ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2001Arzneimittelspenden: Guter Wille genügt nicht

POLITIK

Arzneimittelspenden: Guter Wille genügt nicht

Dtsch Arztebl 2001; 98(5): A-224 / B-178 / C-179

Korzilius, Heike

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LNSLNS Der German Pharma Health Fund, eine Initiative deutscher Pharmahersteller, will gemeinsam mit Hilfsorganisationen Koordination und Qualität von Medikamentenspenden verbessern.

Man muss erst einmal nachdenken, bevor man einen Container belädt“, sagte Albert Petersen vom Deutschen Institut für Ärztliche Mission. Arzneimittelspenden haben sich in der Vergangenheit nicht immer als Glücksfall für die Empfänger erwiesen. Als Negativbeispiel kann die Spendenpraxis während des Bosnien-Krieges dienen: Nach einer Studie der Europäischen Agentur für Entwicklung und Gesundheit, die die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen in Auftrag gegeben hatte, waren mehr als die Hälfte aller zwischen 1992 und 1996 nach Bosnien gelieferten Medikamente nicht geeignet. Das heißt, sie entsprachen wie Lepra- oder Malariapräparate nicht den medizinischen Anforderungen vor Ort, oder es handelte sich um angebrochene Packungen ohne Etikett, die kaum noch auseinandersortiert werden konnten. Zum Teil entsorgten die Spender auf diese Weise auch „elegant“ ihren Arzneimittelmüll. „Beträge in Millionenhöhe mussten für die Vernichtung ausgegeben werden“, kritisierte Hans-Heinrich Schäfer vom Deutschen Roten Kreuz. „Dabei kann gerade in der humanitären Hilfe die Zusammenarbeit der Pharmaindustrie mit Hilfsorganisationen Wertvolles leisten.“
Vor diesem Hintergrund bietet jetzt der German Pharma Health Fund (GPHF), eine Initiative der forschenden Arzneimittelhersteller, die Koordination von Arzneimittelspenden an. Das Konzept stellte die Organisation am vergangenen Mittwoch in Bonn vor. Ziel ist es, im Fall von akuten Notsituationen wie Naturkatastrophen oder Kriegen den Kontakt zwischen Hilfsorganisationen, Ministerien und Arzneimittelherstellern zu vermitteln. Dazu Dr. Carola Fink-Anthe von GPHF: „Die Hilfsorganisationen wissen oft nicht, bei welchen Herstellern sie welche Medikamente beziehen können, und die Firmen erhalten häufig sehr unspezifische Spendenanfragen. Hier wollen wir als Mittler tätig werden.“ Als sinnvoll habe sich dieser Ansatz bereits im Kosovo-Krieg und bei der Nothilfe für die Erdbeben-Opfer in der Türkei erwiesen. „Damals haben wir Bedarfslisten vom Bundesministerium für Gesundheit erhalten und an die betreffenden Firmen weitergeleitet. Wir konnten so schnell und unbürokratisch helfen.“
Fink-Anthe betonte jedoch, dass sich die Mittlerfunktion des GPHF auf Notsituationen beschränkt. Die Vermittlung von Arzneimittelspenden im Rahmen langfristiger Entwicklungshilfeprojekte sprenge die Kapazitäten der Organisation. Weitere Bedingung des Hilfsfonds ist, dass die Hilfsorganisationen den Transport und eine sachgerechte Anwendung der Präparate im Empfängerland gewährleisten.
Gemeinsam mit dem Deutschen Roten Kreuz, dem Deutschen Institut für Ärztliche Mission und dem Deutschen Medikamenten-Hilfswerk action medeor hat der GPHF eine Erklärung „Gute Arzneimittelspendenpraxis in Deutschland“ erarbeitet. Dass solche Spendenleitlinien nötig sind, ist für Albert Petersen keine Frage: „Die Krankheiten, an denen die Menschen leiden, unterscheiden sich von Kontinent zu Kontinent. Entsprechend unterschiedlich sind die Arzneimittelsortimente.“ Die neuesten Innovationen seien in der so genannten Dritten Welt kaum bekannt, ebenso wenig der Umgang mit solchen Präparaten. Dazu komme, dass Nebenwirkungen kaum behandelbar seien. Deshalb sei es wenig sinnvoll, beispielsweise Zytostatika an einen Gesundheitsposten im ländlichen Afrika zu spenden. Gefährlich seien – meist gut gemeinte – Arzneimittelspenden auch dann, wenn Begleittexte nicht verfügbar oder in einer unverständlichen Sprache verfasst seien. „Die Industrie spendet sehr viel, das meiste davon bedarfsgerecht“, betonte Petersen. Er begrüße es sehr, dass der GPHF die „Gemeinsame Erklärung“ unterzeichnet habe.
Die Unterzeichner verpflichten sich unter anderem, die Leitlinien der Welt­gesund­heits­organi­sation zu befolgen. Danach sollten nur Medikamente gespendet werden, die in der WHO-Liste der notwendigen Arzneimittel verzeichnet sind. Spenden müssen bedarfsgerecht und mindestens ein Jahr haltbar sein, den gebräuchlichen Darreichungsformen und Stärken der Empfängerländer entsprechen und einen verständlichen Begleittext enthalten.
Dabei will man es aber nicht bewenden lassen. Bernd Pastors von action medeor sieht das Projekt in einem größeren Kontext: „Der Dialog geht weiter.“ Das Problem des Zugangs zu unentbehrlichen Arzneimitteln für Menschen in den ärmeren Ländern brennt vor allem den Hilfsorganisationen auf den Nägeln. Ärzte ohne Grenzen hat dazu vor gut einem Jahr eine Kampagne gestartet (siehe DÄ 3/2001).
Heike Korzilius

Weitere Informationen sowie Formulare für Spendenanfragen und -angebote können in der GPHF-Geschäftsstelle, Postfach 15 01 23, 60061 Frankfurt/Main oder im Internet unter www.gphf.org abgerufen werden.


Arzneimittelspenden sind in Katastrophenfällen häufig unverzichtbar.
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