ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2001Deutliche Zunahme des Adenokarzinoms im Ösophagus: Unklare Datenlage

MEDIZIN: Diskussion

Deutliche Zunahme des Adenokarzinoms im Ösophagus: Unklare Datenlage

Dtsch Arztebl 2001; 98(5): A-259 / B-203 / C-191

Razum, Oliver; Becher, Heiko

zu dem Beitrag von Priv.-Doz. Dr. med. Elfriede Bollschweiler Prof. Dr. med. Arnulf H. Hölscher in Heft 27/2000
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LNSLNS Die Autoren merken zu Recht an, dass sich allein aufgrund klinischer Beobachtungen keine zuverlässige Aussage über eine mögliche Zunahme des Ösophaguskarzinoms in Deutschland machen lässt. Sie greifen folgerichtig auf bevölkerungsbezogene Daten zurück. Wir können uns jedoch weder ihrer Herangehensweise an die Datenanalyse noch ihren Schlussfolgerungen anschließen.
So scheint aus Tabelle 1 hervorzugehen, dass die altersstandardisierte Inzidenzrate des Ösophaguskarzinoms unter Männern im Saarland innerhalb von acht Jahren um ein Drittel angestiegen ist (von 6,1 auf 8,3 Fälle je 100 000 Einwohner und Jahr). Unklar bleibt, warum für diesen Vergleich die Jahre 1985 und 1993 gewählt wurden. Zöge man stattdessen die Jahre 1981 und 1994 heran, so läge die Zunahme sogar bei 170 Prozent. Nähme man hingegen die Jahre 1983 und 1996, so würde man einen Rückgang (!) der Inzidenz um mehr als ein Viertel beobachten (1). Die Erklärung für dieses Phänomen liegt natürlich in den vergleichsweise kleinen Fallzahlen, die von Jahr zu Jahr großen zufallsbedingten Schwankungen unterliegen. Trägt man die für den Zeitraum 1970 bis 1996 beim Robert Koch-Institut (1) zur Verfügung stehenden Daten zur Inzidenz des Ösophaguskarzinoms im Saarland grafisch auf, so lässt sich kein Anstieg feststellen (Altersstandardisierung auf Basis der deutschen Gesamtbevölkerung 1989). Wir haben die dort ebenfalls vorgehaltenen Daten zur altersspezifischen Inzidenz näher untersucht und fanden für den gleichen Zeitraum einen Anstieg in der Altersgruppe 50 bis 59 Jahre, begleitet von einem Rückgang in den Altersgruppen ab 70 Jahre.
Die erheblichen Schwankungen der jährlichen Inzidenzrate des Adenokarzinoms in Grafik 2 erklären sich aus einer noch geringeren Fallzahl. Hier beschreiten die Autoren einen unserer Ansicht nach unzulässigen Weg der Datenanalyse. Zum einen ist die lineare Regression anfällig für „Ausreißer“ unter den Messwerten. Ein solcher, wahrscheinlich zufallsbedingter Extremwert liegt für das Jahr 1993 vor. Würde man diesen einen Wert weglassen, so verliefe die Regressionsgerade waagerecht oder sogar nach unten geneigt und würde eine gleichbleibende oder sinkende Inzidenz über die Zeit anzeigen. Zum anderen halten wir die lineare (nicht transformierte) Regression im vorliegenden Fall einer Zeitreihenanalyse für ungeeignet, da sich aus der Abbildung wenig Anhalt für eine lineare Abhängigkeit zwischen Kalenderjahr und Krebsinzidenz ergibt. Indem die Autoren die Regressionsgerade auch noch über die berichteten Werte hinaus darstellen, implizieren sie einen Anstieg der Inzidenzraten in den Jahren ab 1994, ohne dies durch Daten abzusichern.
Wir können uns daher lediglich der Aussage der Autoren anschließen, dass in Deutschland zu wenig bevölkerungsbezogene Daten zur Krebsinzidenz zur Verfügung stehen. Für das Ösophaguskarzinom insgesamt finden wir eine Zunahme der Inzidenz in einer (jüngeren) Altersgruppe, die allerdings von einem Rückgang in höheren Altersgruppen begleitet ist. Eine Zunahme des Adenokarzinoms im Saarland lässt sich aus den im Artikel dargestellten Daten nicht ableiten.

Literatur
1. Robert Koch-Institut: Krebs: Aktuelle Trends zu Inzidenz und Mortalität. Altersstandardisierte Inzidenzraten für Ösophaguskarzinom bei Männern, Krebsregister des Saarlandes. Web-Seite des Robert Koch-Institutes, www.rki.de/gbe/krebs/trends/index. htm

Dr. med. Oliver Razum
Prof. Dr. rer. nat. Heiko Becher
Abteilung für Tropenhygiene und öffentliches
Gesundheitswesen
Im Neuenheimer Feld 324
69120 Heidelberg
E-Mail: oliver.razum@urz.uni-heidelberg.de

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