm und Dr. med. Elmar Gräßel entwickelten Zitierrate "Science Impact Index", kurz SII (siehe auch DÄ, Heft 21/1993 unter "Themen der Zeit"). Sie sei ein objektiver, manipulationssicherer und valider Indikator der forscherischen Qualität von Wissenschaftlern, erklärt der Psychologe. Er räumt jedoch ein, daß das zugrundeliegende Meßverfahren eine Orientierungsgröße bleibe, die die Berücksichtigung individueller Gegebenheiten nicht ganz überflüssig mache. Der SII-Wert, der jedem Forscher zugeordnet wurde, entspricht der Anzahl von Wissenschaftlern, die diesen Forscher im Jahr 1992 zitiert haben. Mehrfachzitate wurden dabei nur einfach, Selbstzitate mit dem Wert 0,5 berücksichtigt. Als Grundlage dienten die Zitierungen in mehr als 639 000 wissenschaftlichen Beiträgen, die im Jahr 1992 in einem der knapp 30 000 Hefte von 3 241 Fachzeitschriften erschienen waren. Die meisten Namen des "nicht genau definierbaren" Kollektivs, aus dem die Wissenschaftler ausgewählt wurden, stammen aus öffentlich zugänglichen Werken. Darunter befanden sich nicht nur Ärzte, sondern auch Wissenschaftler aus naturwissenschaftlichen Fachgebieten, die an medizinischen Problemen forschen. Um sich unter den "führenden Medizinforschern" zu plazieren, mußte man für das Jahr 1992 genauso hohe SII-Werte erreichen wie die führenden 10 Prozent der habilitierten Wissenschaftler der gleichen medizinischen Disziplin in Deutschland.


Steigerung der Forschungseffizienz
"Das Buch soll transparent machen, wer die Leistungsträger in der deutschen Medizinforschung sind", erläutert Lehrl. Daß die öffentliche Präsentation einer "Bestenauswahl" durchaus delikat ist, sei ihm bewußt. Der erhoffte Nutzen, die Forschungseffizienz in der deutschen Medizin zu steigern, sei jedoch von größerer Bedeutung. "Bei der Vergabe von Forschungsgeldern dürften Wissenschaftspolitiker besser daran tun, sich aus diesem Buch Ratschläge über die Einschätzung der Leistung von Forschern zu holen, statt einen oder wenige willkürlich herausgegriffene Wissenschaftler zu Rate zu ziehen." Denn die Auswahl beruhe auf Daten, die weitgehend frei von Protektionen und Rivalitäten seien und deren Entstehung nachvollziehbar sei.
Im nächsten Jahr werde wahrscheinlich eine aktualisierte Ausgabe des Werkes erscheinen, teilte der VlessVerlag mit, in dem das Buch erschienen ist. Die Entscheidung des Kultusministeriums begrüßte der Verlag: "Das Projekt Transparenz in der Medizinforschung kann weitergeführt werden, nicht zuletzt im Interesse der Forscher selbst." Dr. Sabine Glöser

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