ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2001Obdachlose in Budapest: Schattenreich an der Donau

THEMEN DER ZEIT

Obdachlose in Budapest: Schattenreich an der Donau

Dtsch Arztebl 2001; 98(5): A-237 / B-189 / C-177

Jelenik, Armin

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LNSLNS Budapest ist Europas Hauptstadt der Obdachlosen, in der es ein
eigenes Krankenhaus für Menschen von der Straße gibt.


Zwischen den zerbrochenen Fensterscheiben, dem Dreck auf dem Boden und den kalten, mit Graffiti beschmierten Kacheln mutet die Handbewegung von Erzsebet Erdelyi beinahe zärtlich an: Vorsichtig schiebt die Sozialarbeiterin ein sorgfältig eingewickeltes Brötchen neben den Kopf eines Obdachlosen, der auf einer Bank im Warteraum eines Budapester Vorortbahnhofs seinen Rausch ausschläft. Das Budapest der Reichen und Touristen, der Glanz der barocken K-und-K-Metropole, ist hier mehr als nur ein paar Stadtteile entfernt.
Einmal wöchentlich macht sich Erdelyi auf den Weg, um die zu betreuen, die beim Wettlauf Ungarns in die Europäische Union auf der Strecke geblieben sind. Zu den bis zu 30 000 Obdachlosen, die nach offiziellen Zählungen allein in der Hauptstadt leben, kommen nach Meinung von Experten 30 000 hinzu, die der Staat lieber verschweigt. Im ganzen Land mit seinen zehn Millionen Einwohnern sind es rund 100 000. Weitere 500 000 bis 600 000 Menschen haben einen Platz in einer Notunterkunft gefunden. Zum Vergleich: Im achtmal größeren Deutschland geht man von „nur“ 550 000 Obdachlosen aus.
Eine Reisetasche, einen Plastiksack mit gebrauchter Kleidung und eine Taschenlampe, mehr braucht Erdelyi nicht, um sich auf die Reise in „Europas Hauptstadt der Obdachlosen“ zu machen. Mit sicheren Schritten sucht sie sich ihren Weg im Dunkeln durch das Dickicht im ungenutzten Teil eines Friedhofs. Wenig später taucht eine abenteuerlich zusammengezimmerte Hütte aus Plastikplanen und Brettern auf.
Aus der „Küche“ von Istvan und Shandor – ein alter Badeofen mit einem langen Rohr vor der Hütte – steigt der beißende Qualm verbrannten Mülls auf, und Erdelyi holt aus ihren Taschen Mandarinen, Brötchen, warme Milch und einen Wintermantel für die beiden jungen Obdachlosen. „Wenn wir keine Schwarzarbeit haben, durchwühlen wir den Müll“, erzählt Istvan (26) von seinem Kampf ums Überleben. Umgerechnet 20 bis 30 DM bringe ein alter Wasserboiler beim Alteisenhändler – in einer Stadt, in der die meisten Menschen mit etwa 250 DM im Monat zurechtkommen müssen, eine hübsche Summe.
Geregelte Arbeit? Eine eigene Wohnung? Klar, davon träumen auch die beiden Friedhofs-Untermieter, aber Istvan, der als Waisenkind nach seinem 18. Geburtstag auf die Straße gesetzt wurde, hat nichts gelernt, und Shandor (30) kann sich nach seiner Scheidung keine Wohnung mehr leisten. Dr. Tibor Ivanyi kennt die verschiedenen Spiralen, die immer tiefer in die Armut führen. Denn wer in Budapest ganz unten angekommen ist, kommt zu ihm.
Etwa 20 000 Menschen von der Straße hat der 43-jährige Arzt, der das kleine, private Obdachlosen-Krankenhaus des Vereins „Oltalom“ leitet, in den vergangenen zehn Jahren medizinisch versorgt. Würde der schwarze Bart nicht den größten Teil seines Gesichts verdecken, könnte man sehen, dass die Arbeit auch bei ihm Spuren hinterlassen hat. „Der Himmel ist für mich dunkler als für andere Menschen“, sagt Ivanyi, der sich intensiv mit den Hintergründen für die massenhafte Obdachlosigkeit in seiner Stadt beschäftigt hat.
Die Metropole habe schon immer wie ein Magnet auf die verarmte Landbevölkerung gewirkt, denn „die Müllhalden sind hier reicher als anderswo“. In den vergangenen Jahren seien die Elendsflüchtlinge aus den Nachbarstaaten Ukraine, Rumänien und dem früheren Jugoslawien hinzugekommen. Dabei habe die Stadt genug mit ihren hausgemachten Problemen zu tun: Zehntausende stehen nach der Privatisierung der riesigen Staatsbetriebe ohne Arbeit da und bekommen höchstens ein halbes Jahr staatliche Unterstützung; Geschiedene, die ihre Wohnung verlassen müssen, haben bei Untermieten, die oft einen Monatslohn betragen, keine Chance, eine neue Bleibe zu finden; Obdachlose, die krank werden, werden nur selten angemessen behandelt.
„Die erste Frage bei der Aufnahme im Krankenhaus ist: ,Wo wohnst du?‘, die zweite: ,Wie lautet deine Sozialversicherungsnummer?‘“, ärgert sich Ivanyi über seine Kollegen in den staatlichen Krankenhäusern, denen häufig die Erstattung der Kosten durch die Krankenkassen wichtiger sei als die Hilfe in der Not. Da Obdachlose auf beide Fragen keine Antwort haben, würde ihnen eine Behandlung nur zu oft verweigert. Zornig zieht der Arzt eine Mappe hervor, in denen er die haarsträubendsten Fälle dokumentiert hat: zum Beispiel die des Obdachlosen, der von einem Auto angefahren wurde und dem dann in einer Klinik beide Beine amputiert werden mussten. Fünf Tage später sei er mit dem Vermerk „nach Hause entlassen“ wieder auf die Straße gesetzt worden. Oder der Mann mit Gehirntumor, der bis auf das Skelett abgemagert aus der Uniklinik entlassen und im 30-Betten-Haus von Ivanyi notdürftig wieder hochgepäppelt worden sei.
Menschen, für die die kleine Einrichtung oft die letzte Rettung ist. Versorgt werden sie weder von einem „Halbgott in Weiß“ noch dem Messias der Armen. „Nein“, meint Dr. Ivanyi, „ich liebe diese Menschen nicht.“ Aber der Respekt vor ihrer Würde ist spürbar, wenn er von Bett zu Bett geht oder mit seinen Patienten eine Zigarette im Hof raucht.
Staat und Krankenkassen gingen zwar davon aus, dass die Klinik nur eine Pflegestation sei, erklärt der Arzt, doch die Patienten würden trotzdem rund um die Uhr von drei hauptamtlichen und zahlreichen ehrenamtlichen Ärzten betreut. Rund 30 Prozent der Arbeit, zu der auch eine Armenspeisung und eine Notschlafstelle mit 150 Plätzen gehören, finanziert der Verein aus Spenden. In der Klinik ist alles zu finden, was die Straße an typischen Krankheiten hervorbringt: Erfrierungen, Alkoholdelirien, Diabetes, Amputationen und dermatologische Fälle. Die Obdachlosen leiden vor allem an nicht verheilenden Wunden an den Beinen, in die sich in krassen Fällen Würmer und Maden setzen. Damit es nicht so weit kommt, hat Dr. Gula Kiss in der Ambulanz der Klinik heute schon den 20. Patienten behandelt: Salben auflegen, Verbände wechseln, Medikamente verschreiben – der pensionierte Chefarzt einer dermatologischen Abteilung ist wie viele seiner Kollegen mit Begeisterung dabei, wenn Ivanyi um Hilfe bittet.
Meist einmal wöchentlich sind die verschiedenen Fachdisziplinen im Haus und behandeln die Obdachlosen ambulant und kostenfrei. „Vielleicht“, meint der Chef der Klinik, „hängt dieses Engagement mit dem Bewusstsein zusammen, dass auch wir ganz schnell obdachlos werden können.“ Wie bei vielen Akademikern im früheren Ostblock sind die Gehälter, die im staatlichen Gesundheitswesen Ungarns an Ärzte gezahlt werden, alles andere als gewaltig.
Etwa 370 DM im Monat verdiene ein Berufsanfänger, berichtet Ivanyi. Bei Preisen, die zumindest in Budapest nicht mehr weit von westeuropäischen Dimensionen entfernt sind, reiche ein Gehalt kaum aus, um eine Familie zu ernähren. Natürlich weiß auch der Obdachlosen-Arzt, dass viele Kollegen von Patienten, die eine bessere Behandlung wünschen, gerne kleine und größere Aufmerksamkeiten annehmen. Korruption sei in vielen Kliniken an der Tagesordnung.
„Das ist in meinem Haus nicht anders“, erzählt Ivanyi grinsend, „in den vergangenen acht Jahren habe ich von meinen Patienten drei Ta-
feln Schokolade, zehn Eier und zwei Salzstangen bekommen.“ Anderswo könnte der Anästhesist wahrscheinlich besser verdienen, doch diesen Gedanken schiebt er von sich: „Solange es noch Menschen gibt, die ihre Rechte nicht bekommen, habe ich hier noch zu tun.“
Eine angemessene medizinische Versorgung von Obdachlosen ist für ihn eine Frage der Menschenrechte. Man dürfe die Würde der Schwächsten nicht dem politischen Ziel opfern, möglichst schnell in die EU aufgenommen zu werden. Die fortschreitende Demontage des Sozialsystems ist dem Arzt suspekt geworden, weil er Tag für Tag sieht, wie viele Menschen dabei zurückbleiben. Zum Beispiel die alte Frau, die er bei einem nächtlichen Rundgang mit Erzsebet Erdelyi in einem Waldstück auflas. Drei Tage später sei sie völlig entkräftet in seiner Klinik gestorben – „wenigstens in einem Bett und nicht auf der Müllkippe“. Armin Jelenik


Die Johanniter wollen sich in diesem Jahr verstärkt um Obdachlose in Ungarn kümmern. Spenden werden auf das Konto 80 44 44 bei der
Raiffeisenbank Lauf, BLZ 760 610 25, Stichwort „Ungarn“, erbeten.


Auf dem Weg durch Europas Hauptstadt der Obdachlosen: Erzsebet Erdelyi versorgt einen Wohnungslosen in einem Budapester Vorortbahnhof.


Immer das gleiche Problem:
Die meisten Obdachlosen klagen über offene Beine, die in der
Ambulanz von „Oltalom“ behandelt werden.
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