ArchivDeutsches Ärzteblatt36/1996Stellenanzeigen für Chefärzte: Mehr Managementkompetenz gefragt

THEMEN DER ZEIT: Aufsätze

Stellenanzeigen für Chefärzte: Mehr Managementkompetenz gefragt

Braun, E.; Egner, Dirk

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Das Gesundheitsstrukturgesetz 1993 (GSG) und die Bundespflegesatzverordnung 1995 (BPflV) werden die Rolle des leitenden Arztes im Krankenhaus verändern. Er wird in Zukunft neben medizinischen Kenntnissen und Erfahrungen auch betriebswirtschaftliche Überlegungen mit einbeziehen müssen. Daraus ergibt sich für leitende Ärzte im Krankenhaus eine neue Rolle als "Medizin-Manager" auf Abteilungsebene. Zusätzlich zur medizinischen Verantwortung sind insbesondere eine Budgetverantwortung sowie eine Kosten- und Erlösverantwortung zu berücksichtigen.


Der Beitrag will prüfen, ob in Stellenanzeigen für leitende Krankenhausärzte die "neue ökonomische Verantwortung" nach GSG und BPflV zu erkennen ist und ob Tendenzen in Richtung einer betriebswirtschaftlichen Orientierung sichtbar werden. Dazu wurde eine Untersuchung von Stellenanzeigen für leitende Ärzte durchgeführt und analysiert, wie oft und in welcher Ausprägung ökonomisch-relevante Anforderungen enthalten sind.


Kosten- und Erlösverantwortung
Ziel der Budgetierung der einzelnen Abteilungen des Krankenhauses ist es, die wirtschaftliche Betriebsführung eines Krankenhauses durch Einbeziehung aller Budgetverantwortlichen inklusive der medizinischen Abteilungen zu unterstützen. Aufzustellen sind die geplanten Kosten einer medizinischen Abteilung in einem Kostenbudget und die zu erwartenden Erlöse, differenziert nach Leistungsarten, in einem Erlösbudget in engem Wechselspiel zwischen Verwaltung und leitendem Arzt. Nach "interner" Verabschiedung der Kosten- und Erlösbudgets zeichnet der leitende Arzt während des laufenden Jahres für die Einhaltung der Budgets gegenüber der Verwaltung verantwortlich. Dazu muß er die Einhaltung der Budgets überwachen und gegebenenfalls steuernd eingreifen. Der budgetverantwortliche Arzt benötigt hierzu laufende Soll-IstVergleiche der Kosten und Erlöse sowie weitere entscheidungsrelevante Informationen aus der Verwaltung.
Der leitende Arzt im Krankenhaus hat, abgeleitet aus dem allgemeinen Wirtschaftlichkeitsgebot, ein umfassendes Kosten- und Wirtschaftlichkeitsbewußtsein zu entwickeln, indem er sich gezielt mit der Verursachung von Kosten durch die von ihm zu treffenden medizinischen Entscheidungen auseinandersetzt. In der Konsequenz geht es zum Beispiel im Bereich der Diagnostik um die Vermeidung von Doppeluntersuchungen.
Unter Erlösverantwortung ist gemeint, den leitenden Arzt in die Erlösplanung und -steuerung mit einzubinden. Nur der leitende Arzt verfügt über die notwendigen medizinischen Kenntnisse, in Zusammenarbeit mit der Verwaltung die Leistungsmengen differenziert nach der Vergütungsform zu planen. Im laufenden Vollzug geht es darum, mit der Diagnose und der Wahl eines geeigneten Therapieverfahrens die geplanten Leistungen umzusetzen und damit die Erlöse zu erwirtschaften.


Analyse der Stellenanzeigen
2 688 Stellenanzeigen für leitende Ärzte im Krankenhaus der Jahrgänge 1993 bis einschließlich 1995 der wöchentlich erscheinenden Fachzeitschrift Deutsches Ärzteblatt wurden auf betriebswirtschaftliche Orientierung hin analysiert. Dabei wurden nur Stellenanzeigen für Chef- und Oberärzte von Akut- beziehungsweise Allgemein-Krankenhäusern unterschiedlicher Versorgungsstufen ausgewertet. Nicht berücksichtigt wurden weitere Stellenanzeigen, zum Beispiel von Uni-Kliniken, Rehabilitations-Kliniken, Auslandskrankenhäusern, Berufsgenossenschaften und Behörden.
Differenziert nach Jahrgängen wurde dabei folgende Anzahl von Stellenanzeigen ausgewertet:
Aufgrund des Umfangs der Stichprobe und der zentralen Bedeutung der Zeitschrift Deutsches Ärzteblatt für die Stellensuche von leitenden Ärzten im Krankenhaus kann daher die Repräsentativität dieser Stichprobe in bezug auf Stellenanzeigen für leitende Ärzte im Krankenhaus angenommen werden. In den Stellenanzeigen sind die Merkmale ökonomische Verantwortung und wirtschaftliches Denken beziehungsweise allgemeine betriebswirtschaftliche Kenntnisse analysiert worden. Ferner wurde nach den Merkmalen EDV-Kenntnisse, Teamfähigkeit und allgemeine führungstechnische Fähigkeiten gesucht. Von Bedeutung für die Auswertung war ebenfalls, ob den Stellenanzeigen eine Angabe über die Versorgungsstufe des Krankenhauses zu entnehmen war. Abschließend wurde noch der Anteil der Krankenhäuser ermittelt, bei denen die Rechtsform einer GmbH angegeben war beziehungsweise grundsätzlich die Angabe einer Rechtsform erfolgte.
In den Stellenanzeigen wurde das Merkmal "ökonomische Verantwortung" in folgender Häufigkeit angegeben:
Nach konstanter Entwicklung der Nachfrage in Stellenanzeigen nach "ökonomischer Verantwortung" bei leitenden Ärzten steigert sich der Wert binnen eines Jahres um die Hälfte auf 3,3 Prozent im Jahr 1995. Trotz dieser Steigerungsrate hat dieses Merkmal in bezug auf den Gesamtumfang der ausgewerteten Stellenanzeigen jedoch nur eine untergeordnete Bedeutung.


Wirtschaftliches Denken
Das Merkmal "wirtschaftliches Denken" wurde in den Stellenanzeigen wie folgt nachgefragt:
Während im Jahr 1993 nur 1,8 Prozent aller Stellenanzeigen "wirtschaftliches Denken" bei leitenden Ärzten im Krankenhaus als Voraussetzung zur Besetzung einer Stelle forderten, steigert sich dieser Wert binnen eines Jahres im Jahr 1994 auf das Dreifache (5,4 Prozent) und auf der Basis von 1993 im Jahr 1995 auf mehr als das Fünffache (9,8 Prozent).
Interessant ist dabei insbesonders die Entwicklung dieser Merkmale im Verlauf des Jahres 1995:
Dabei steigert sich die Nachfrage dieses Merkmals binnen eines halben Jahres vom ersten zum zweiten Halbjahr 1995 um rund 300 Prozent, das heißt, im zweiten Halbjahr 1995 wird in 14 Prozent aller Stellenanzeigen zum Ausdruck gebracht, daß leitende Ärzte im Krankenhaus "wirtschaftliches Denken" zur Ausübung ihrer Tätigkeit benötigen.
Weiterhin wurde untersucht, inwieweit allgemein im Rahmen der Stellenanzeigen für leitende Ärzte im Krankenhaus betriebswirtschaftliche Kenntnisse verlangt wurden. Dazu wurden die Merkmale Kostenbewußtsein, Mitgestaltung betriebswirtschaftlicher Ziele, betriebswirtschaftliches Grundwissen, ökonomische Verantwortung und wirtschaftliches Denken in der Gruppe "Betriebswirtschaftliche Kenntnisse" zusammengefaßt:
Im Zeitraum von 1993 bis 1995 steigert sich die Nachfrage in den Stellenanzeigen nach betriebswirtschaftlichen Kenntnissen allgemein von rund zehn Prozent auf immerhin rund ein Fünftel aller Stellenanzeigen. Daraus folgt für das Jahr 1995, daß betriebswirtschaftliche Kenntnisse in immerhin 172 Stellenanzeigen für leitende Ärzte Voraussetzung waren.
Das Merkmal "EDV-Kenntnisse" wurde in folgender Häufigkeit angegeben:
Das Merkmal "Teamfähigkeit" wurde mit folgender Häufigkeit in DÄ-Anzeigen genannt:
Von 1993 bis 1995 steigert sich die Nachfrage nach Teamfähigkeit von leitenden Ärzten um rund 50 Prozent, und dies führt 1995 dazu, daß sie in immerhin 126 Stellenanzeigen gefordert wird.
Besonders auffällig ist dabei die Entwicklung dieses Merkmals im Laufe des Jahres 1995:
In 1995 verdoppelt sich demnach die Nachfrage nach Teamfähigkeit von leitenden Ärzten vom ersten auf das zweite Halbjahr und unterstützt damit nachdrücklich den aufsteigenden Trend seit 1993.


Führungstechnische Eigenschaften
Zur Untersuchung der Nachfrage nach führungstechnischen Eigenschaften von leitenden Ärzten wurden die Merkmale "Führungskraft", "Mitarbeiterführung", "Aufgeschlossenheit und Engagement", "Organisationstalent und Teamfähigkeit" in der Gruppe "Führungstechnische Fähigkeiten" zusammengefaßt. Eine Auszählung dieser Gruppe ergab folgende Häufigkeiten:
Über den Beobachtungszeitraum von drei Jahren verhält sich die Nachfrage nach führungstechnischen Fähigkeiten von leitenden Ärzten relativ konstant bei der Hälfte aller ausgewerteten Stellenanzeigen. Dieses Ergebnis ist deswegen erstaunlich, weil in der anderen Hälfte der Stellenanzeigen kein ausdrücklicher Wert auf Führungsfertigkeiten gelegt wird, obwohl der Arzt die Leitung über das medizinische Personal seiner Abteilung ausübt.
Weiterhin wurde ermittelt, inwieweit in den Stellenanzeigen eine Angabe der Versorgungsstufe wie zum Beispiel Grund-, Regel- oder Schwerpunktversorgung des Krankenhauses erfolgte:
Daraus ergibt sich ein anhaltend steigender Trend bei der Angabe der Versorgungsstufe der stellensuchenden Krankenhäuser. Da jedoch in 1995 fast die Hälfte aller Stellenanzeigen für leitende Ärzte ohne Angabe zur Versorgungsstufe ist, stellt sich die Frage, warum diese Angabe so häufig fehlt. Denn durch die Angabe der Versorgungsstufe kann dem potentiellen Stellenbewerber die Möglichkeit gegeben werden, Rückschlüsse auf den medizinischen "Standort" des Krankenhauses zu ziehen.

Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1996; 93: A-2204–2206
[Heft 36]

Anschrift der Verfasser:
Prof. Dr. phil. Günther E. Braun
Dipl.-Wirtsch.-Inf. Dirk Egner
Lehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere
Öffentliche Verwaltungen und
Öffentliche Unternehmen
Universität der Bundeswehr
München
85577 Neubiberg

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote