ArchivDeutsches Ärzteblatt36/1996Bolivien – Alternativen in der Präventivmedizin: Ärzte unterrichten Soldaten

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Bolivien – Alternativen in der Präventivmedizin: Ärzte unterrichten Soldaten

Dtsch Arztebl 1996; 93(36): A-2201 / B-1742 / C-1573

Heath, Alexandra

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LNSLNS Eine unzureichende Infrastruktur behindert die Gesundheitsversorgung in vielen schwer zugänglichen Gebieten Boliviens. Das südamerikanische Land weist eine der höchsten Kinder- und Müttersterblichkeitsraten der Region auf. Die bolivianische Ärztin Dr. med. Alexandra Heath – zur Zeit Stipendiatin an der Universitätskinderklinik Bonn – schildert ihre Erfahrungen mit einem alternativen Projekt, das die Regierung zur Verbesserung der medizinischen Versorgung ins Leben gerufen hat: Ärzte bereiten Soldaten auf medizinische Einsätze vor.


Der Gesundheitsindex Boliviens ist alarmierend schlecht. Das Land verzeichnet die zweithöchste Rate bei der Kinder- und Müttersterblichkeit in Lateinamerika. Von 1 000 Kindern sterben 142, bevor sie das fünfte Lebensjahr erreichen. 44 von 10 000 Frauen sterben an Komplikationen während der Schwangerschaft, die zum Teil mit besserem medizinischem Grundwissen vermeidbar gewesen wären.
Mitverantwortlich für die problematische gesundheitliche Situation in Bolivien ist die schlechte Infrastruktur. Das Land ist flächenmäßig viermal größer als Deutschland, hat aber nur rund sechs Millionen Einwohner. Mehr als 80 Prozent von ihnen sind indianischer Abstammung, meist Aymara oder Quetchua. Viele Straßen sind in schlechtem Zustand, und die Kommunikationsmöglich-keiten zwischen den weitverstreuten Dörfern sind eingeschränkt. Die Straßen im bolivianischen Amazonasgebiet sind beispielsweise nur in der Trockenzeit befahrbar. Das Hochland kann man generell erst nach mehrstündiger Fahrt durch die Anden erreichen.
Ein wichtiges gesundheitspolitisches Ziel muß es angesichts der schwierigen Verhältnisse sein, der Bevölkerung medizinisches Grundwissen und Basiskenntnisse in der Hygiene zu vermitteln. Die bolivianische Regierung hat nun eine neue Strategie entwickelt, die das Militär vor allem wegen seiner Reichweite in die medizinische Grundversorgung einbeziehen soll. Zwar ist die Erinnerung an das Vorgehen der Militärs während der Diktatur noch nicht völlig ausgelöscht, aber nach elf Jahren unter einer demokratisch gewählten Regierung scheint sich die Situation zu stabilisieren.
Der Regierungsplan zum "Jahrzehnt der Gesundheit" ("Centinela de la Salud") nahm 1991 Gestalt an, als eine Gruppe von engagierten Ärzten unter der Leitung einer Kinderärztin damit begann, durch das Land zu reisen und die beinahe 4 000 Offiziere zu unterrichten. Mittlerweile ist die Vermittlung medizinischer Grundkenntnisse offizieller Bestandteil des Militärdienstjahres. Dabei kann das Gesundheitswesen auf rund 40 000 junge Männer aus ganz Bolivien zurückgreifen.
Es brauchte besondere pädagogische Strategien, um die zum Teil analphabetischen Soldaten zu unterrichten. Die Ärzte fertigten eine Art bildliche Übersetzung der medizinischen Zusammenhänge auf großen Plakaten an. Die Wirkung einer Schutzimpfung beispielsweise wird in die Sprache der Soldaten übersetzt und auf einfachste Weise erklärt: Die Leukozyten sind die Beschützer des Körpers und die Impfungen sind das Training zur Verteidigung des Körpers. Auf diese Weise scheint es zu gelingen, die jungen Soldaten in die Gesundheitsvorsorge Boliviens einzubinden.
Der Plan wird fortgeführt, und die Armee hat gezeigt, daß sie eine wichtige Rolle in der Entwicklungspolitik übernehmen kann.


Anschrift der Verfasserin:
Dr. med. Alexandra Heath
Verdistraße 1
53115 Bonn

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